Aachen: „Medinetz“ knüpft an, wo Versicherung fehlt

Aachen : „Medinetz“ knüpft an, wo Versicherung fehlt

Es ist heiß im Raum, und ein Glas zerbricht — das liegt nicht nur daran, dass zahlreiche Gründungsmitglieder des Medinetz e.V. anwesend sind, sondern auch daran, dass hier alle Feuer und Flamme für die Idee des Vereins sind. Medinetz kümmert sich um das Menschenrecht auf medizinische Versorgung, auch und gerade für die Menschen, denen der Zugang zu medizinischer Versorgung in Deutschland versperrt ist.

Der Ausgangspunkt liegt auf der Hand: Artikel 25 der UN-Menschenrechtscharta besagt, dass jeder Mensch das Recht auf einen Lebensstandard hat, der sich und seiner Familie Gesundheit und Wohl gewährleistet, einschließlich ärztlicher Versorgung. Und das ist für Medinetz der springende Punkt.

Denn wer keine Gesundheitskarte hat, um sie beim Arzt zur Abrechnung vorzulegen, wird nicht behandelt — auch wenn es eigentlich verboten ist, einen Kranken abzuweisen. Wer immer privat versichert war, die Beiträge nicht mehr zahlen kann, gleichzeitig von einer gesetzlichen Krankenkasse aber nicht aufgenommen werden, ist nicht mehr krankenversichert. EU-Bürger, die sich hier niederlassen wollen, aber noch keinen Versicherungsschutz haben, ebenfalls. Von vielen Flüchtlingen ganz zu schweigen.

Das hat bei den jungen Menschen, die nun in den kostenlos zur Verfügung gestellten Räumen des Café Zuflucht an der Wilhelmstraße 40 die Temperatur in die Höhe treiben, dazu geführt, dass sie sich Medinetz angeschlossen haben und Bedürftigen in Aachen unter die Arme greifen. Seit Herbst ins Vereinsregister eingetragen, haben sie nun die strukturelle Basis gelegt, um aktiv werden zu können. Viele Ärzte und Dolmetscher werden angesprochen, ehrenamtlich zu helfen, und oft sind die Antworten positiv. Mittlerweile zählen knapp 20 Ärzte zum Team, die Dolmetscher sorgten für einen vielsprachigen Flyer, und so kann seit Februar die Arbeit an den Menschen gebracht werden.

Alle im Raum absolvieren ein Medizinstudium, aber das ist keine Voraussetzung fürs Mitmachen. „Wir sind noch ein junger Verein, haben 40 Mitglieder und brauchen noch jede Menge Unterstützung“, sagt Jonathan Frederik Brozat. Juristen könne man gut gebrauchen, aber auch Hebammen oder Zahnärzte oder Psychologen…

Die Wunschliste ist noch lang, aber der Enthusiasmus, der von den „Medinetzern“ ausgeht, fast greifbar. Neben der aktiven Hilfe benötigt man auch Spenden, denn die Unterstützung soll kostenlos oder zumindest günstig sein. Hier arbeiten alle unentgeltlich, so dass nur für Medikamente oder Operationen Geld nötig ist. „Aber das ist natürlich auch schon einiges“, stellt Nwabata Oji klar.

Bedürftige werden nach dem Krankheitsbild eingeschätzt und zum Arzt oder ins Krankenhaus begleitet. Denn eines ist auch wichtig: „Viele Menschen ohne Aufenthaltsstatus gehen aus Angst nicht zum Arzt. Sie fürchten, gemeldet und ausgewiesen zu werden. Das kann bei ansteckenden Krankheiten durchaus fatale Folgen haben“, schildert Claudia Quitmann ein ganz reales Problem.

Deshalb sorgt man hier dafür, dass eine Behandlung anonym erfolgt und dem Kranken keine Nachtteile entstehen. Der Verein ist zwar gerade erst gegründet, aber bei Medinetz heißt das Ziel: Der Verein muss überflüssig werden. In Düsseldorf konnte nach einer Vereinbarung mit der Stadt der Verein abgemeldet werden, dort hat man Lösungen für die Probleme gefunden. Und wenn Scherben Glück bringen, dann ist das zerbrochene Glas am Anfang der Informationsrunde ein gutes Omen.

(ps)
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