Aachen: Lustige Liedermacherin mit vielen Talenten

Aachen: Lustige Liedermacherin mit vielen Talenten

Sie ist die Entdeckung des Kappesballs. Zuerst noch als Lizusha unterwegs, nennt sich die Comedian heute Liza Kos. Mit ihren Kunstfiguren Svetlana Kalaschnikova und Aynur begeistert sie mittlerweile nicht mehr nur eingefleischte Alternativ-Jecken.

Im Mai präsentierte sie ihr erstes Solo-Programm „Was glaub‘ ich wer ich bin?“ vor ausverkauftem Haus. Wie viel Realität im Witz steckt, verrät sie im Samstagsinterview mit Rauke Xenia Bornefeld.

Sie haben gerade Ihren 34. Geburtstag gefeiert. Wie war’s?

Liza Kos: Ich hatte noch nie so viel Besuch. Es war ja die Premiere meines Comedy-Solos und die Vorstellung meiner neuen CD im Franz. Das war wunderschön. Mir wurde noch nie von so vielen Leuten Happy Birthday gesungen.

Haben Sie bewusst Ihren Geburtstag als Premierentag gewählt?

Liza Kos: Das war nicht wirklich geplant. Ich bin ja eher ein spontaner Mensch. Kurz vorm Kappesball wurde mir klar, dass ich da ganz viele Leute sehen werde und es sich wirklich anbietet, für irgendetwas Werbung zu machen. Also habe ich für mein erstes Solo Flyer gedruckt. Obwohl ich noch gar nicht wusste, was in dem Solo passieren würde. Ich liebe meinen Job — auch an meinem Geburtstag.

Sie haben verschiedene Figuren und Namen…

Liza Kos: Nein. Liza Kos bin ich, so wie ich bin, mit allem Drum und Dran. Ich habe meinen richtigen Namen — Elizaveta Kostyuk — nur abgekürzt, damit sich ihn alle merken können. Ich bin immer Liza Kos, mit was immer ich mich auch präsentiere. Dann gibt es mit Svetlana Kalaschnikowa und Aynur noch zwei Figuren. Das sind übertriebene Comicfiguren.

Wenn Sie also Liza Kos sind, sind Sie Sie selbst?

Liza Kos: Richtig. So war es jetzt auch bei der Premiere. Erst habe ich Svetlana auf die Bühne geschickt, dann kam Aynur. Nach der Pause kam Liza Kos. Wenn sie am Anfang noch mit Akzent spricht, ist das eher ein Spiel. Liza Kos ist keine Figur. Sie ist ich. Sie ist eine lustige Liedermacherin.

Wie war ihr Leben vor dem auf der Bühne? Auch komisch?

Liza Kos: Es war sehr interessant und spannend. Darüber könnte man drei … oder vier … oder fünf Romane schreiben. Ich habe wirklich viel erlebt. Im Nachhinein fand ich es doch schön.

Mittendrin also nicht so lustig…

Liza Kos: Es waren viele schwierige Zeiten dabei. Vieles von dem, was ich auf der Bühne erzähle, kommt aus meinem wahren Leben. Beruflich habe ich lange nicht gewusst, was ich machen will. Ich hatte viele Talente — Sprachen, Kunst, Musik. Ich konnte mir aber nicht vorstellen, darin aufzugehen. Erst vor vier Jahren fing ich an zu begreifen, dass es den Berufszweig Komikerin gibt.

Eine komische Seite hatten Sie aber schon immer?

Liza Kos: Ich erinnere mich daran, dass ich mit ungefähr zehn Jahren mit allen so gesprochen habe, wie mein Vater mit den Menschen redete. Das kam aber eher als frech an. Mein Vater hat einen sarkastischen Humor. In der Schule war ich der Klassenclown, habe meine Freunde gern zum Lachen gebracht. Das ist es wohl: Ich habe das Leben nicht mit Humor genommen, sondern ich war immer mal wieder — auch in schwierigen Zeiten — sehr gern albern. Und das bin ich auch heute noch gern.

Hatten Sie auch da schon einen Bezug zum Karneval?

Liza Kos: Sie meinen, bevor ich zum Karnevalsverein gegangen bin?

Wann sind Sie denn zum Karnevalsverein gegangen?

Liza Kos: Meine Integration hat zehn Jahre gedauert. Ich habe alles versucht. Dann hatte ich endlich einen deutschen Freund. Da dachte ich: Jetzt hast du es geschafft. Jetzt kannst du dich eindeutschen. Dieser Mann war ein Karnevalist und hat mich zu Sitzungen mitgenommen. Das war für mich der Inbegriff deutscher Kultur. Nach der Trennung habe ich eine Anzeige eines kleinen Aachener Karnevalsvereins gelesen, die Tänzer suchten. Zwei Jahre habe ich durchgehalten.

Wegen der Sitzungen aufgegeben?

Liza Kos: Nein. Tatsächlich war es schwierig mit den Menschen. Allen, die sich unbedingt über Karneval integrieren wollen, empfehle ich, sich einem größeren Verein anzugliedern. Je kleiner der Verein, desto enger ist es. Die waren fast verwandt miteinander. Da hätte ich es auch als Deutsche schwer gehabt. Aber das habe ich tatsächlich mit Humor genommen. Da wollte ich schon damals eine Comedy-Nummer draus machen.

Wie alt waren Sie da?

Liza Kos: Ungefähr 29.

Da wussten Sie, dass es die Bühne sein soll?

Liza Kos: Da war der Wunsch schon da. Aber es hat dann noch einige Zeit gedauert.

Der lange Meike — Meikel Freialdenhoven — spielte dabei keine unwesentliche Rolle, oder?

Liza Kos: Über den Karnevalsverein habe ich ihn kennengelernt, weil er da bei einem Geburtstag aufgetreten ist. Er hat mir die ersten Gitarrengriffe gezeigt. Er hat mir gesagt: „Du hast das Zeug, Lieder zu schreiben.“ Ich überlegte schon lange, Lieder zu schreiben, aber ich wusste nicht in welcher Sprache. Er meinte: „Egal, Hauptsache du schreibst jetzt. Schreib doch in allen.“ Wow, diese Freiheit!

Wie ist er denn auf Sie aufmerksam geworden?

Liza Kos: Natürlich weil ich so gut aussehe (lacht). Es war eher eine private Kennenlern-Geschichte.

Sie sind russisch, türkisch und „öcherisch“ sozialisiert. Wann überwiegt welcher Anteil?

Liza Kos: Ich bin so ein trotziges Kind. Wenn es mir zu deutsch wird, werde ich aggro-russisch. Wenn es mir zu russisch wird, werde ich hyperdeutsch. Die Zeit, in der ich türkisch war, hat mich sehr geprägt, aber jetzt ist nichts mehr in mir türkisch, obwohl ich die Kultur sehr liebe. Es bleiben die Erlebnisse, die Aynur auf die Bühne bringt. Oche ist nun meine Heimatstadt.

Wie real ist das denn, was Aynur verkörpert?

Liza Kos: Viel Realität … SEHR viel Realität! Das einzige, was nicht stimmt, ist, dass ich zuerst türkisch gelernt habe. Natürlich habe ich zuerst Deutsch gelernt. Als ich mit 15 Jahren nach Deutschland gekommen bin, bin ich erst Mal in ein Loch gefallen. Es war schwer, Deutsche kennenzulernen. Mit den russischen Jugendlichen hier konnte ich nicht viel anfangen. Die haben echt viel gesoffen. „Achmet“ war meine Rettung. In der türkischen Welt fühlte ich mich wirklich willkommen. Integration ist heute in aller Munde, aber vor 19 Jahren war das kein Thema.

War Ihnen dieses Bestreben nach dem, was man heute Integration nennt, tatsächlich mit 15 so bewusst, wie es sich anhört?

Liza Kos: Ja, ich glaube sowieso, dass ich hochbegabt bin (lacht). Mit 15 habe ich davon geträumt, wie schön es wäre, in Deutschland geboren zu sein. Was ich sehr bewusst gemacht habe, ist die Sprache zu lernen. Andere hatten Hobbys. Ich habe Sätze von Muttersprachlern und meine Aussprache aufgenommen, verglichen und stundenlang trainiert. Bis ich verstanden hatte, was ich im Rachen, im Mund verändern muss, damit es sich genau richtig anhört. Ich konnte tatsächlich sehr schnell Deutsch. Aber ich konnte meine Kenntnisse zunächst nicht anwenden, weil ich nicht wusste, über was man mit Deutschen überhaupt redet. Russen kennen keinen Smalltalk.

Wie reden Russen dann miteinander?

Liza Kos: Immer direkt. Mit der Tür ins Haus. „Hi, meine Frau ist fremdgegangen. Außerdem bin ich unglaublich krank. Willst Du mit mir Wodka trinken?“ Scheiß aufs Wetter! Russen sind sehr offen mit allen Menschen. Ich hatte Angst, mich daneben zu benehmen. Ich habe mir tatsächlich mal ein Buch über Smalltalk gekauft. Mittlerweile gehe ich offen mit meiner Herkunft um. Früher war ich lieber unsichtbar.

Und wie hält es die türkische Community mit Smalltalk?

Liza Kos: Wenn man Kopftuch trägt, muss man nicht viel mit Fremden reden.

Sie haben Kopftuch getragen?

Liza Kos: Ja, etwa vier Jahre. Darüber mache ich auch Witze in meinem Programm: (türkischer Akzent) „Ich hatte gerade Kopftuch angezogen. Hat Achmet gesagt: Du musst jetzt nicht mehr überlegen. Ich jetzt überlegen, du unterlegen.“ Mein eigenes Erlebnis dazu geht so: An einer Bushaltestelle hatte mich ein junger Mann nach dem Weg gefragt. Ich habe es ihm erklärt. Mein „Achmet“ hat mich dann gefragt, warum ich mit dem geredet habe. Dafür sei er doch jetzt da. Der Mann ist in der türkischen Kultur so etwas wie das Außenministerium. Mit Kopftuch wird man aber ohnehin kaum mehr angesprochen.

Wird es auch die ernste Liza Kos weiterhin geben?

Liza Kos: Touren werde ich nur mit lustigen Sachen. Das ist mein Beruf und meine Berufung. Es gibt eine treue Fangemeinde, die meine ernsten Lieder sehr liebt. Für die singe ich sie zum Beispiel bei einer neuen Reihe von Abenden mit verschiedenen Musikern im „Hotelux“, die ich organisiere und moderiere. Dort werde ich aber maximal zwei Lieder spielen. In Deutschland unterwegs werde ich mit meinem Comedy-Programm sein.

Ist das Tingeln durch die Kleinstädte und Dörfer mühsam oder erkenntnisreich?

Liza Kos: Ich kenne das ja schon von den Mix-Shows. Es ist nicht mühsam. Da passiert jeden Tag etwas Neues. Das ist das, was ich in jedem anderen Beruf nicht gefunden habe. Ich freue mich drauf!

Wo wollen Sie landen, wenn Sie groß sind?

Liza Kos: Mein ganz bescheidener Traum ist ein Auftritt bei der „Ladies Night“ von Gerburg Jahnke. Und ich würde gern mal den Eurogress füllen. Ich möchte einfach groß und stark sein — künstlerisch.

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