Aachen: Millionendeal um die Baumängel am Tivoli

Aachen: Millionendeal um die Baumängel am Tivoli

Gut Ding will Weile haben. Schon gar, wenn es um Millionensummen geht. Und so läuft die juristische Auseinandersetzung zwischen der Stadt und dem Duisburger Bauunternehmer Walter Hellmich nun schon seit fast vier Jahren.

Der Anlass: etliche Baumängel im und am fast noch neuen Tivoli und in dem Zusammenhang die Frage, wer für deren Behebung aufzukommen hat. Jetzt aber ist nach Informationen unserer Zeitung Licht am Ende des (juristischen) Tunnels erkennbar.

Kurz vor der Fertigstellung: Dieses Bild aus dem April 2009 zeigt den Bau des Dachs. Dessen Konstruktion war ebenfalls ein Streitthema — und eines, bei dem manche Frage unbeantwortet bleiben wird. Foto: Ralf Roeger

1,3 Millionen Euro Gegenwert

Stolperfallen: Der riesige Stadionumlauf — Aachens größte Platzanlage — ist teils schon seit Jahren sanierungsbedürftig. Foto: Michael Jaspers

Demnach hat man sich abseits des Gerichtssaals auf einen Kompromiss geeinigt. Dieser läuft dem Vernehmen nach darauf hinaus, dass Hellmich einen Großteil der Mängel reparieren wird. Die Rede ist von einem Gegenwert in Höhe von rund 1,3 Millionen Euro. Zudem soll es auch noch eine Zahlung seitens des Bauunternehmens an die „Aachener Stadionbeteiligungs-Gesellschaft“ (ASB), eine hundertprozentige städtische Tochtergesellschaft, in Höhe von rund 220.000 Euro geben. Damit könnte die ASB selber dann noch kleinere Reparaturen vornehmen. Mit dem Millionendeal könnte dann ein Schlussstrich unter das juristische Tauziehen der vergangenen Jahre gezogen werden.

Rückblick: Es dauerte nicht allzu lange, bis nach der Eröffnung des 50 Millionen Euro teuren Neubaus Schäden festgestellt wurden. So dürfte sich nicht zuletzt mancher Kicker gefragt haben, woher eigentlich in den Umkleidekabinen eines brandneuen Stadions Schimmel kommen soll. Antwort: Die Regenrinnen des Stadions waren laut Gutachtern derart fehlerhaft gebaut worden, dass regelmäßig Wassermassen überliefen, die in darunter gelegenen Räumen — etwa in Technikbereichen oder eben in den Kabinen — für die Schimmelbildung sorgten.

Um Wasser geht es auch in dem Tunnel neben dem ALRV-Stadion, durch den die Gästefans von ihren Parkplätzen ins Stadion geleitet werden. Diesen Tunnel nennt man scherzhaft „Fandusche“, denn bei Regen prasselt es wegen fehlerhafter Dichtungen von oben herab. Fehlerhaft war zum Teil auch die Rasenheizung. Ein Streifen entlang den Trainerbänken vor der Haupttribüne musste regelmäßig per Hand von Schnee befreit werden, weil die Anlage dort nicht funktionierte.

Ein weiterer Mangel betrifft Aachens größte Platzanlage: Am rund 20.000 Quadratmeter großen Stadionumlauf begannen sich schon vor Jahren Steine zu senken oder zu heben, was zu regelrechten Stolperfallen führte. Bei diesen Punkten handelt es sich aber nur um einen Ausschnitt. Insgesamt 63 Mängel wurden aufgelistet. Der entsprechende Schaden wurde mit 2,1 Millionen Euro beziffert.

Kurz vor dem Ablauf der fünfjährigen Gewährungsfrist — genau am 21. Oktober 2014 — reichten die ASB und der damals noch für das Stadion verantwortliche Insolvenzverwalter Frank Kebekus Klage gegen den Generalunternehmer Hellmich ein. Da zeichnete sich bereits ab, dass die Stadt das Stadion wenige Monate später mangels Alternativlösung für einen Euro kaufen würde. Auf den Kosten zur Beseitigung der Baumängel wollte man aber nicht auch noch sitzenbleiben.

Dubiose „Dach-Affäre“

Zum Gerichtstermin vor der 7. Zivilkammer des Aachener Landgerichts kam es rund ein Jahr später. Anfang Dezember 2015 trafen dort die ASB und Hellmich aufeinander. Bei dem Termin wurde heftig diskutiert und gerungen. Man stand sich letztlich unversöhnlich gegenüber. Dabei hatte Hellmich sogar angeboten, tatsächlich viele Reparaturen vorzunehmen. Sogar dort, wo er sich gar nicht für den Bau verantwortlich fühlte — etwa in Sachen Vorplatz. Doch ein Punkt verhagelte eine gütliche Einigung gründlich.

Zwischenzeitlich machte die Stadt auch noch etwas geltend, was man durchaus als kurios bezeichnen kann: Das Stadiondach soll falsch gebaut worden sein. Es ist nämlich de facto zu kurz. Wer in den vorderen Reihen sitzt, ist bei Regen nicht geschützt und wird nass. Für diesen vermeintlichen Mangel machte die ASB nochmals eine Million Euro obendrauf geltend. Dem wollte die Gegenseite ganz und gar nicht zustimmen. Im Gegenteil: Hellmich konnte prächtig kontern. Zwar gab es Verträge, die einen besseren Regenschutz vorsahen. Aber: Spätere Planunterlagen zeigen das Dach so, wie es heute ist.

Und die wurden vonseiten der Alemannia — damals noch Stadioneigentümerin — schriftlich abgesegnet. Warum? Hatte man vergessen, was im Vertrag stand? Gab es andere Gründe für die Zustimmung? Diese Fragen sind bis heute nicht geklärt. Und das ist beileibe nicht die einzige Merkwürdigkeit, die wohl nie erhellt werden wird. So hatte auch die Alemannia damals Baumängel geltend gemacht. Anfangs wurden ein paar davon behoben. Doch dann verschwand das Thema in der Versenkung. Auch da lautet die Frage: Warum?

War der Klub damals schon zu sehr mit der drohenden Insolvenz beschäftigt, um sich um solche „Kleinigkeiten“ zu kümmern? Gerüchte besagten, dass es möglicherweise Abstandszahlungen gegeben habe, die dann aber nicht in die Reparaturen, sondern in den Spielbetrieb flossen. Beweise fanden sich dafür nicht, wohl aber Indizien. Manches Schriftstück war jedoch offenbar spurlos verschwunden.

Die Dachkonstruktion wurde später abermals zum Thema, als es um die Befestigung der Kunststoffplatten an den Rändern ging, die anders als vorgeschrieben befestigt worden waren. Manche waren zudem bereits defekt. Das Problem konnte schließlich gelöst werden — und die Platten für diese Sonderkonstruktion konnten wider Erwarten neu besorgt werden. Jetzt hat man sich vorsichtshalber einen Vorrat davon angelegt. Schließlich folgte noch — abseits des längst laufenden Verfahrens um die Bauschäden — eine Mängelliste von mehr als 300 Punkten in Sachen Sicherheit und Technik. Das städtische Gebäudemanagement arbeitete die Liste unter Hochdruck und Federführung von Abteilungsleiter Bernhard Deil ab.

Zeitdruck wegen Sicherheit

Deil, mittlerweile also ein absoluter „Tivoli-Kenner“, wurde in der Folge ASB-Geschäftsführer. Bauunternehmer Walter Hellmich lobte Deil am Montag in Bezug auf den ausgehandelten Vergleich: „Da hat die Stadt jemanden gefunden, der den nötigen Sachverstand hat.“ Hellmich ist indes auch froh, dass diese Kuh vom Eis ist. Und Aachen habe schließlich „ein wunderschönes Stadion“. Die Stadt, die am Montag zu Details noch keine Stellung nahm, wird ebenso froh sein. Der Prozess hätte sich durch die Instanzen noch über Jahre hinziehen können.

Derweil aber müssen wegen der „Verkehrssicherungspflicht“ einige der Mängel dringend behoben werden. Das Wasserproblem hat sogar schon dazu geführt, dass hier und da Deckenteile heruntergefallen sind. Für diese Reparaturen hätte die Stadt in Vorleistung treten müssen. 22 der 63 Mängel hat die ASB bereits selber beseitigt. In Sachen „kurzes Dach“ werden zudem nun Bohrungen im unteren Tribünenbereich vorgenommen, damit das Wasser abfließen kann und keine größeren Schäden verursacht.

Bei der Stadt rechnet man damit, dass der entsprechende Vergleichsvertrag Ende Juni unterschriftsreif ist. Damit sind derzeit die Juristen beider Seiten beschäftigt. Über die merkwürdigen Details dieser Geschichte dürfte dann wohl auch bald Gras gewachsen sein. Die Wahrheit wird man hier wohl nicht mehr finden. Und nebenbei: Die Alemannia profitiert — zumindest finanziell — nicht von dem Deal.