Meldungen sexueller Gewalt gegen Frauen auch in Aachen auf Rekordhoch

Beratungskapazitäten sind erschöpft : Rückhalt-Verein braucht dringend mehr Personal

Seit mehr als einem Jahr sind die eingehenden Meldungen von weiblichen Opfern sexueller Gewalt in der Städteregion Aachen auf einem Rekordhoch. Das meldet der Verein bei Rückhalt.

Bereits Ende Oktober 2019 ist die Anzahl der zu beratenden Personen nahezu so hoch wie sie für das ganze Jahr 2018 war. Mehr Frauen trauen sich, suchen Hilfe, stellen sich ihren Ängsten und ihrer Vergangenheit. Dabei ist es egal, ob der Vorfall erst kurz zurückliegt, oder bereits Jahre her ist. Eigentlich ein sehr gutes Zeichen.

Für die Geschäftsführerin der Beratungsstelle gegen sexuelle Gewalt Rückhaklt, Agnes Zillingen, und ihr Team bedeutet dies jedoch eine kaum zu bewältigende Welle an Hilfesuchenden. Die derzeit fünf Mitarbeiterinnen versuchen seit Monaten zusätzliche Termine für Krisengespräche im ohnehin schon engen Kalender unterzubringen. Doch Prozessbegleitungen, bürokratische Anträge oder begleitete Gänge zur Polizei sind oftmals akut und nicht immer kalkulierbar.

Es müssen Abstriche gemacht werden. Die personellen Kapazitäten sind erschöpft. Seit Sommer gibt es eine Warteliste für Hilfesuchende. Eine Zumutung für die Opfer, die sich oft nur einmal zu einem Kontakt überwinden. „Die Dauerbelastung und das Gefühl, jemanden vertrösten zu müssen, ist schrecklich unbefriedigend. Für uns und für die Betroffenen. Es ist kaum auszuhalten“, bemerkt Monika Bulin. Sie ist verantwortlich für die Bereiche psychosoziale Prozessbegleitung und Prävention. Oft muss sie sich entscheiden, welche Probleme akuter sind, welche Termine verschoben werden können. Für sie ist die derzeitige Situation nur noch paradox. „Wir haben jahrelang Aufklärungsarbeit geleistet, uns gewünscht, dass mehr Frauen den Mut finden sich zu melden. Jetzt kann die Nachfrage nicht gestemmt werden.“

Helfen kann laut Rückhalt nur Eines: mehr Personal für die Beratung. Hierfür fehlen allerdings die nötigen Gelder. Der gemeinnützige Verein ist angewiesen auf Zuschüsse, Bußgeldzuweisungen oder Spenden. Die beiden Beratungsstellen in Aachen und Stolberg finanzieren sich bislang teils durch öffentliche Fördergelder vom Land Nordrhein-Westfalen und der Städteregion Aachen. Doch die reichen nicht aus. Zwischen 40.000 Euro und 60.000 Euro werden jährlich durch Eigenmittel aufgebracht. Wichtige Verwaltungsaufgaben, Buchhaltung, Spendenakquisition und Öffentlichkeitsarbeit werden überwiegend ehrenamtlich geleistet.

Das Angebot der Beratungstellen ist weit gefächert. Frauen finden bei Rückhalt psychologische Beratung, Begleitung bei Strafanzeigen oder Gerichtsprozessen und Unterstützung bei Anträgen auf Opferentschädigungen. Auch dritte Vertraute, wie Lehrer, Erzieher, Arbeitgeber oder Familienangehörige profitieren von der Arbeit des Vereins durch Präventionsworkshops, betriebliche Kooperationen und Aufklärungsfortbildung und -vorträge. Allein dieses Jahr berieten die Angestellten 408 Personen. Bloße Beratungskontakte gab es insgesamt 2354. Für fünf Angestellte kaum stemmbar. Die steigende Nachfrage wird zur Dauerbelastung.

Gisela Görres, Fachberaterin gegen sexuelle Gewalt, wünscht nun sich die Möglichkeit für einen Ausbau der strukturellen Kapazitäten. „Wir tun alles was wir können. Aber es geht so nicht weiter. Nur mit höheren Geldern können wir weitere Beratungsstellen einrichten und all den Frauen helfen, die danach bitten.“

Nebenbei finanziert der Verein mit Rückhalt-M seit zwei Jahren eine zusätzliche separate Beratungsstelle für von sexueller Gewalt betroffene Männer. Auch wenn für die Fortsetzung des Projektes im kommenden Jahr noch Geldes fehlen, sind hier im Gegensatz zur Frauenmeldestelle die terminlichen Kapazitäten noch nicht erschöpft.

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