Luise-Hensel-Realschule in Aachen besteht seit 130 Jahren

Luise-Hensel-Realschule feiert 130-jähriges Bestehen : Ab Jahrgangsstufe 7 sind alle Klassen rappelvoll

Am Samstag steigt an der Luise-Hensel-Realschule ein großes Schulfest. „Mit Klatsch und Tratsch“ möchte die Schulgemeinde zusammen mit Nachbarn und Interessierten zwischen 13 und 17 Uhr das 130-jährige Bestehen feiern. Die Klassen 5 bis 10 bereiten in diesen Tagen fleißig alles vor.

Dekoration, internationale Spezialitäten, Waren für den Handwerkermarkt, Musikbeiträge ... Wird es aber in fünf Jahren in der Schule im Gillesbachtal ebenso trubelig zugehen?

660 Schüler arbeiten in der Luise-Hensel-Realschule in vier Zügen pro Jahrgang auf ihren Schulabschluss hin – möglichst die Fachoberschulreife. In der Hugo-Junkers-Realschule sind es derzeit drei Züge pro Jahrgang. Die Alkuin-Realschule durfte für das kommende Schuljahr wegen zu geringer Anmeldezahlen keine Eingangsklassen bilden. Ihr Ende könnte noch in diesem Sommer politisch in die Wege geleitet werden.

Gymnasien und Gesamtschulen boomen hingegen. In der Stadt Aachen gehen mehr als 60 Prozent der Grundschüler nach der vierten Klasse zunächst auf ein Gymnasium, weit mehr als im Landesdurchschnitt. Eine fünfte Gesamtschule wurde vor einem Jahr politisch beschlossen, und auch ein 13. Gymnasium wurde in der Vergangenheit immer wieder gefordert.

Sind die Realschulen zusammen mit den Hauptschulen die Verlierer in der Schullandschaft? „Uns wird es noch lange geben“, ist Michael Höbig, Schulleiter der Luise-Hensel-Realschule, sicher. Dabei hat auch seine Schule „nur“ 95 Anmeldungen für das Schuljahr 2019/20. In der Hugo-Junkers-Realschule werden sogar nur 47 zukünftige Fünfer beginnen.

„Uns wird es noch lange geben“, sind Schulleiter Michael Höbig und seine Stellvertreterin Heidrun Schnur überzeugt. Foto: ZVA/Harald Krömer

Denn der Elternwille ist entscheidend. Solange eine städtische Schule noch Platz hat, muss sie ein Kind aufnehmen, unabhängig von der Schullaufbahnempfehlung der Grundschule. Deshalb gibt es an Gymnasien Schüler mit Realschulempfehlung, an Realschulen Schüler mit Hauptschulempfehlungen. Erst wenn die Anmeldezahlen die Plätze übersteigen, darf die Schule Schüler ablehnen. Die Gymnasien sind beliebt, weil an ihnen der höchstmögliche Schulabschluss angestrebt wird. Die Gesamtschulen sind es, weil sie alle Schulabschlüsse ohne einen weiteren Wechsel möglich machen. Die familiäre Größe der Aachener Real- und Hauptschulen und eine nach eigenen Angaben gut funktionierende Durchlässigkeit auch nach oben stechen hingegen deutlich seltener.

In der Erprobungsstufe (Klasse 5 und 6) freuen sich Lehrer und Schüler an der Luise-Hensel-Realschule also über kleine Klassen von rund 20 Kindern. Je nach Förderschwerpunkten von Inklusionsschülern sind sie mal kleiner, mal etwas größer. Sie erreichen aber nie die mögliche Zahl von 30 Kindern. „Ab Klasse 7 bis Klasse 10 sind aber alle Klassen rappelvoll“, meint Höbig. „Statt 90 Schüler haben wir dann 120 im Jahrgang. Ab Mai führen wir eine Warteliste mit 50 bis 80 Aufnahmekandidaten.“ Denn gerade in Klasse 7 und auch noch später kommen die Schüler, die am Gymnasium eben doch überfordert sind. Die Gesamtschulen haben dann in der Regel keine Plätze mehr frei. Es bleiben drei, zukünftig womöglich nur noch zwei Realschulen für den weiteren Schulweg. „Kleine Klassen für eine funktionierende Inklusion sind ab Klasse 7 schon heute nicht mehr möglich.“, so Höbig.

Im Alltag bedeutet das: fast alles auf Anfang. Jutta Gulde, Klassenlehrerin der 7b an der Luise-Hensel-Realschule, musste im vergangenen Sommer acht neue Schüler in die Klassen integrieren. Die Zahl der Schüler stieg von 21 auf 29: „Das heißt, dass wir wieder eine ganz neue Gemeinschaft bilden müssen.“ Die neuen Schüler sind häufig verunsichert. Es braucht Zeit, sich untereinander kennenzulernen und Vertrauen zu fassen. „Und obwohl sie vom Gymnasium kommen, heben sie das fachliche Niveau in den Klassen nur begrenzt“, sagt Gulde.

Die Schule investiert deshalb viel ins soziale Lernen. „Gerade in den beiden Jahrgängen 7 und 8“, erklärt die stellvertretende Schulleiterin Heidrun Schnur. Programme mit sozialen Trägern, Stundenkontingente für die Klassenlehrer, um Vertrauen aufzubauen, sozialen Umgang zu lernen und Konflikte zu lösen. Der Schulsozialarbeiter ist auch nicht gerade unterbeschäftigt. Gleichzeitig startet die Vorbereitung auf die Zeit nach der Schule: Kompetenzcheck, Schülerpraktikum, Projekttage im Handwerk und natürlich eine möglichst hohe Quote von qualifizierten Abschlüssen, um den Schulabgängern sowohl den Weg in eine Ausbildung als auch zum Abitur zu eröffnen. Auch diesen Spagat müssen Realschulen hinbekommen.

Die Herausforderungen für die Realschulen sind also fraglos da. Ab und an wünscht sich Höbig deshalb ein wenig mehr äußere Wahrnehmung der Arbeit seiner 45 Lehrkräfte. „In den schulpolitischen Diskussionen kommen wir nicht vor. Da dreht sich alles um Gymnasien und Gesamtschulen. Solange wir aber ein dreigliedriges Schulsystem haben – und ich sehe nicht, dass sich das auf absehbare Zeit ändert – brauchen wir auch Real- und Hauptschulen.“ Ein Jubiläumsschulfest zum 150. Geburtstag ist also nicht abwegig.

Mehr von Aachener Zeitung