Aachen: Ludwig Forum: Flüchtlinge basteln am ganz eigenen Stück

Aachen: Ludwig Forum: Flüchtlinge basteln am ganz eigenen Stück

Neben der Tür zum „Space“-Aktionsraum im Ludwig Forum hängt ein Wochenplan. Von Montag bis Freitag ist von 10 bis 16.30 Uhr mit großen Buchstaben das Wort „Probe“ eingetragen, am kommenden Sonntag steht umkreist: „15 Uhr Aufführung“.

An der Wand gegenüber hängen vier riesige Bilder direkt nebeneinander. Sie zeigen Gegenstände, Symbole und Wörter, die im Graffiti-Stil geschrieben sind.

Im „Space“-Raum stehen 21 Jugendliche auf der Bühne, sie sind alle 16 oder 17 Jahre alt. Sie bewegen sich zur Musik aus den Boxen, mal alleine, mal zu zweit, im Stehen und im Sitzen und scheinen eine kleine Geschichte erzählen zu wollen. Hin und wieder bekommen sie Tipps und Anweisungen zugerufen, sonst ist das Bühnenstück flüssig.

Gefährliche Routen

Die Jugendlichen haben nicht nur ihr Alter und ihre Freude am Tanzen gemeinsam, sie alle sind junge Menschen, die aus ihrer Heimat geflüchtet sind. Sie kommen aus Afghanistan, Eritrea, Guinea, Kamerun, Kenia, Senegal, Serbien, Somalia, Syrien und der Türkei, meist ohne Eltern und oftmals über gefährliche Routen. Beim Tanztheaterworkshop im Ludwig Forum haben sie zusammengefunden, und basteln insgesamt zehn Tage lang an ihrem ganz eigenen Stück.

„…auf dem Weg, eine Entdeckungsreise“ heißt es — und dahinter steckt eine besondere Frage: Warum gehen wir weg und was suchen wir, wenn wir angekommen sind? Ulla Geiges, Choreografin beim Tanztheaterprojekt, hat zumindest schon eine Antwort gefunden: „Alle Jugendliche hier suchen Freunde. Das Tanzen zusammen mit bildender Kunst und Musik ist genau das Richtige.“

Parallel zur Entwicklung der Choreographie haben sich die Jugendlichen auch mit visuellen Mitteln ausprobiert. Mit selbstgebastelten Stempeln und Schablonen haben sie Elemente ihrer alten und neuen Heimat mit in die Bilder eingebaut und unterschiedliche Farbmaterialien ausprobiert. Was auffällt: Auf allen vier Bildern sind Herzen in verschiedenen Farben und Formen und Wörter wie ‚Love‘ eingearbeitet.

Die Musik des Tanztheaterstücks beschreibt Komponist Gerhard Stäbler als „fließend und sich verändernd“. „Die Strukturen im Stück ändern sich im Verlauf des Stückes, passend zum Thema ‚Weggehen und ankommen‘“, erklärte er. An einer bestimmten Stelle des Stücks sitzen alle Jugendlichen in einer Stuhlreihe in der Mitte der Bühne und jeder von ihnen redet in seiner Muttersprache — auch das ist ein Element der Komposition. „Teilweise sind bei uns Sprachen vertreten, die nirgends notiert sind, sondern nur gesprochen werden“, betonte Stäbler.

Das Tanztheaterprojekt ist eine Produktion der Landesarbeitsgemeinschaft Tanz NRW mit dem Ludwig Forum, dem Bildungsbüro der Städteregion Aachen und den Kommunalen Integrationszentren der Stadt Aachen und der Städteregion. Unterstützt wird der Workshop unter anderem vom Hilfsprojekt „Aachener Kindern den Tisch decken“. Das Projekt verfolgt das Ziel, dass kein Kind in Aachen ohne Frühstück in den Unterricht und ohne warme Mahlzeit aus dem Ganztagsunterricht gehen muss. Jeden Tag bekommen die Jugendlichen des Tanztheaters vom Hilfsprojekt den Tisch gedeckt — mit einem warmen Mittagessen.

Fortsetzung erwünscht

„Beim Tanztheater sehen die Jugendlichen, wie wichtig Zusammenarbeit ist — denn ohne Lichttechniker kein Licht, ohne Tontechniker keine Musik und so weiter“, sagt Geiges. Vor allem aber lernen sie auch, dass jemand für sie da ist. Der 16-jährige Al Hassane ist aus Mali geflüchtet und lebt seit neun Monaten in Deutschland. „Für mich ist es das allererste Mal, dass ich tanze und es macht großen Spaß“, erzählt er. „Dieses Projekt ist toll für uns, hier sind viele Leute, die offen sind und uns helfen.“

Toll findet auch Ulla Geiges das Projekt — und hält es für unbedingt fortsetzungswürdig. „Die Jugendlichen haben sich schon jetzt sehr weiterentwickelt, aber zehn Tage sind eine kurze Zeit für einen Entwicklungsprozess und ein Bühnenstück.“ Ihr Wunsch ist es, dass das Projekt in einer Aachener Schule einmal wöchentlich fortgeführt und das Tanztheaterstück weiterentwickelt wird. Geiges zeigte sich zuversichtlich: „Wir haben so viele engagierte Leute dabei, dass wir guten Mutes sind, dass wir das hinbekommen.“

Am Sonntag, 9. August, gibt’s aber erst einmal das Ergebnis der bisherigen Proben zu sehen, und zwar um 15 Uhr im „Space“-Raum im Ludwig Forum, der Eintritt ist frei.