Maria Wallisfurths Buch „Sie hat es mir erzählt“ erscheint in Amerika

Authentisches Zeitdokument aus der Region : Buch über taubstumme Eltern schafft es bis nach Amerika

„Meine Eltern waren taubstumm. Ich war ihr einziges Kind, und ich hörte und sprach für sie.“ So beginnt ein Buch der Maria Wallisfurth aus Aachen. „Sie hat es mir erzählt“ erschien vor 40 Jahren, 1979. Vier Jahrzehnte später ist es nun auf dem amerikanischen Buchmarkt erschienen.

Im Februar wird Maria Wallisfurth 92 Jahre alt. Die älteren Freunde des Aachener Stadttheaters erinnern sich: Von 1971 an war Maria Wallisfurth bis zur Rente 21 Jahre am Theater als Souffleuse, Inspizientin und Schauspielerin verpflichtet. Mit „Sie hat es mir erzählt“ hat die Autorin nicht nur ihren Eltern ein Denkmal gesetzt. Ihr Buch ist zugleich ein authentisches Zeitdokument über die Aachen-Eifeler Region in den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts. Es berichtet mitfühlend vom Schicksal taubstummer Menschen und ihrer Lebensbewältigung, es erzählt mit Liebe zum Detail über eine versunkene Welt.

Schon als hörendes, von der Mitwelt ob der taubstummen Eltern gehänseltes Kind zog es Maria magisch hin zum Lesen, zur Literatur, zum Theater, zum Schreiben und zur feinen, genauen Aussprache. Diese Leidenschaft ist im Buch der Maria Wallisfurth Seite für Seite erlebbar. Leichthin erzählt sie in bestechender Weise. Der Leser staunt, begreift, lacht und weint.

In der Fachwelt der Taubstummen und Gehörlosigkeit bis heute hoch gerühmt, blieb diesem beeindruckenden Buch erstaunlicherweise, trotz 13 kleinerer Auflagen, der ihm gebührende literarische Rang versagt. Die Schriftstellerin und Literaturkritikerin Elke Heidenreich urteilte: „Sie sollten dieses Buch lesen, weil es ein sehr anrührendes ist aus einer harten Zeit.“

Nach 40 Jahren gibt es nun eine amerikanische Ausgabe

40 Jahre nach der deutschen Erstausgabe wagt der Verlag „Gallaudet University Press“ der Universität Washington eine amerikanische Ausgabe. Das Glück stand Pate. Maria Wallisfurth las wie so oft als Ehrengast aus ihrem Buch in Berlin auf einem Kongress einer weltweiten Vereinigung von Kindern taubstummer Eltern. „Dieses Buch muss dringend übersetzt werden und in Amerika erscheinen“, begeisterte sich eine Dame aus Washington, ihre Freundin sei Lektorin bei Gallaudet...

So kam alles ins Rollen. Tochter Cornelia Wallisfurth, 67, machte sich daran, Mutter Marias „Sie hat es mir erzählt“ ins Amerikanische zu übersetzen. Englisch ist für die Historikerin zweite Muttersprache, sie hat lange in London gelebt, studiert und geforscht und mit „Untersuchungen zur agrarischen Sozialstruktur und zum bäuerischen Widerstand in Sussex 1509 – 1709“ promoviert. Englisch ist nicht Amerikanisch, das Manuskript musste mehrfach hin und her über den großen Teich, bis am Ende der Uni-Verlag das Kompliment machte: „Ein so feines, sensibles Buch hat unser Haus noch nicht publiziert.“

Fotos aus der Eifel und Eilendorf

Beim Aachener Zoll landete ein Jute-Schiffsack mit sechs Beleg-Exemplaren: „The stories they told me“ heißt der amerikanische Titel und ergänzt im Untertitel: „The life of my deaf parents.“ Hardcover, 257 Seiten, im Gegensatz zu den deutschen Ausgaben illustriert mit Fotos der Familie aus der Eifel, aus Eilendorf und dem alten Aachen.

„Die Geschichten, die sie mir erzählten, das Leben meiner taubstummen Eltern“: Um zu erfahren, zu begreifen, fragt Maria Wallisfurth ihre Mutter Maria immer wieder: „Bitte du mir erzählen von früher... Was ich sagte, musste sie mir von den Lippen ablesen. Mit ihrer unartikulierten Stimme, mit Hilfe von Gesten und Mimik erzählte sie mir, in meist unvollständigen Satzbildungen.“

Aus Gesten und Mimik, aus unartikulierten und halben Sätzen formt Maria Wallisfurth über Jahre hinweg die den Leser nicht mehr loslassenden Geschichte, erzählt von der 1897 in Freilingen bei Blankenheim geborenen Mutter Maria Giefer, das Kind, über das sich die Freilinger erst wundern und sich dann sagen: „Welch ein Unglück! Das erste Kind vom Hubert Giefer kann nicht hören und nicht sprechen! Es ist taubstumm!“

Es sind Erzählungen vom bäuerlichen Leben in der Eifel, von Dreschflegeln und harter Arbeit auf dem elterlichen Bauernhof, von Not, vom Besuch Marias in dieser großartigen Taubstummenanstalt „An der Schanz“ in Aachen, von den Spaziergängen mit dem Taubstummenlehrer durch Aachens alte Gassen, von Neu-Moresnet und Alt-Linzenzhäuschen, vom Besuch des Kaisers in Aachen und warum das Congreß-Denkmal so heißt, von Schustern und Schäfern und Schafscherern, vom Krieg und den Gefallenen, von hungernden Städtern, die 1917 „wie eine Plage“ über die Dörfer herfallen.

Die Autorin erzählt von Hof zu Hof ziehenden Schustern, vom Verlust des Butterländchens Eupen-Malmedy, von Marias Pflegestellen und ihrer Lehre als Näherin, von ihren Stellen als Hausgehilfin, vom Taubstummenverein, in dem sie den taubstummen Anstreicher und Hobby-Fotografen Wilhelm Sistermann aus Eilendorf begegnet und lieben lernt, von den Zügen, in denen die belgischen Besatzer deutsche Geiseln mitfahren lassen, um sich vor Anschlägen zu schützen, von Inflation und Separatisten, von Teppichstopferinnen, Senffrauen und Laternenanzündern, vom Pannhaus in Eilendorf und der Industrie in Rothe Erde, von Marias und Wilhelms Hochzeit, ein innig verbundenes Paar, von den Problemen dieser sozial schwerstbehinderten Menschen, von der Geburt ihrer „kleinen Maria“ zwei Jahre später und von der aufregenden Entdeckung von Vater und Mutter und ihren nicht enden wollenden Jubelrufen über ihr Kind: „Kann hören! Kann hören!“, über die Angst der Eltern, das hörende Kind könne sie, die Taubstummen, „verstoßen“.

Die „kleine Maria“ schreibt fünf Jahrzehnte später als Autorin Maria Wallisfurth auch von der Zwangssterilisation von Vater und Mutter im Nazi-Regime, erschütternde Seiten voll dramatischer Wucht.

Übersetzung aus Liebe heraus

Die Mutter Maria Sistermann, geborene Giefer, starb schon früh mit 60 Jahren. Witwer Wilhelm lebte noch sechs Jahre im Haushalt der Tochter Maria Wallisfurth.

Enkelin Cornelia, erzählt die Autorin, „hat ihn hochgeschätzt, für ihn alles getan und ihm alles erklärt, Opa war ihr Vorbild als Mensch, und für meinen Vater war Cornelia das Glück seines Alters. Aus diesem Gefühl, aus dieser Liebe heraus hat sie mein Buch ins Amerikanische übersetzt“. „Ich freue mich“, sagt die feine, alte Dame.

„Sie hat es mir erzählt“ von Maria Wallisfurth; unter diesem Titel erschien 1979 die Erstausgabe im Verlag Herder, 279 Seiten; spätere Ausgaben bei anderen Verlagen trugen auch den Titel: „Lautlose Stille.“

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