Aachen: Mit Fußgängerzonen ist erstmal Schluss

Aachen: Mit Fußgängerzonen ist erstmal Schluss

„Premiere mit Protesten” hieß die Schlagzeile am 1. November 1969 in der Aachener Volkszeitung. Vor 42 Jahren hatte die Stadt Dahmen- und Holzgraben in sogenannte „Fußgängerstraßen” verwandelt. Damals gingen die Taxifahrer auf die Barrikaden, Einzelhändler freuten sich auf steigende Umsätze.

Seitdem sind viele Kilometer autofreie Strecken vor allem in der Innenstadt hinzugekommen. Und wer den jüngsten Straßenumbau am Büchel und an der Kleinkölnstraße verfolgt, darf mutmaßen, dass es bald noch mehr werden.

Wenn es nach der SPD ginge, dürften am Büchel bald nur noch Anlieger mit dem eigenen Pkw verkehren - und die Peterstraße zwischen Elisenbrunnen und Bushof würde in einen autofreien Open-air-Busbahnhof verwandelt. „Zusätzliche Fußgängerzonen brauchen wir aber nicht mehr”, sagt SPD-Ratsherr Michael Servos.

Genauso wie alle anderen Fraktionen, möchten die Sozialdemokraten planerische Fehler am Elisenbrunnen reparieren. Dessen Sperrung für den Individualverkehr hatte man 1998 nach jahrelangen Versuchen unter dem Motto „Fußgängerfreundliche Innenstadt” und trotz erheblicher Kritik beschlossen. Und dort sollen bald - mehr als 13 Jahre später - wesentlich weniger Busse anrollen.

In diesem Fall zeigt sich auch Grünen-Ratsherr Michael Rau selbstkritisch: „Da ist einfach zu viel Aseag unterwegs, mit einem verkehrsberuhigten Bereich hat das wenig zu tun.” Und auch die Zufahrt Richtung Büchel über die Ursulinerstraße sei „unsäglich”. Hier müsse man die Verkehre dringend so ordnen, dass die Fußgängerzonen vom motorisierten Verkehr nicht mehr zerschnitten werden. Grundsätzlich gelte aber, dass die Innenstadt auch weiterhin - für Geschäftsleute und Anwohner - mit dem Auto erreichbar bleiben müsse.

„Wir zählen rund 35.000 City-Bewohner. Das ist für eine belebte Innenstadt enorm wichtig. Und diese Bürger darf man nicht durch verkehrsplanerische Fehler vergraulen”, erklärt Rau. Seine Vision: eine Fußgänger-Achse von der geplanten Kaiserplatz-Galerie bis zur Großkölnstraße. „Der untere Teil leidet unter den Leerständen. Da stößt auch die Politik an ihre Grenzen. Ändern können das nur die Geschäftsleute und Immobilienbesitzer vor Ort.”

Ein Paradebeispiel für eine gelungene Fußgängerzone sei die Ursulinerstraße am umgestalteten Elisenbrunnen. „Da hören wir nur Lob von allen Seiten”, sagt der Grüne.

CDU-Fraktionschef Harald Baal hält die Aachener Fußgängerzonen im Großen und Ganzen für gelungen. „Die Entwicklung ist sehr positiv. Deswegen gibt es im Moment auch keinen akuten Plan, weitere Straßen zu Fußgängerzonen zu machen”, sagt er. „Sinn macht eine Fußgängerzone ohnehin nur zwischen zwei stark frequentierten Punkten.” Wie bei der beschlossenen Autobefreiung des Klosterplatzes. Ob man in naher Zukunft die Idee realisiert, die dem Elisenbrunnen zugewandte Flanke des Theaters vom Autoverkehr auszuschließen und an den verkehrsberuhigten Bereich auf dem Friedrich-Wilhelm-Platz zuzordnen, sei völlig offen.

Besonders gespannt ist Baal, ob sich das „Shared Space”-Konzept am Templergraben bewährt. Im „Geteilten Raum” wird am RWTH-Hauptgebäude und vor dem SuperC zwischen Wüllner- und Schinkelstraße auf 180 Metern nur noch eine Höchstgeschwindigkeit von sieben Stundenkilometern erlaubt sein - für Autofahrer, Busse und Radfahrer. Baubeginn des 1,8-Millionen-Projekts sollte noch in diesem Sommer sein. „Wenn sich das Konzept bewährt, könnte dieses Modell auch anderswo sinnvoll sein”, erklärt Baal. Konkrete Pläne hierzu gibt es aber noch nicht.

Das Rad zurückdrehen will die CDU in Sachen Fußgängerzonen keinesfalls: „Niemand möchte sich vorstellen, dass wir wieder Autos quer über den Markt fahren lassen oder einen schnell getakteten Busverkehr vor dem Rathaus haben.”

Sogar die FDP signalisiert hier einen Kurswechsel. Wenn der Elisenbrunnen vom Busverkehr befreit würde, könne die Schneise zwischen Adalbertstraße und Altstadtkern endlich zur echten Fußgängerzone avancieren, erklärt FDP-Ratsherr Peter Blum. Ansonsten kämpfen die Liberalen weiterhin gegen die Verdrängung des Autoverkehrs aus der Innenstadt. Wie FWG-Ratsherr Hans-Dieter Schaffrath: „Sonst blutet die Stadt aus.”