RWTH-Forschungsprojekt: Mehrere Verkehrsmittel kombinieren die Aachener nur selten

RWTH-Forschungsprojekt : Mehrere Verkehrsmittel kombinieren die Aachener nur selten

159 Teilnehmer, 4500 Wege und mehr als 55.000 aufgezeichnete Kilometer: Das ist die Bilanz eines Forschungsprojekts an der RWTH, mit dem Wissenschaftler das Mobilitätsverhalten der Aachener untersuchen wollten. Wie viele Wege werden zu Fuß zurückgelegt? Wie oft fahren die Aachener mit dem Auto? Und wechseln sie während einer Strecke auch das Verkehrsmittel?

Das wollten Mitarbeiter des Lehrstuhls für Production Engineering of E-Mobility Component (PEM) zusammen mit dem E-Bike-Verleiher Velocity und dem Ford-Forschungsstandort Aachen herausfinden. Vor rund einem Jahr hatten die Wissenschaftler die Aachener dazu aufgerufen, für einen Zeitraum von mindestens zehn Tagen per Smartphone-App ihre Wege aufzeichnen zu lassen und der Wissenschaft zu „spenden“. Mit 200 Teilnehmern könne man bereits aussagefähige Daten für das Forschungsprojekt liefern, hieß es damals.

Ganz so viele Teilnehmer wie erhofft waren dem Aufruf allerdings nicht gefolgt, wie Philipp Bickendorf jetzt mitteilt. Seit zwei Jahren ist der Maschinenbauer als wissenschaftlicher Mitarbeiter am PEM tätig, seit dem Abschluss der Datenaufnahme ist er für das Projekt mit dem Titel „E-Bike Sharing Scheme“ („E-Bike-Mitbenutzungs-System“) zuständig. Ausgewertet haben er und sein Team die Daten von 159 Teilnehmern. Die meisten kommen aus dem Umfeld des Campus Melaten, 78 Prozent haben einen Hochschulabschluss. Die begrenzte Stichprobe sei zwar ein „Nachteil“, dennoch seien Ableitungen für das Mobilitätsverhalten dieser spezifischen Gruppe und im eingeschränkten Maße auch darüber hinaus möglich, ist er überzeugt. Klar ist jedoch: Repräsentativ ist die Studie nicht.

Eine Erkenntnis der Datenanalyse, die auf den ersten Blick verblüffen mag, ist: „In Aachen werden sehr viele Wege zu Fuß und mit dem Rad zurückgelegt“, sagt Bickendorf. Mehr als die Hälfte aller Wege mit einer Länge von drei bis fünf Kilometern haben die Teilnehmer mit dem Rad zurückgelegt. Erst ab einer Länge von mehr als zehn Kilometern ist das Auto das Verkehrsmittel der Wahl (49,4 Prozent; Fahrrad: 25,9). Da insgesamt die Weglänge in Aachen überschaubar sei, wurden rund zwei Drittel der Wege zu Fuß oder mit dem Rad zurückgelegt.

Das Forschungsprojekt hat aber noch mehr Erkenntnisse zutage gebracht: Auf einer Straßenkarte kann Bickendorf genau nachvollziehen, an welchen Stellen in Aachen Radfahrer ausgebremst werden und auf welchen Straßen überwiegend freie Fahrt gilt. Eine rote Linie steht für eine Geschwindigkeit zwischen 0,4 und 11,5 km/h, grün für 21,3 bis 34 km/h. Nur stockend kommen Radfahrer demzufolge vor allem im Innenstadtbereich voran, zum Beispiel am Friedrich-Wilhelm-Platz, auf der Peterstraße und der Theaterstraße. Deutlich schneller geht es auf der Lothringerstraße zu. Carla Wüller, studentische Hilfskraft am PEM, bezeichnet das grüne Liniengewirr, das sich auf der Straßenkarte einmal quer durch die Innenstadt zieht, als „grüne Achse“. Die Daten des Forschungsprojekts bestätigten damit einerseits, dass sich die Lothringer Straße bestens für eine Radvorrangroute eigne. Sie zeigten aber auch, dass eine entsprechende Route „notwendig ist, wenn man den Radverkehr fördern will“.

Foto: grafik

Ob mit dem Fahrrad oder doch mit dem Auto: Nur selten haben die Teilnehmer des Forschungsprojekts das Verkehrsmittel innerhalb einer Strecke gewechselt. „Wir haben kaum intermodale Wege festgestellt“, sagt Bickendorf. Dazu passt, dass gerade mal acht Prozent der teilnehmenden Männer und Frauen den Mobility Broker nutzen. Das Angebot der Aseag bündelt und vernetzt die verschiedenen Mobilitätsangebote (ÖPNV, Velocity, Cambio Carsharing) auf einer digitalen Plattform. Hier sehen die Wissenschaftler noch Ausbaupotenzial.

Das nächste Themenfeld haben die Wissenschaftler im Rahmen des dreijährigen Forschungsprojekts auch schon ausgemacht: Zum Thema „Last-Mile-Delivery“ wollen sie untersuchen, wie man die letzten Meter der Paketzustellung durch Lastenräder möglichst effizient gestalten kann. Einen Prototyp für ein entsprechendes Messgerät gibt es bereits.