Lerntherapeut in Aachen sorgt sich um abgeschulte Gymnasialschüler

Bildungslandschaft in Aachen : Wenn die Auswahl nur noch spärlich ist

Wenn kommende Woche rund 1900 Viertklässler in Aachen ihre Halbjahreszeugnisse entgegennehmen, dann werden sie – und ihre Eltern – nicht nur auf die Fachnoten schielen.

Ihr Augenmerk wird auch auf einen Zusatz gerichtet sein, der den Bildungsweg des Kindes maßgeblich beeinflussen wird. Zumindest in der Theorie. Denn bindend ist die Grundschulempfehlung für die weiterführende Schule  nicht mehr. Was zählt, ist der Elternwille (siehe Infokasten). Und der wird, so zumindest die Befürchtung von Heiko Düster, leider nicht immer zum Wohle des Kindes durchgesetzt.

Rund 60 Prozent der Eltern wünschen sich, dass ihr Kind nach der Grundschule ein Gymnasium besucht. Das ergab im vergangenen Jahr eine Elternbefragung durch die Stadt Aachen im Primarbereich. Doch nicht immer ist das Gymnasium auch die richtige Schulform. Wenn Kinder Schwierigkeiten beim Lernen haben, landen einige von ihnen irgendwann bei Heiko Düster im Büro. Mit seiner Kollegin Birgit Schlumberger hat sich der Germanist vor 20 Jahren mit dem Lerntherapeutischen Institut für Lese-Rechtschreibschwäche und Dyskalkulie mit Sitz in Burtscheid selbstständig gemacht. Und immer wieder sitzen verzweifelte Eltern vor ihm, deren Kinder auf dem Gymnasium nicht mehr zurechtkommen. 

„Schwierig wird es, wenn es zum Gymnasium keine geeignete Alternative gibt“, sagt Düster. Das Problem: Verlässt ein Kind nach der Erprobungsstufe, also nach Klasse 6, das Gymnasium, heißt das nicht, dass es auch einen Platz an der Wunschschule erhält. Da an Gesamtschulen bis zur 9. Klasse keine Schüler sitzenbleiben, seien die Klassen dort oft bereits komplett ausgelastet. Und auch an den Realschulen seien nicht immer Plätze vorhanden, berichtet Düster. „Viele Kinder müssen deshalb auf Schulen in Nachbarkommunen ausweichen – oder auf Privatschulen.“ Er habe zudem schon viele Bildungsbiografien begleitet, die Schüler vom Gymnasium auf direktem Weg auf die Hauptschule geführt haben.

Die schulpolitische Entwicklung sieht Düster kritisch. „Wenn man sich ernsthaft für die Gesamtschule und damit gegen das dreigliedrige Schulsystem entscheidet, dann sollten vielleicht auch wirklich alle Schüler diese Schulform besuchen. Wenn man sich jedoch für das mehrgliedrige Schulsystem entscheidet, sollte die Auswahl möglichst vielfältig sein und sich nicht auf Gymnasium und Gesamtschule beschränken.“ Von einer vielfältigen Auswahl kann in Aachen indes keine Rede sein. Aktuell gibt es noch drei Realschulen, von den drei Hauptschulen wird eine – Burtscheid – auslaufend geschlossen.

Es ist die Konsequenz des Elternwillens: Neun von zehn Fünftklässlern drücken seit Ende August in einem Gymnasium oder einer Gesamtschule die Schulbank. Der Ansturm auf die Gymnasien war in Aachen zum laufenden Schuljahr besonders groß, 62 Prozent der Grundschüler wechselten an diese Schulform, zum Schuljahr 2011/12 waren es noch 55 Prozent. Damit liegt Aachen deutlich über dem Bundesschnitt. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wechseln rund 40 Prozent aller Grundschüler aufs Gymnasium. Düster erklärt sich diesen Trend folgendermaßen: „Der soziale Druck ist gestiegen. Eltern glauben, dass sie eine bestimmte Erwartungshaltung bedienen müssen. Und diese sieht das Kind am Gymnasium, nicht an der Hauptschule.“ Dem sozialen Druck folgt in einigen Fällen dann zwangsläufig das Scheitern der Schüler an der für sie falschen Schulform.

Gymnasium oder doch besser die Realschule? Germanist Heiko Düster vom lerntherapeutischen Institut für Lese-Rechtschreibschwäsche und Dyskalkulie befürchtet, dass der Elternwille nicht immer zum Wohle des Kindes durchgesetzt wird. Foto: ZVA/Harald Krömer

Nach Angaben des statistischen Landesamtes haben 2017 in Aachen 35 Schüler nach der Erprobungsstufe das Gymnasium verlassen. Das entspricht einer Wechselquote von drei Prozent, landesweit waren es fünf Prozent. Davon wechselten in Aachen die meisten Schüler (21) zur Realschule, elf zur Gesamt­schule, ein Schüler oder eine Schülerin besuchte nach zwei Jahren Gymnasium die Hauptschule. Im Vorjahr lag die Wechselquote in Aachen bei 4,3 Prozent (NRW: 4,4), 2013 waren es noch 2,3 Prozent (NRW: 4,2). Entsprechende Ergebnisse für das Schuljahr 2018/19 werden voraussichtlich im Frühjahr vorliegen, teilte ein Sprecher auf Anfrage mit.

Dass diese Zahlen eine hohe Wechselquote vom Gymnasium auf die Gesamtschule verzeichnen werden, bezweifelt Hanno Bennemann indes. Der scheidende Schulleiter der 4. Gesamtschule kennt die Problematik nur zu gut. „Wir haben lange Listen von Schülern, die zu uns wechseln wollen.“ In den allermeisten Fällen müsse die Schule ihnen jedoch eine Absage erteilen. Nur vereinzelt werde ein Platz in den Klassen frei, wenn Schüler wegziehen. „Das ist ein Riesenproblem, weil hier zwei Systeme gegeneinander arbeiten.“

„In ein tiefes Loch“

Auch Andrea Sohn, Leiterin der Alkuinschule, merkt, dass Eltern zunehmend versuchen, ihr Kind zunächst am Gymnasium oder der Gesamtschule unterzubringen. „Viele Kinder kommen ab Klasse 7 mit dem Gefühl des Versagens zu uns und fallen dann erstmal in ein tiefes Loch“, sagt Sohn, „unsere Aufgabe ist es, sie wieder aufzubauen.“ Während im vergangenen Jahr an der Alkuinstraße nur 15 Kinder für die Klasse 5 angemeldet wurden, sind die höheren Jahrgänge auch durch die sogenannten Rückläufer mehrzügig, allerdings sei auch dort der Platz begrenzt. Die verzweifelten Eltern, die für ihr Kind einen Schulplatz suchen, sind somit auch Andrea Sohn bestens bekannt.

Die Stadt spricht diesbezüglich von einer „schulplanerischen Herausforderung“. „Wir haben das bei Schulplanung im Blick“, heißt es seitens des Presseamtes. Allerdings gehe man davon aus, dass Schulen „das möglichste tun“, um Kinder, die bei ihnen angemeldet werden, auch bei sich zu halten.

Vielen Eltern sei diese Problematik gar nicht bewusst, ist Düster überzeugt. Er fordert deshalb eine bessere – und vor allem frühzeitige – Beratung der Eltern. „Ich würde mir mehr Kommunikation und Information wünschen. Ob das Schulen bei all den Aufgaben, die sie bewältigen müssen, aber überhaupt leisten können, weiß ich nicht.“ Denn: „Das braucht Geld und Personal.“ Schon in der Lehrerausbildung sollten angehende Pädagogen Kommunikationsstrategien lernen, um Eltern später besser miteinbeziehen zu können. Sein Appell richtet sich aber auch an die Eltern: „Sie sollten versuchen, sich wirklich in ihr Kind hineinzuversetzen, die Bemerkungen der Grundschullehrer ernstnehmen und sich dann sehr gewissenhaft nach der richtigen Schule umschauen.“ Und das im Idealfall nicht erst, wenn man das Halbjahreszeugnis der 4. Klasse in der Hand hat, sondern bereits im 3. Schuljahr.

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