Aachen: Mit 90 Jahren bleibt Leo Frings viel mehr als Dankbarkeit

Aachen : Mit 90 Jahren bleibt Leo Frings viel mehr als Dankbarkeit

Ihn den Aachenern im Allgemeinen vorzustellen, hieße, Printen ins Dreiländereck tragen. Von den Eilendorfern im Speziellen ganz zu schweigen — oder den Politikern, den Gewerkschaftern, den vielen Menschen, die sich in so vielen Vereinen engagieren.

Leo Frings hat sich wie kaum ein anderer dafür eingesetzt, dass der viel zitierte Gesprächsfaden zwischen „denen da oben“ und „denen hier unten“ nicht abgerissen ist — und das beileibe nicht nur in seinem Beruf als Fernmeldehandwerker bei der Deutschen Post.

Und noch ein Grund zum Feiern: Am 31. August haben Marlene und Leo Frings Diamanthochzeit gefeiert. Nächsten Sonntag freuen sie sich mit ihrer großen Familie auf viele Gratulanten im Jugendheim von St. Apollonia. Foto: Michael Jaspers

Als Kreisvorsitzender der CDU, als langjähriger Ratsherr und Gewerkschafter hat er die Stadt mit geprägt — und ist auch innerhalb seiner Partei zuweilen kräftig angeeckt. Am Sonntag wird der Vater von fünf Kindern, elf Enkeln und (zurzeit noch) drei Urenkeln 90 Jahre alt. Im Gespräch mit unserem Redakteur Matthias Hinrichs erzählt Leo Frings, warum er — zumindest offiziell — beinahe „erst“ seinen 89. begehen würde. Er schaut zurück auf ein langes, oft gar nicht so einfaches Leben und — wie stets — natürlich auch nach vorn.

Welches Gefühl beschleicht Sie als erstes, wenn Sie daran denken, dass Sie morgen bereits seit 90 Jahren auf dieser Welt sind?

Frings: Auf jeden Fall Dankbarkeit. Aber ich muss auch daran denken, dass meine Familie sehr oft zu kurz gekommen ist, weil ich ständig unterwegs war; dass meine Frau Marlene und meine fünf Kinder es wahrlich nicht leicht hatten. Was Marlene in dieser Zeit geleistet hat, ist einfach enorm. Ich war ja permanent eingebunden als Personalratsvorsitzender bei der Post, als Gewerkschafter, bei Vereinen und in der Politik. Ein bisschen plagt mich da schon das schlechte Gewissen.

Am 31. August haben Sie Diamanthochzeit mit Ihrer Frau Marlene gefeiert. Da steht wohl eine wilde Party ins Haus, oder?

Frings: (lacht) Schon wenn meine Familie zusammenkommt, ist das Haus mit 30 Leuten zu klein. Eigentlich wollten wir diesen Sonntag im Jugendheim von St. Apollonia feiern, aber da findet das Gemeindefest statt. Deshalb gibt es die Party dort erst nächste Woche Sonntag. Nach der Dankmesse am 17. September um 11.30 Uhr in St. Apollonia laden wir ab 12.30 Uhr ins dortige Jugendheim. Wir freuen uns über jeden, der kommt!

(Marlene Frings sitzt neben ihrem Mann, schmunzelt und schweigt. Sie wird es während des gesamten Gesprächs so halten — jedenfalls fast...)

Haben Sie ein Rezept, wie man es schafft, derart fit und in jeder Hinsicht agil zu bleiben?

Frings: Immer in Bewegung bleiben. Das ist meine Maxime. In unserem großen Garten habe ich ständig zu tun. Wir wandern viel umher, ich fahre immer noch fast jeden Tag mit dem Rad, auch zum Einkaufen und so weiter. Und natürlich bin ich sehr interessiert an vielen Dingen, an der Politik.

Ist Ihr Rat noch gefragt?

Frings: Also, ich mische mich längst nicht mehr ein. Aber ich helfe sehr gern, wenn ich darum gebeten werde. Ich bin ja auch Ehrenvorsitzender der CDA, der Arminia und bei mehreren Schützenvereinen. Manchmal kann ich noch immer vermitteln. Entscheidend war damals wie heute für mich: Wenn du wirklich etwas erreichen willst, musst du zu den Menschen gehen, die als Sachbearbeiter oder sonstwie direkt mit bestimmten Dingen befasst sind. Die entscheiden ja in der Regel.

Sie sind in einem christlich geprägten Haus aufgewachsen und haben sich schon als Teenager für die Kirche engagiert, obwohl das in der NS-Zeit gar nicht gern gesehen wurde. 1944 kam die Einberufung zur Wehrmacht. Stimmt es, dass Sie getürmt sind, weil Sie nicht für „Führer, Volk und Vaterland“ kämpfen wollten?

Frings: Ja. Für den 12. September ‘44 hatte ich den Einberufungsbefehl. Das war der Tag, an dem Aachen evakuiert wurde. Die Amis standen vor der Stadt. Ich war seit 1941 in der verbotenen katholischen Jugendgruppe aktiv. Bei der Schulentlassung wurden wir zwangsweise in die Hitler-Jugend überführt. Es gab da einige wenige Kameraden, die wie ich überhaupt keine Lust auf diesen „Verein“ hatten. Oft sind wir nicht im Gleichschritt gegangen, ließen die Hände demonstrativ in den Hosentaschen. Einmal wurde ich vom Ortsgruppenleiter einbestellt, weil ich mich mit einem HJ-Führer geprügelt hatte.

Und vor der Wehrmacht sind Sie tatsächlich abgehauen?

Frings: Ja. In Nirm gab es damals ein Kalkwerk mit einem unterirdischen Stollen als Bombenschutz. Da hab‘ ich mich erst mal versteckt. Als ich wieder nach Hause kam, stand meine ganze Familie da — fertig zur Flucht. Mir war klar, dass man mich als Deserteur erschießen würde, wenn sie mich schnappen. Bis Düren bin ich trotzdem mitgegangen. Wir haben erlebt, wie die Stadt völlig zerstört wurde. Ich habe es aber geschafft, mir einen Ersatzausweis ausstellen zu lassen, und mich genau ein Jahr jünger gemacht. Damit bin ich tatsächlich durchgekommen.

Wie ist es Ihren Eltern vor der Flucht ergangen?

Frings: Meinem Vater haben die Nazis das Leben schwer gemacht, meist wegen uns Kindern. Einmal machte die Polizei wegen der verbotenen Jugendgruppe Hausdurchsuchungen. Zehn Jugendliche wurden gefasst und bei der Gestapo sechs Wochen festgehalten. Danach wurde mein Vater eine Zeit lang täglich einbestellt, für die gesamte Familie bedeutete das, dass sie ständig auf der Hut sein musste.

Hatten Sie Angst?

Frings: Ich habe das als sehr junger Mensch eher als Abenteuer gesehen. Die Leute in der katholischen Jugend und ich, wir hielten uns für etwas Besonderes (lacht). Wir haben die berühmten Predigten des Münsteraner Bischofs Graf von Galen gelesen und auch Briefe der Geschwister Scholl verteilt.

Und nach dem Krieg? Hatten Sie Probleme, weil Sie als NS-Gegner bekannt waren?

Frings: Nein. Ich hab‘ das oft kundgetan und war stolz darauf. „Geschnitten“ wurde ich jedenfalls nie, obwohl ich keinen Hehl daraus gemacht habe, dass ich die Nazis verachtet habe. Zweimal wurde ich als Zeuge geladen, als ein paar Mitläufer im Entnazifizierungsausschuss befragt wurden.

Sie waren sehr engagiert in der Gewerkschaft, als Personalratsvorsitzender bei der Post, im Eilendorfer Gemeinderat, als Bezirksvorsteher, langjähriger Ratsherr, CDU-Vorsitzender, bei der CDA. Dabei sind Sie, weil Sie dem linken Parteiflügel angehört haben, oft auf Konfrontationskurs zur eigenen Partei gegangen. Sind die politisch Engagierten heute zu stromlinienförmig?

Frings: Ich erinnere mich genau, wie es Anfang der 80er zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen eher „linken“ Christdemokraten wie Geißler und Blüm und konservativeren wie Kohl kam. Ich bin damals sozusagen für Heiner Geißler in die Bütt gegangen. Wenn ich heute auf die Partei schaue, denke ich: Es gibt durchaus kritische Leute, die auch einen Konflikt mit dem Kurs von Angela Merkel keineswegs scheuen — allerdings weniger in den unteren Ebenen. Das war früher ganz anders. Ich habe den Eindruck, dass heute zum Beispiel in den Sitzungen der Ratsfraktion nicht mehr hart genug diskutiert wird. Ich halte das nicht für richtig! Ich habe als Ratsherr des Öfteren aus Gewissensgründen gegen den Kurs meiner Leute gestimmt — im Nachhinein betrachtet, lag ich dabei übrigens nicht immer richtig.

Woran liegt es, dass sogenannte Querdenker kaum noch in Erscheinung treten?

Frings: Mir scheint, dass viele vor allem Ämter anstreben oder fürchten, ihre Position zu gefährden. Früher war die CDU in den Stadtbezirken viel stärker, hatte oft die absolute Mehrheit. Wer heute in den Rat will, braucht dagegen oft einen sicheren Listenplatz. Ich vermute, dass das eine der Ursachen dafür ist, dass kontroverse Debatten intern nicht mehr so hart geführt werden.

Viele erkennen aber auch kaum noch einen Unterschied zwischen den sogenannten Volksparteien.

Frings: SPD und CDU haben sich inzwischen in der politischen Mitte getroffen. Beim TV-Duell zwischen Merkel und Schulz war das ja gut zu beobachten.

Ist das angesichts vieler „Sachzwänge“ nicht nachvollziehbar?

Frings: Ich halte es für gefährlich, wenn sich die großen Parteien nicht mehr wirklich unterscheiden. Denn davon profitieren vor allem Rechtspopulisten — sie beziehen daraus überhaupt erst ihre Daseinsberechtigung.

Müsste die CDU also wieder ein Stück weiter nach rechts rücken?

Frings: Ich glaube nicht. Mir wäre es lieber, die SPD orientierte sich ein Stück mehr nach links (lacht). Aber das wird nicht passieren.

Was empfinden Sie, wenn Sie sehen, dass ultrarechte Parteien wieder auf dem Vormarsch sind?

Frings: Das ist furchtbar. Sie geben ein Menschenbild vor, das menschenverachtend ist.

Wie kann man sie einbremsen?

Frings: Das wird schwierig. Unsere Gesellschaft hat sich verändert, manches läuft aus dem Ruder. Es gibt gewalttätige Fangruppen. Es gibt Gruppen, die bis aufs Messer zum Beispiel gegen die Braunkohleförderung kämpfen. Ihre Argumente mögen richtig sein, aber die Gewaltbereitschaft gibt Rechtsauslegern wie der AfD viel Rückhalt nach dem Motto: „Seht ihr, der Staat kommt gegen die nicht mehr an.“ Das halte ich für fatal.

Müsste „der Staat“ härter reagieren?

Frings: Bleiben wir mal bei den Aktionen gegen die Kohleförderung im Hambacher Forst: Die sind in der Regel rechtlich gedeckt. Aber wenn einzelne sich strafbar machen, sind sie meist nicht identifizierbar. Viele Polizisten sind frustriert. Ich glaube, da ist etwas durcheinandergeraten.

Gilt das auch für die Regierung? Was würden Sie der Kanzlerin — ganz allgemein — raten?

Frings: Zunächst muss ich sagen: Ihre Einstellung zur Flüchtlingsfrage unterstütze ich voll und ganz! Als es in Eilendorf darum ging, Wohnungen für Flüchtlinge bereitzustellen, haben Bürgerinnen und Bürger im Bezirk das zunächst abgelehnt. Nachdem meine Tochter Beate das „Eilendorfer Bündnis für Integration“ gegründet hatte, war der Widerstand sehr schnell erledigt. Das zeigt doch, dass man als Bürger immer noch viel erreichen kann! Was ich kritisieren würde, ist vor allem die Rentenpolitik. Es darf nicht sein, dass immer mehr Menschen in die Grundsicherung rutschen. Das Rentenniveau muss wieder steigen, statt ständig zu sinken.

Gestatten Sie eine sehr persönliche Frage zum Schluss. Was würden Sie heute anders machen, wenn Sie zurückschauen?

Frings: Ich würde auf jeden Fall versuchen, meine Arbeit und meine Interessen stärker mit meinem Familienleben in Einklang zu bringen. Vielleicht wäre das heute aber auch leichter. Früher gab es keine Handys, selbst als CDU-Kreisvorsitzender bin ich jeden Weg mit dem Fahrrad gefahren, bis nach Alsdorf oder sonst wohin. Irgendwann stand tatsächlich sogar meine Ehe auf der Kippe . . .

(Jetzt schaltet sich Gattin Marlene ins Gespräch ein, das sie meist mit stillem Lächeln verfolgt hat.)

Marlene Frings: Irgendwann war mir das alles endgültig zu viel, sage ich Ihnen. Der Mann war ja ständig unterwegs, er ist bis heute Mitglied in 25 Vereinen. Ich hab‘ ihm gesagt: Wenn das so weiter geht, dann siehst du mich nicht mehr wieder. Ich weiß noch, wie ein paar führende CDU-Leute mal bei uns vor der Tür standen. Mein Mann war natürlich nicht da. Ich sagte ihnen, ich hätte jetzt auch keine Zeit für sie — was meinen Sie, was ich mit fünf Kindern damals alles um die Ohren hatte (lacht)! Sie wollten übrigens, dass mein Mann als Landtagskandidat antritt.

Leo Frings: Dazu ist es ja dann zum Glück doch nicht gekommen. Ich bin glücklich, dass wir heute hier so froh beieinander sitzen. Und dass wir immer noch so gesund sind und eine so große Familie haben!

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