Aachen: Magie und Spannung des gesprochenen Wortes

Aachen: Magie und Spannung des gesprochenen Wortes

Märchen, das ist doch etwas für Kinder. Schneewittchen oder Hänsel und Gretel stehen oft nur noch als buntes Märchenbuch im hintersten Regal des Kinderzimmers. Soweit die häufig verbreitete Meinung über Märchen. Schaut man sich jedoch die lange Schlange vor der Glashalle in der Annastraße an, dann dominieren lauter Erwachsene das Bild. Und alle kommen sie, um zuzuhören.

Um bei der „langen Nacht der Geschichten“ den Erzählungen und Märchen zu lauschen, die im Rahmen des „19. Internationalen Erzählfestivals“ unter dem Motto „Material“ zum Besten gegeben werden.

Vier Tage lang sind Berufs- sowie Hobbyerzähler in Schulen unterwegs, geben Workshops und kombinieren Geschichten mit Tanz und Gesang. Das Motto greifen sie dabei alle auf. Mal in den Märchen selbst, mal im sogenannten „Kulturlabor“, wo gezeigt wird, was passiert, wenn zum Teil Jahrtausende alte Märchen fit für die Neuzeit gemacht werden. Die sprachliche Bandbreite reicht von Deutsch über Englisch bis hin zu Französisch oder Türkisch.

Übersetzt wird nach Bedarf. Denn oftmals ist es gar nicht nötig, dass man jedes Wort versteht, alleine die Mimik und Gestik der erzählenden Person sorgen dafür, dass die Zuhörer sprichwörtlich an den Lippen eben dieser hängen.

Bei der langen Nacht der Geschichten ziehen Emily Hennessey, Tormenta Jobarteh, Joe Baele, Tuup, Jörg Baesecke, Gidon Horowitz, Selma Scheele, Regina Sommer sowie Ana Sofia Paiva die Besucher in den Bann.

Gidon Horowitz kommt aus Freiburg. In 20 Minuten, die jedem Erzähler zur Verfügung stehen, liest er aus dem chinesischen Märchen „die Vase“ vor. Darin geht es um eine Porzellanvase, die unersetzbar ist und verschwindet. Hört sich auf den ersten Blick nicht nach einem klassischen Märchen an, wirkt aber durch die Art und Weise des Vortragens und die Frage nach dem tatsächlichen Wert der Vase fast schon magisch. Und genau das ist es, was Horowitz erreichen möchte, wie er erzählt: „Viele wissen gar nicht, dass Märchen ursprünglich für Erwachsene geschrieben wurden. Erst mit den Gebrüdern Grimm sind sie familientauglich geworden. Heute sorgen sie für Begeisterung bei allen Generationen“.

George Macpherson kommt aus Schottland und erzählt auf Englisch. Die Augen des über 80-jährigen beginnen zu leuchten, wenn er die Märchen, die er selbst von seinem Urgroßvater zu hören bekam, weitergibt. Mit seinem grauen Bart und dem typisch schottischen Kilt erinnert er an jene Gestalten, die zu damaliger Zeit scharenweise für weit aufgerissene Kinderaugen sorgen, wenn sie nur einen Raum betreten. Magisch und aufregend zugleich. Bloß dass Macpherson diesen Effekt auch bei Erwachsenen erzielt. Und nicht nur damit macht das 19. Erzählfestival deutlich, dass Märchen und Erzählungen keinesfalls Überbleibsel aus Kindertagen sind, sondern vielmehr eine Faszination auf all die Menschen ausüben, die auch im fortgeschrittenen Alter nicht verlernt haben, sich auf die Magie gesprochener Worte einzulassen.