Aachen: Markttreiben statt Rotlicht am Aachener Büchel?

Aachen: Markttreiben statt Rotlicht am Aachener Büchel?

Seine Begeisterungsfähigkeit ist ansteckend. Wenn Paul Radermacher von „seinem“ Vitalismarkt erzählt, gerät der Ideengeber fast selbst ins Schwärmen. Die Idee ist auch faszinierend. Eine neue Mitte für Aachen, ein Ort des Handels, der Begegnung, der Kommunikation. Dort, wo derzeit Menschen hinter roten Laternen verschwinden, soll wieder urbanes Leben zum Vorschein kommen.

„Aachen muss sich hier an seine eigene Lebensgeschichte erinnern und zum ,urbs aquensis‘ bekennen“, sagt Radermacher, der bis zu seinem Ruhestand vor 13 Jahren fast 30 Jahre als Stadtplaner im Dienst der Stadt stand.

Das Nikolausviertel rund um die Antoniusstraße: Mitten im Herzen der Stadt herrscht seit vielen Jahren Tristesse pur. Die besonderen Potenziale dieses historischen Ortes werden bei den aktuellen Planungen nicht berücksichtigt, sagt der ehemalige Stadtplaner Paul Radermacher, der seine Ideen bis ins Detail ausgearbeitet hat (kleines Bild). Foto: Andreas Steindl , Michael Jaspers

Das Nikolausviertel: seit Jahrzehnten bestimmt durch Bordell und Parkhaus, Tristesse pur, Hinterhofatmosphäre im Herzen der Stadt. Das soll sich eigentlich ändern. Doch es herrscht Stillstand. Und genau den will Paul Radermacher genutzt wissen.

Alles auf Anfang, könnte die Devise heißen — neu denken, frische Ideen und eine Rückbesinnung auf Bewährtes, so das Plädoyer. „Der Büchelbereich hat für unsere Stadt den gleichen Wert wie Münsterplatz, Katschhof und Elisenbrunnen“, sagt Radermacher. Nur könne man seit dem Kriegsende nichts mehr wahrnehmen von der Urgeschichte Aachens. Was an Bebauung — ob mit oder ohne Rotlichtbereich — derzeit im Gespräch ist, nennt Radermacher „städtebauliche Banalität“.

Von der sich der Stadtrat schleunigst verabschieden solle. Jetzt, wo sich nichts bewege und die belanglosen städtebaulichen Ziele planungsrechtlich noch nicht verankert sind, sei die Chance gegeben, „die Quelle der Stadt wieder öffentlich bewusst“ zu machen. Man könne sich gut vorstellen, dass sich in diesem etwa 2,5 Hektar großen „Heilwasserbezirk zwischen Münsterplatz und Komphausbad-straße jahrhundertelang gern besuchte Begegnungsstätten jeder Art befunden haben“, sagt Radermacher.

Und ein solches Forum soll nach seinen sehr detailgenau ausgearbeiteten Vorstellungen dort wieder zum Leben erweckt werden. Der Büchel müsse den Bürgern und den Gästen aus Nah und Fern „zur öffentlichen und offenen Handhabung zur Verfügung stehen“.

Die Zauberformel lautet also „Vitalismarkt“ — ein offener Markt, bestehend aus festen Pavillons, aus Buden und Ständen. Ein Einzelhandelsmarkt für den täglichen Bedarf an Lebens- und Genussmitteln — „ein von Sympathie getragener Treffpunkt für ein farbiges, munteres Beisammensein“, schreibt Radermacher in seinem Konzept.

Er hat konkrete Vorstellungen, wie dieses neue Zentrum genutzt werden könne: „Ein Bürgermarkt muss nicht nur dem Einzelhandel dienen, sondern er kann auch ein Markt der Informationen sein, er kann alles, was in der Stadt aktuell und dauerhaft an Kultur-, Bildungs- oder Freizeitaktivitäten angeboten wird, bekanntgeben.“ Dort könnten private und öffentliche Veranstaltungen, Theateraufführungen, Konzerte und Kleinkunst stattfinden. Durch natürliche Höhenunterschiede des Geländes von der Kleinkölnstraße zum Büchel hin würde sich der Bau einer Open-Air-Bühne anbieten.

In einem solchen „Vitalismarkt“ sieht Paul Radermacher ein Alleinstellungsmerkmal für Aachen. Einen Magneten, der weit über die Grenzen der Stadt hinaus wirken kann. „Die Markt-Pavillons in Fläche und Höhe, die vielfältigen Nutzungen, das kleinteilige Wegesystem, alles wird auf die besondere Eigenart eines Marktlebens zugeschnitten.“ Der Markt habe einen eigenen Charakter und eine eigene Seele wie Elisenbrunnen, Münsterplatz und Katschhof. Er werde die Stadt „an einer Stelle früherer praller Lebenslust wieder mit Leben und Lebensfreude erfüllen“.

Als fatal bezeichnet es Radermacher, wenn zwischen den Schwerpunkten Dahmengraben, Mefferdatisstraße, Kleinköln- und untere Großkölnstraße sowie der unteren Adalbertstraße „mit ihren wenig befriedigenden und eher langweiligen Angeboten“ ein weiterer „banaler Raum“ geschaffen würde. Radermacher sieht darin „die Gefahr eines schleichenden Todes unserer historisch einmaligen Stadt“.

Paul Radermacher will mit seiner Studie eine neue Diskussion in Gang bringen. Die Frage, wie sich die Stadt weiteentwickelt, gehe jeden etwas an, sagt der 73-Jährige. Das Forum erreicht man per Mail unter vitalismarkt.ac@web.de.

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