Aachen: Mit 1860 Sachen auf minus 106 Grad: Temperaturstürze in Aachen

Aachen: Mit 1860 Sachen auf minus 106 Grad: Temperaturstürze in Aachen

Von wegen Temperatursturz: Bei brütender Hitze haben die Besucher des Freibads Hangeweiher schon in der schwitzenden Schlange vor den Kassenautomaten genügend Zeit, nämlich etwa 30 Minuten, um sich auszumalen, wie erfrischend gleich der Sprung ins kühle Nass ausfallen wird. Aus 33 Grad Celsius Lufttemperatur in 24 Grad kalte Fluten.

Cool! Knapp 3000 meist junge Badehosen- und Bikini-Träger(innen) tauchen am gestrigen Mittwoch ein — bislang Tageshöchststand des Jahres. „Der Mai war mies, wir freuen uns jetzt über jeden Sonnentag“, sagt Freibadchef Torsten Liebl. Da die Wetterprognose schon für den heutigen Donnerstag dank Gewitterfront ebenfalls einen Temperatursturz von neun Grad verspricht, dürfte 2013 nicht weit oben in der Open-Air-Rekordtabelle verewigt werden. Zwischen 224.000 (1995) und 56.000 (2007) Freibadfans begrüßt Liebl pro Saison — je nach Hoch- oder Tiefdruckgebiet auf der Wetterkarte.

Minus vier Grad Celsius: Anni Roderburg im Fleischer-Kühlraum.

Dabei lassen sich auch bei Höchsttemperaturen einige Orte in Aachen finden, die — meist hinter verschlossenen Türen — mehr als eine Erfrischung versprechen. Abkühlung durch Wind liefert der Mittwoch zwar kaum: 9 bis 31 Stundenkilometer misst der deutsche Wetterdienst. Doch darüber kann Professor Marc Havermann an der FH Aachen nur müde lächeln. Der Aerodynamik-Spezialist vom Fachbereich Luft- und Raumfahrttechnik saugt und bläst nämlich durch seine zwei Windkanälen an der Goethestraße Luft mit bis zu doppelter Schallgeschwindigkeit — das sind 1860 Stundenkilometer für zehn Sekunden. Dabei stürzt die Temperatur in der Messkammer auf minus 106 Grad Celsius.

Erst minus 14, dann minus 40 Grad Celsius: Nach der Eismaschine durchläuft die Eiscreme von Cristian Fanni noch einen Schockfroster.

Mehr Ausdauer beweist das Tunnel-Monstrum im Nebenraum. Nicht nur weil der zweistöckige Apparat aus den 50er Jahren stammt und damit einer der ersten Windkanäle der deutschen Nachkriegszeit ist. „Kleine Flugzeugmodelle und Tragflächen können hier bei Windgeschwindigkeiten von bis zu 200 Stundenkilometern getestet werden — dabei beträgt die Temperaturabsenkung allerdings nur zwei bis drei Grad Celsius“, erläutert Havermann. Die Strömung produziert ein Propeller im geschlossenen Kreislauf, theoretisch stundenlang. Dann wütet brüllend ein Sturm durch die FH — für kühl kalkulierende Forscher.

200 bis 1860 Stundenkilometer: Die bis zu 106 Grad Celsius kalten Windkanäle von FH-Professor Marc Havermann. Foto: Michael Jaspers

Weniger Wind um Verfrorenes machen Franz und Anni Roderburg. Das Fleischer-Ehepaar sucht die Kühlräume der Metzgerei auch an Hochsommertagen nicht öfter auf als sonst. „Temperaturstürze gehen auf die Knochen“, sagt Roderburg. Auf zwei bis vier Grad Celsius temperieren die Aggregate die feinen Fleisch- und Wurstwaren — damit alles frisch auf dem Grill landet. Wobei der Heißhunger alljährlich mit dem Thermometer steigt.

Genau wie bei Cristian Fanni. Vor seinem Eiscafé „Del Negro“ sind die Schlangen noch länger als am Freibad. Wobei Fannis Kasse nicht nur Münzen, sondern auch Geldscheine akzeptiert — was den Kundendurchlauf, im Unterschied zum Hangeweiher, erheblich beschleunigt. Auf Touren kommt er in diesen Tagen vor allem an den Eismaschinen. Mit minus 14 Grad Celsius in der von einer Klimaanlage auf angenehme 20 Grad Celsius gekühlten Eisküche wälzt sich die cremige Eismasse genüsslich Richtung Thekenbehälter. Bevor der in der Auslage landet, wird die süße Erfrischung noch bei minus 40 Grad schockgefrostet. „So schmeckt‘s besser und hält länger“, sagt Fanni. Einige hundert Liter Eis lassen sich seine Kunden an Spitzentagen munden, die Sorte „Cookies“ ist der Renner des Sommers — wiederum bis zum nächsten Temperatursturz.

Den Minusrekord dürfte diesbezüglich die RWTH-Uniklinik halten. Da werden etwa in der Neuropathologie Nervenfasern bei Biopsien in flüssigem Stickstoff gelagert: minus 196 Grad Celsius. So kalt, dass Verbrennungen drohen. Dann doch lieber schwitzen.

Was bald wohl nur noch in den Carolus-Thermen klappt: Für die Reitturnierwoche CHIO kündigen die Meteorologen nämlich 15 Grad Celsius für Aachen an. Weitere Stürze nicht ausgeschlossen.

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