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Praxisintegrierte Ausbildung: Logopädin wird jetzt Erzieherin

Praxisintegrierte Ausbildung : Logopädin wird jetzt Erzieherin

Nadia Rezaee absolviert in einer städtischen Kindertagesstätte die dreijährige Praxisintegrierte Ausbildung (PiA) zur staatlich geprüften Erzieherin. Als Modellprojekt gibt es dieses Angebot seit Sommer 2019 in Aachen.

Die Sache mit dem Händewaschen haben die Kinder der städtischen Kita Reimser Straße bereits lange vor der Corona-Krise geübt. „Es macht ihnen Spaß, und es ist wichtig für ihr Leben“, hat Nadia Rezaee (30) damals überlegt und diese spielerische Einheit zum Thema einer ersten „Probe“ während ihrer Ausbildung zur Erzieherin gewählt. Ihre Anleiterin und Ausbildungsbegleiterin Nathalie Peters (38) war jedenfalls begeistert. „Probe“ bestanden.

Nadia Rezaee hat bereits eine abgeschlossene Berufsausbildung. Das ist Bedingung, wenn man am Modellprojekt Praxisintegrierte Ausbildung (PiA) teilnehmen möchte, wie die Stadt Aachen in einer Pressemitteilung ausführt. Rezaee ist Logopädin, hat in Belgien die Schule besucht und nach dem Abitur in den Niederladen Logopädie studiert. „Ich wollte von Anfang an mit Kindern und Erwachsenen arbeiten“, sagt sie. „Ich hatte dann als Logopädin Patienten im Alter von zwei bis 90 Jahre, das war eine gute Aufgabe.“ Wortfindungsprobleme nach Schlaganfall, Lese- und Rechtschreibschwächen oder Stottern bei Jugendlichen, Wortschatzübungen mit Migranten – alles spannend. Doch im Laufe der Zeit rückte für die Logopädin der Wunsch in den Vordergrund, als Erzieherin Kinder komplexer pädagogisch zu begleiten.

Ihr Weg dahin ist „PiA“, die Praxisintegrierte Ausbildung, die in Aachen seit Sommer 2019 möglich ist. Damals startet 24 Frauen und Männer in die neue Ausbildung, weitere acht wechselten nach einem Jahr an einer Fachschule gleich ins zweite Ausbildungsjahr. Bei „PiA“ findet ein Großteil der Ausbildung unmittelbar in der Kita statt – in Aachen in Kooperation mit der Käthe-Kollwitz-Schule. Für die Arbeit in der Kita zahlt die Stadt Nadia Rezaee von Anfang an ein Ausbildungsgehalt. Der klassischen Weg in den Beruf sieht anders aus. Dabei absolvieren angehende Erzieherinnen zunächst zwei Jahre lang eine Fachschule und danach ein Anerkennungsjahr als Berufspraktikantin bei einem Träger, bevor sie die staatliche Anerkennung in der Tasche haben.

Die Ausbildung von Nadia Rezaee zur staatlich geprüften Erzieherin dauert drei Jahre, wobei das erste bis dritte Halbjahr zwei Tage Praxis und drei Tage an der Käthe-Kollwitz-Schule, Berufskolleg der Städteregion Aachen, bedeuten. Vom vierten bis sechsten Halbjahr wird sie drei Tage in der Kindertagesstätte sein und nur noch zwei Tage in der Schule. Hinzu kommt ein 900-Stunden-Praktikum.

Kinder und ihre Entwicklung – für die angehende Erzieherin gibt es täglich neue Entdeckungen, verbunden mit dem Bewusstsein großer Verantwortung. „Ich musste mir zum Beispiel überlegen, wie ich so kleinen Mädchen und Jungen klarmache, was Bakterien oder Viren bedeuten.“ Mit bunten Farben wurde sichtbar, was normalerweise nicht zu sehen ist. Bakterien oder Viren als Farbtupfer, die nicht auf die Hände gehören und nach dem richtigen Waschen zuverlässig verschwinden – das konnten sich alle merken.

Die Aufgabe ihrer Betreuerin ist es, sie von einem Lernfeld zum anderen zu führen, ihr Einblicke in die Entwicklungspsychologie von Kindern zu geben und im Alltag beizustehen. „Viele Kinder bringen Traditionen und Verhaltensweisen von zu Hause mit, das muss man erkennen. Es ist wichtig, dass untereinander keine Vorurteile herrschen“, sagt Nadia Rezaee. Die Arbeit mit den Eltern ist dabei ein entscheidender Baustein für die Erziehung. „Es ist ein Unterschied, ob Kinder die Eltern mit anderen Geschwistern teilen oder allein mit ihnen sind“, betont sie.

Wichtig sind die jeweiligen Bedürfnisse und Entwicklungsphasen: Wann braucht etwa ein Kind besonders viel Nähe und baut Bindungen auf? „Die Kleinen malen gern und drücken sich damit aus, die größeren Kinder wollen irgendwann Regelspiele wie ,Mensch ärgere dich nicht‘ spielen, sie fordern das sogar ein, das signalisiert eine entsprechende Entwicklungsstufe“, weiß Nadia Rezaee. Die Erfahrungen der angehenden Erzieherin als Logopädin sind dabei in der Kindertagesstätte sehr willkommen. „Spiele haben viel mit Sprachverständnis zu tun, selbst Defizite können wir dabei schnell erkennen", sagt sie. „Wenn ein Kind dann in die Schule kommt, ist es bereits gut vorbereitet.“

Langeweile bei den Kindern wäre ein Alarmzeichen: „Unsere Aufgabe ist es, Kreativität zu wecken, mit allerlei Materialien zu basteln. Kinder werden manchmal zu Hause früh schon mit Handyspielen und Konsolen beschäftigt, dabei entwickeln sie keine eigene Kreativität, das beobachten wir sehr genau“, betont Anleiterin Nathalie Peters.

Nach drei Ausbildungsjahren wird Nadia Rezaee ihre Prüfungen absolvieren und im Rahmen eines Kolloquiums über ihre Aufgaben und Möglichkeiten als Erzieherin sprechen, eventuell ein kinder-orientiertes Projekt vorstellen, das ihr besonders am Herzen liegt.

Die Stadt hofft, durch das Modellprojekt „PiA“ weitere Fachkräfte für die Kitas zu gewinnen und diese auch nach der Ausbildung an sich zu binden. Das nächste PiA-Ausbildungsjahr beginnt im August. Nach Auskunft des städtischen Presseamts laufen bereits die ersten Auswahlgespräche. Wie viele PiA-Ausbildungsplätze im kommenden Kita-Jahr eingerichtet werden, muss der Personal- und Verwaltungsausschuss allerdings noch beschließen. Mehr Infos zur Praxisintegrierten Ausbildung (PiA) auf www.kks-aachen.de.

(red)