Aachen: Mehr erreichen als gute Nachbarschaft

Aachen: Mehr erreichen als gute Nachbarschaft

Im Hof neben der Yunus Emre Moschee haben sich so manche Besucher versammelt, die man dort sonst womöglich nicht antrifft. Sie sitzen an Tischen im Halbschatten oder stehen in kleinen Gruppen beisammen und haben sich einiges zu erzählen.

Dichtes Stimmengewirr hängt in der Luft. Dazu gibt es Tee, Salate und Gebäck, jeder Gast ist eingeladen, sich selbst zu bedienen. Es sind nicht nur Muslime hergekommen am Tag der offenen Moschee (TOM), der in ganz Deutschland stattfindet. Das ist Süleyman Zembilci sehr wichtig, der stellvertretender Vorsitzender der Türkisch-Islamischen Gemeinde Ditib in Aachen ist. Er wirbt für ein harmonisches Zusammenleben aller Religionsgemeinschaften.

Viele Parallelen im Blick

„Wir möchten nicht nur ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis pflegen, sondern noch mehr Freundschaften knüpfen”, sagt er. Deshalb stehe die Tür der Moschee an der Stolberger Straße auch nicht nur heute offen, sondern täglich und für jeden.

Zumindest am gestrigen Feiertag ist sein Wunsch Wirklichkeit geworden. Denn Vertreter der drei großen monotheistischen Religionen haben sich vormittags im Gebetsraum zusammengefunden, um einem Vortrag zu lauschen und zu diskutieren. Es ging dabei vor allem um die Parallelen in den Religionen, die im Propheten Abraham ihren Ursprung haben. Das Erscheinen dieser Figur und ihre Wirkung auf die weitere Entwicklung von Judentum, Islam und Christentum stand im Mittelpunkt. So wurde weniger über Unterschiede der abrahimitischen Religionen gesprochen, sondern mehr über die die gemeinsame Basis ihrer jeweiligen Geschichtsschreibung.

Noch eine ganze Weile nach dem Vortrag sitzen manche im
Gebetsraum beisammen und tauschen sich aus. Zu ihnen gehört Hermann-Josef Beckers, der Dozent an der katholischen Hochschule in Aachen ist. Er bildet Sozialarbeiter aus und findet, dass sie mehr über den Islam lernen sollten. Denn noch immer wüssten die Angehörigen der verschiedenen Religionsgemeinschaften viel zu wenig übereinander. Dieses Unwissen schaffe Vorurteile auf allen Seiten. Deshalb sei er heute gekommen, „um mit den Leuten zu reden”.

Noch prägen Kräne das Bild

Ähnlich sieht das seine Gesprächspartnerin Ayse Ulufer, die zum Vorstand der Islamischen Gemeinde gehört und sich im Arbeitskreis „Dialog der Religionen” engagiert. Ihre „Dialogarbeit” mit Andersgläubigen solle das gegenseitige Kennenlernen fördern, sagt sie. Dabei würde häufig nicht nur über theologische, sondern auch über ganz alltägliche weltliche Fragen gesprochen.

Von alltäglicher Raumnot kann Süleyman berichten. Denn noch immer befindet sich die Yunus Emre Moschee in einem provisorischen, etwas gedrungenem Gebäude. Dicht daneben überragen zwei Kräne die große Baugrube, wo das repräsentative Gotteshaus mit hohem Minarett entstehen soll. Ein absackender Kran hatte zu Beginn der Bauarbeiten direkt wieder zu einem vorübergehenden Stopp geführt.

So wird die neue Moschee nicht Ende des Jahres fertig sein, wie ursprünglich geplant. Süleyman rechnet damit, dass der Rohbau Mitte des nächsten Jahres komplett sein wird. Wasser und Wind werden dann nicht mehr ins Innere dringen, der Umzug wird möglichst schnell folgen. Bis dahin wird es wieder regelmäßig sehr eng werden in der Moschee. 600 bis 700 Besucher erscheinen zum Freitagsgebet, an Feiertagen sind es bis zu 1200.

Gebetsteppiche vor der Tür

Dann müssen auch draußen Gebetsteppiche aus Kunststoff ausgelegt werden. Dieser Zustand ist derzeit gelebte Normalität, und Süleyman nimmt sie gelassen. Allerdings auch, weil ihr Ende immer absehbarer wird.

Die Einweihung der neuen Moschee soll natürlich ein großes Fest werden. Und zwar nicht „nur” für die Anhänger des islamischen Glaubens. Sehr gerne werden auch dann nichtmuslimische Gäste willkommen geheißen.