Aachen: Maria Riga erzählt, was gute Märchen ausmacht

Aachen: Maria Riga erzählt, was gute Märchen ausmacht

Aschenputtel, Schneewittchen oder Peter Pan — die Klassiker unter den Märchen hat wohl jedes Kind schon einmal gehört und kennt ihr Ende. Doch nicht jedes Ende einer Geschichte ist schon geschrieben, wenn man anfängt sie zu erzählen. Das weiß auch Maria Riga.

Die gebürtige Griechin lädt Kinder mittwochs und samstags in die Bücherecke der Stadtbibliothek ein, um ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen und mit ihr Geschichten zu erfinden. Dieses Jahr feiert sie ihr zwanzigstes Jubiläum. Im Interview mit unserer Zeitung spricht sie über die Anfänge, dass Kinder auch ihren Freiraum brauchen und den pädagogischen Wert des Märchenerfindens.

Mit einer Autofahrt nach Südfrankreich vor 25 Jahren hat alles angefangen. Damals haben Sie begonnen, mit ihrer Stieftochter und ihrer Freundin Märchen zu erfinden. Erinnern Sie sich noch daran, was Sie damals inspiriert hat?

Maria Riga: Alles kam ganz spontan. Die Landschaft hat uns inspiriert: Die Sonne, die Blumen. Schnell kamen die Kinder auf eigene Ideen, die sie in die Geschichte einbrachten. Und das hat auch meine Fantasie weiter angeregt. Bei uns Zuhause ist es schnell zu einem Ritual geworden, mit dem wir auch Probleme ansprechen konnten. Es war ein großer Erfolg.

Aber immer in der Form eines Märchens?

Riga: Ich bin Soziologin und Pädagogin und das Medium Märchen war für mich immer ein gutes Mittel, um mit Kindern zu kommunizieren, ihnen etwas beizubringen oder zu erklären. Es ist leichter, Kindern komplizierte Sachen zu erklären, wenn man es in ein „es war einmal“ verpackt. Sie hören besser zu.

Nicht nur bei Ihnen Zuhause. Schon seit 20 Jahren kommen Kinder zur Ihrer Märchenstunde in die Aachener Stadtbibliothek. Was ist Ihr Erfolgsrezept für ein gutes Märchen?

Riga: Die Kinder werden in die Erzählungen mit eingebunden. Sie dürfen drei Wünsche äußern, die in der Geschichte vorkommen sollen. Von Auto, Raumschiff bis hin zu Rollschuhen und Kassettenrekorder war schon viel dabei. Die Kinder haben sehr kreative Ideen.

Das sind nicht unbedingt Gegenstände, die man in einem Märchen erwartet. Ist es sehr schwierig auf alle Wünsche der Kinder einzughen?

Riga: Genau das war und ist für mich die Herausforderung: Ein traditionelles Märchen zu erzählen, in dem die Vorstellungen der Kinder nicht zu kurz kommen.

Lassen Sie sich komplett von den Kindern leiten, wenn Sie zur Tür hereinkommen oder bereiten Sie die Vormittage genau vor?

Riga: Ich überlege mir schon vorher ein Thema, aber es soll erst einmal dabei helfen, die Fantasie der Kinder anzuregen und sie zu inspirieren. Ich gebe mit Wörtern wie „Himmel“ oder „Piratenschiff“ lediglich den Rahmen vor, was dann im Himmel oder auf dem Piratenschiff passiert, entscheiden die Kinder eben durch ihre Wünsche und Vorstellungen.

Wie genau kann ich mir eine ihrer Märchenstunde vorstellen?

Riga: Die Betonung liegt auf dem Erzählen. Wir schreiben nie etwas auf, sondern erfinden und kreieren etwas zusammen und halten es dann in unseren Gedanken fest. In 25 Jahren hatten weder ich noch die Kinder den Wunsch danach. Das Spannendste ist, dass niemand weiß, wie sich die Stunde entwickelt. Wir gehen dorthin, wo uns die Geschichte hinführt. Der Weg ist das Ziel. Wir haben kein klares Ziel. Wir bewegen uns einfach durch eine Geschichte. Wo wir am Ende rauskommen, stellt sich erst unterwegs heraus.

Warum haben Sie nie eine Geschichte aufgeschrieben? Bereuen Sie es heute, dass sie einige nicht festgehalten haben?

Riga: Ich liebe die Inspiration. Ich weiß, die Kinder sind da und wir erfinden eine Geschichte und die geht auch wieder. Und beim nächsten Mal schaffen wir etwas Neues, und zwar zusammen.

Wie kommt es, dass die Kinder Sie gerade in der Bibliothek finden?

Riga: Die Stadtbibliothek hatte eine Anzeige in der Zeitung aufgegeben und nach Leuten gesucht, die Märchen vorlesen wollen. Ich kam vorbei und habe gefragt, ob ich auch Märchen erfinden könnte und das hat funktioniert.

Sie machen das nun schon einige Jahre und haben Übung. Kann jeder ein „Märchenerfinder“ sein?

Riga: Klar, solange man sich frei macht. Man darf nicht darüber nachdenken, wie man auf andere wirkt und vor allem nicht mit dem Anspruch herangehen: Ich erfinde jetzt die tollste Geschichte, denn nicht jede Geschichte ist perfekt. Auch bei mir nicht.

Haben Sie schon einmal versucht das Erfinden anderen beizubringen?

Riga: Ich habe schon einmal ein Seminar für Erzieherinnen gemacht. Im November findet das nächste Seminar statt und ich möchte diese Technik des Märchenerfindens gerne weitergeben, da man sehr gut dadurch mit den Kindern kommunizieren kann und hilft, näheren Kontakt zu den Kindern zu bekommen. Ich möchte es auch anderen Erwachsenen beibringen. Natürlich auch Eltern.

Kommt es denn vor, dass auch Eltern zu ihren Märchenstunden kommen?

Riga: Häufig sitzen die Eltern bei den Stunden dabei. Die nehme ich dann auch gerne in Anspruch. Sie sollen mit erfinden.

Was ist das wichtigste?

Riga: Die Kinder brauchen Ihren Freiraum. Einige äußern sofort ihre Wünsche. Andere brauchen länger, um sich einzubringen. Und auf diese muss man warten. Wichtig ist auch, dass die Kinder in einen Raum kommen, in dem die Märchenwelt präsent ist.

Da bietet sich die Kinder- und Jugendbibliothek natürlich an

Riga: Die Bücher in der Bibliothek helfen uns, genauso wie die Möbel. Aber auch alles, was sich im Raum bewegt, also auch die Mitarbeiter und Besucher. Wir suchen uns auch Themen wie „den Himmel auf die Erde holen“ und nehmen dazu Bücher, wo der Himmel abgebildet ist. Dann kommt der Himmel schon mal in die Schublade.

Ein Vierteljahrhundert ist eine lange Zeit. Gibt es Unterschiede zu den Märchenstunden früher und heute?

Riga: Es gibt wirklich gar keine Unterschiede. Die Kinder sind nach wie vor davon fasziniert, von einer erwachsenen Person ernst genommen zu werden und mit ihr etwas zu erschaffen. Allein dass ich den Kindern während des Erzählens in die Augen gucke, erstaunt sie oft. Das hat sich die Jahre über nicht verändert.

Was ist der große Unterschied zum Vorlesen?

Riga: Beim Vorlesen geht es ums Zuhören. Erfindet man eine Geschichte, arbeitet man als Kollektiv zusammen.

Wie ist das Verhalten unter den Kindern? Gibt es auch manchmal Streit, wenn es um die Wünsche geht?

Riga: Nein. Sie entwickeln alle ihre etwas eigene Geschichte in ihrer Fantasie. Zum Schluss frage ich immer, unter welchem Bild sie die Märchenstunde abspeichern würden und das Faszinierende ist: Auch die ruhigeren Kinder melden sich zu Wort. Abschließend suchen wir immer einen Namen für die Geschichte. Jedes Kind hat eine andere Idee. Manchmal schlägt auch nur ein Kind einen Titel vor und die anderen sind damit einverstanden. Dann heißt das Märchen auch mal „Christina“. Uneinigkeit gibt es nicht. Das ist für mich ein wichtiges Merkmal, ein anderes ist, dass noch nie ein Kind aufgestanden und gegangen ist.

Und was merken sie sich?

Riga: Nicht das Auffälligste oder Imponierendste. Sie suchen sich immer ein kleines Ereignis oder ein Tierchen, was kurz aufgetaucht ist, aus.

Die Kinder, die zu Ihnen kommen, sind zwischen vier und neun Jahre alt. Warum erfinden sie gerade mit dieser Altersgruppe Märchen? Sie könnten ja auch ältere Kindern dazunehmen.

Riga: Meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass man jüngeren Kindern selten Raum gibt, zusammen mit anderen Gleichaltrigen und Erwachsenen etwas zu entwickeln, auf dass sie Lust haben und ihnen nicht nur etwas erzählt oder vorliest. Es geht um das „wir“. Kleine Kinder sind für das Erfinden prädestiniert. Sie können in der Erwachsenenwelt am wenigsten mitgestalten, denn sie sind diejenigen, denen Vorschriften gemacht werden. Die Interaktion zwischen Kindern und Erwachsenen steht dabei im Vordergrund.

Für viele Kinder stellen Sie sicherlich eine Art Märchentante da, die sie in eine andere Welt entführt. Wie sehen Sie selbst ihre Arbeit?

Riga: Ich sehe mich selbst nicht als Märchentante. Ich bin Teil einer Anlaufstelle. Hier werden die Geschichten erfunden. Die Kinder sollen die Zeit genießen, in der ihnen keinen sagt, so und so ist es richtig. Sie sollen den Raum ausfüllen. Ich leite sie nur. Hier gibt es kein richtig oder falsch.

Gibt es Figuren oder Elemente, die in mehreren Märchen auftauchen? Eine Art Tradition?

Riga: Der Weihnachtsmann aus Miami. Ich reise Ende des Jahres immer in die USA und habe ihn mitgebracht. Die Geschichte hat sich schon etabliert und der Weihnachtsmann aus Miami taucht öfter in Aachen auf. Zu Ostern kommt auch häufig der Osterhase vor. Die verhalten sich auch so, wie man es erwartet, aber die Kinder wünschen sich einen anderen Rahmen für ihr Auftauchen. So haben wir mal aus den Ostereiern Edelsteine gemacht. Der Weihnachtsmann aus Miami kommt dann auf einer goldenen Staubwolke angeflogen. Oder Schneeflocken sind aus Kristallen.

Sie sind Soziologin und Pädagogin. Handeln mittlerweile aber mit Kunst und sind beruflich in dieser Welt unterwegs. Sehen Sie diese Stunden als Ausgleich zu ihrem Arbeitsalltag?

Riga: Die Zeit, die ich mit den Kindern verbringe, ist nicht unbedingt ein Ausgleich. Es ist viel mehr der Beweis, dass du der harten realen Arbeitswelt durch die Kinder zurück in eine einfachere Welt entfliehen kannst. Wenn ich nach einer Märchenstunde wieder nach Hause gehe, sind die Probleme, die ich sonst habe, nicht mehr so groß. Ich sehe alles nicht mehr so ernst.

Also ist Sie trotzdem ein wichtiger Teil ihres Lebens?

Riga: Die letzten 20 Jahre waren ein bedeutender Lebensabschnitt für mich: Ich habe Kinder bekommen, ein Restaurant geführt und wieder verkauft, Familienmitglieder sind gestorben. Was mir in diesen Jahren am meisten Freude gebracht hat, war diese Märchenstunde.

Ist das einer der Gründe dafür, dass sie seit jeher in der Bibliothek stattfindet?

Riga: Mittlerweile herrscht eine große Vertrautheit. Die Menschen, die hier sind und in der Bibliothek arbeiten, spielen in der Märchengestaltung eine große Rolle. Die machen die Durchsage, bereiten die Ecke vor, und ich hole sie zur Hilfe heran. Da muss ich sie schon mal fragen: Wo sind die Füchse oder wo leben die Löwen? Und sie machen sofort mit.

Jahrelang kamen die Kinder immer mittwochs in die Bibliothek, um mit Ihnen Märchen zu erschaffen. Seit einem Jahr findet die Märchenstunde auch an den Samstagen statt. Ist es während der Woche anders als am Wochenende?

Riga: Samstags sind besonders viele Kinder in der Bibliothek. Die Eltern sind am Wochenende auch entspannter. Meine Kollegen wissen auch, dass ich in Aachen Märchen erfinde und dafür Zeit brauche. Sie nehmen darauf Rücksicht. Oft übernehmen sie die Planung oder die Nacharbeitung unserer Arbeit. Dann kann ich sagen: Ich muss Märchen erfinden.

Wirkt sich das auch auf ihr Umfeld aus?

Riga: Es hat klein angefangen, zieht aber nun größere Kreise. Freunde, die ich selten sehe, schreiben mir öfter: Wir haben wieder in der Zeitung gelesen, dass du Märchen erfindest.

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