Aachen: Manfred Leuchter und Mohamed Najem begeistern im „Franz“

Aachen: Manfred Leuchter und Mohamed Najem begeistern im „Franz“

Ein Konzert der Extraklasse, und das nicht nur, weil zwei großartige Musiker auf der Bühne im Aachener „Franz“ an gleich zwei Abenden ihr Publikum faszinieren: Manfred Leuchter (Akkordeon) trifft Mohamed Najem (Klarinette).

„Begegnung“ lautet das Motto. Wer sie erlebt, spürt die Harmonie, die gegenseitige Wertschätzung, die Sympathie, die die beiden auf eine schweigsame Art verbindet.

Ein Lächeln, ein Nicken, ein Blick — das genügt, um im Miteinander Signale zu tauschen. Manfred Leuchter, der musikalische Weltenbummler mit großer Liebe zu orientalischen Arabesken, gestaltet gemeinsam mit Najem ein Konzert, in dem sich die Leidenschaften verbinden. In allen Facetten lässt Najem die Klarinette aufklingen, klagen, jubeln und seufzen, da sind seltene Feinheiten zu hören. Brillante Technik verbindet sich mit fantasievoller Interpretation.

Najem versenkt sich in die Melodie, die er weiter entwickelt um irgendwann mit einem Seitenblick zu Leuchter wieder daraus aufzutauchen. Dann wird das Akkordeon zum Leitinstrument. Leuchter greift tief hinein in die Harmonien und die so vielfältigen Stimmen und Stimmungen, die er hervorzaubern kann. Irgendwie überträgt sich das Gefühl: Hier haben zwei außergewöhnliche Künstler alle Zeit der Welt, um miteinander musikalische Gedanken zu entwickeln.

Gern erzählt Leuchter von Begegnungen auf seinen Reisen durch die Welt, vom Abschiednehmen, das für ihn schon beginnt, wenn er an einem Ort, auf einer fremden Bühne, in einem gastlichen Kreis von Musikern herzlich empfangen wird. Häufig nimmt er diese melancholischen Erfahrungen mit in neue Kompositionen, um sie darin gut zu bewahren.

Ein besonders fein ziseliertes Stück hat er dem Regenschauer im glühend heißen Marrakesch gewidmet, wo Leuchter einige Jahre lebte. Zögerliche Tropfen zaubert Najem auf der Klarinette, dann endlich rauscht der Regen, ein genussvolles Aufatmen geht durch Leuchters Akkordeon, und wer sich darauf einlässt, nimmt im Klang die aufsteigenden Aromen aus 1001 Nacht wahr.

Mohamed Najem, der Palästinenser, ist in seiner Perfektion und der gleichzeitigen Empfindsamkeit der ideale Partner für Leuchter, da spielt der Altersunterschied keine Rolle. Seine Debüt-CD „Floor Nr. 4“, die ihn mit Leuchter zusammengeführt hat, trägt Erinnerungen an seine Heimatstadt Ramallah, an Freunde, Leid und Freude. Sein Spiel auf der Klarinette erinnert an die Verflechtung der Kulturen, an Klezmer und Schlangenbeschwörung, Jazz und Volkslied.

Gern schicken beide klein und minimalistisch ein Thema in den Raum, um es dann nach und nach aufzubauen, zu dramatisieren, wie in einem Wettstreit auszugestalten und schließlich wieder ruhig und bescheiden ausklingen zu lassen. Leuchter erinnert an die Kriege, die Gewalt, die nicht zuletzt in Palästina herrscht, berichtet von einer geplatzten Tournee, die ihn zusammen mit Najem in die Region von Bethlehem und Golan geführt hätte. Gern greifen die beiden zu Titeln, die sie verbinden, für „Ramallah“ gibt es gleich zwei Mal Kompositionen, Najem sieht man das Heimweh, die Wehmut, aber auch die Freude an, sich in dieser Begegnung verstanden zu wissen.

Zwischendurch gibt es ein bisschen Instrumentenkunde: „Das Akkordeon war in den 40er, 50er und 60er Jahren im Orient beliebt, das wissen nur viele nicht“, erzählt Leuchter. Schließlich lässt Najem die archaische Nay aufklingen, eine Flöte aus dem arabisch-persischen Kulturkreis, und weckt mit seinem kunstvollen Spiel neue Assoziationen. Mit Bach und Händel beweist Leuchter, dass selbst ein Choral oder eine Barock-Arie dem Akkordeon, seinem Akkordeon liegen. Viel Applaus.