Aachen: Lanzarote statt Leistungskurs: Der Leiter sagt Adiós

Aachen: Lanzarote statt Leistungskurs: Der Leiter sagt Adiós

Lanzarote statt Leistungskurs: In einer guten Woche schwingt sich Walther Kröner in den Sattel, um mit einem Freund die Kanareninsel zu erkunden. Am Freitag hat der erste und bisher einzige Leiter der Gesamtschule Brand zunächst einmal von zahlreichen Freunden, Kollegen, Schülern und Weggefährten Abschied genommen.

Nach dreiundzwanzigeinhalb Jahren wechselt der 62-Jährige in den Ruhestand. Alles andere als ruhig war es dagegen in den fast zweieinhalb Jahrzehnten in Brand. Speziell die Anfangsjahre sind Kröner noch immer sehr prägend in Erinnerung. Dass eine Gesamtschule in Brand gegründet werden sollte, schreckte 1990 viele Bürger auf. Es formierte sich Widerstand. Vor allem die Folge, dass die Brander Haupt- und Realschule dafür auslaufen mussten, sorgte für böses Blut.

3000 Menschen gingen gegen die Gesamtschule auf die Straße, 10.000 Unterschriften wurden gesammelt, um die Gründung zu verhindern. Fast 24 Jahre später ist die Gesamtschule längst fester Bestandteil der Aachener Schullandschaft. Im AZ-Interview spricht Kröner über Vorteile des Ganztagsmodells, die Herausforderung Inklusion und darüber, was die schwersten Momente während seiner Leiterlaufbahn in Brand waren.

Was war die letzte Klausurnote, die Sie in Ihrer Zeit als Lehrer vergeben haben?

Kröner: Das war eine Mathematik-Erweiterungskurs-Arbeit, die ich mit einer Zwei benotet habe.

Sie mussten zum Abschluss also nicht nochmal eine Fünf auspacken. Klingt nach einem versöhnlichen Abschluss ganz zur Freude des Schülers.

Kröner: Ganz und gar! Ich war mit dem Ergebnis der Arbeit und der gesamten Leistung des Schülers sehr zufrieden. Er war motiviert, hat engagiert gearbeitet, und das schlägt sich dann meistens auch in guten Noten nieder.

Streng oder nachsichtig: Was sind Sie für ein Lehrer-Typ gewesen?

Kröner: Ich glaube, ich bin deutlich, was meine Anforderungen angeht. Ich versuche stets zu sehen, wo der Schüler steht: Was versteht er? Was versteht er nicht? Wenn ich das erkenne, kann ich die richtigen Impulse geben. Und wenn der Schüler dann noch lernen und Erfolg haben will, dann entsteht so etwas wie ein Arbeitsbündnis zwischen Lehrer und Schüler. Dann klappt das wunderbar.

Sie sind der erste und bisher einzige Leiter der Gesamtschule Brand gewesen. Nach fast 24 Jahren gehen Sie nun in den Ruhestand. Man kann sich die Schule ohne Sie kaum vorstellen…

Kröner: Die Gesamtschule Brand wird auch gut ohne Walther Kröner weiterarbeiten. Über die Jahre ist hier eine Konzeption gewachsen, die trägt. Ich habe sie mit aufgebaut, aber sie ist nicht zwingend vom Schulleiter, sondern vor allem von den Lehrern abhängig. Von der Beziehung zwischen Schülern und Lehrern, von der zwischen Lehrern und Eltern. Das funktioniert in Brand sehr gut, und deswegen wird es hier pädagogisch auch problemlos weitergehen.

Was macht die Gesamtschule Brand aus? Gibt es besondere Merkmale?

Kröner: Ein wichtiger Bestandteil unserer Konzeption ist die integrative beziehungsweise nun inklusive Arbeit. Bereits seit 1994 werden hier behinderte und nicht-behinderte Kinder zusammen unterrichtet. Aktuell haben 73 von insgesamt 1345 Schülern einen Förderbedarf. Das Thema schulische Inklusion ist hochaktuell und stellt das Bildungssystem vor große Herausforderungen. Wir haben in diesem Bereich bereits reichlich Erfahrung sammeln dürfen und sind vom Land Nordrhein-Westfalen zur Vorreiterschule gemacht worden. Ein weiterer Punkt in Brand: Unsere Lehrer arbeiten konsequent im Team zusammen. 120 Köpfe hat unser Kollegium. Klassen, Lehrer und Jahrgänge kooperieren eng miteinander. Lehrer stimmen sich pädagogisch und fachlich miteinander ab. Einzelkämpfer gibt’s hier nicht.

Nennen Sie ein Beispiel.

Kröner: In unserer gymnasialen Oberstufe, also in der Jahrgangsstufe 11, bilden wir Klassen und versuchen so, durch das Team eine pädagogische Einheit zu bilden, die konstant bis zur Jahrgangsstufe 13 bestehen bleibt. Darüber hinaus gibt es viele weitere Konzepte — von der Berufswahlvorbereitung bis zur individuellen Förderung.

Sie haben über 35 Jahre lang — vor Ihrer Stelle in Brand waren Sie an einer Gesamtschule in Köln tätig — als Lehrer gearbeitet. Ist der Beruf des Lehrers härter geworden?

Kröner: Ja.

Warum?

Kröner: Vor 35 Jahren existierten mehr Freiräume. Natürlich gab es auch damals Lehrpläne und Richtlinien, aber die Kontrolle war bei weitem nicht so engmaschig wie heute. Jetzt gibt es Lernstandserhebungen in der 8. Klasse, am Ende der 10. Klasse zentrale Prüfungen, am Ende der Jahrgangsstufen 13 oder nun Q2 steht das Zentralabitur. All das geht einher mit festen Vorgaben, die den Lehrer stärker unter Druck setzen als früher.

Haben Sie einmal mitgezählt, wie viele Bildungsreformen Sie in Ihrer Berufszeit mitgemacht haben?

Kröner: Nein, das habe ich nicht getan. Als ich als Lehrer ausgebildet wurde, war die Mengenlehre noch aktuell. Seitdem ist also eine Menge passiert. Fest steht: Das Tempo vieler Bildungsreformen war nicht angemessen. Klassisches Beispiel ist G8. Hätten alle von vornherein gewusst, dass mit dieser Reform die Gymnasien zu Ganztagsschulen werden, dann hätte es einen Aufschrei in der Bevölkerung gegeben, und G8 wäre nicht umgesetzt worden. Davon bin ich überzeugt!

Die Gesamtschule steht seit jeher für den Ganztag. Was ist der Vorteil dieses Konzepts?

Körner: Die Schüler werden rundum betreut. Wir haben viele Eltern, die berufstätig sind und eine Ganztagsschule haben wollen. Der Ganztag ist konzeptioneller Baustein der Gesamtschule. Es gibt keine Gesamtschule in NRW, die kein Ganztagsangebot hat. Insofern sind wir ein Vorläufermodell für andere Schulen gewesen, die das nun umsetzen.

Sehen Sie trotzdem auch Nachteile im Ganztag?

Kröner: Nein. Ich halte eine Ganztagsbetreuung in einer derart differenzierten Gesellschaft, wie wir sie haben, für unerlässlich. Die große Mehrheit der Eltern ist berufstätig und braucht eine stärkere Betreuung durch Schule und andere Bildungseinrichtungen. Das fängt bereits in den Kitas an. An der Marktschule Brand sind zum Beispiel 250 Kinder in der Offenen Ganztagsschule — das sind mehr als die Hälfte! Das zeigt: Es ist richtig, Ganztagsschulen zu gründen beziehungsweise sie bestehen zu lassen.

Zum Start in Brand 1990 hörte sich das noch anders an.

Kröner: Als wir hier vor über 23 Jahren angefangen haben, war der Ganztagsbetrieb alles andere als selbstverständlich. Es gab Widerstand aus einigen Kreisen der Politik und der Gesellschaft. Das hat sich völlig verändert. Heute finden Sie kaum noch jemanden, der sagt: Wir brauchen den Ganztag nicht, die Kinder gehören an den Mittagstisch der Mutter und nachmittags in den Verein.

3000 Bürger gingen damals gegen den Aufbau der Gesamtschule Brand auf die Straße, 10 000 Unterschriften wurden gesammelt. Einen schwierigeren Start kann man sich kaum vorstellen. Warum gab es so viel Widerstand?

Kröner: Ich habe die Situation von 1990 noch sehr klar vor Augen. Der Stadtrat hatte die Gründung der Gesamtschule beschlossen. Damit einher ging der Entschluss, die Haupt- und Realschule hier am Standort auslaufen zu lassen. Daran entzündete sich der politische Streit. Und wir sind leider nicht von allen Seiten in diesen Auseinandersetzungen fair behandelt worden.

Sie galten als „Verdränger“.

Kröner: Das haben wir nicht so gesehen. Man brauchte damals für die Gründung einer Gesamtschule 112 Eltern, die einen entsprechenden Antrag an den Schulträger unterstützen. In Brand sind im ersten Jahr 170 Anmeldungen zustande gekommen. Damit war der Elternwille überdeutlich artikuliert. Im Laufe der Jahre hat sich stets gezeigt, dass wir eine sehr nachgefragte Schule sind. Wir sind über 23 Jahre hinweg die Schule mit den höchsten Anmeldezahlen im gesamten Stadtgebiet. Auch bei generell rückläufigen Schülerzahlen haben wir beim letzten Anmeldeverfahren 280 Anfragen für 170 Plätze gehabt. In Spitzenzeiten waren es sogar über 300. Dies bestätigt: Wir sind im Stadtteil wie auch in der gesamten Stadt angekommen. Unsere pädagogische Arbeit wird geschätzt und die Schulform ist gewollt.

Bei all dem Trubel und heftigen Gegenwind zum Start: Wie viel Lust hatten Sie da als Lehrer, in dieser angespannten Atmosphäre die Arbeit aufzunehmen und Kinder zu unterrichten?

Kröner: Wir haben von Anfang an vor allem die Schüler gesehen und uns mit voller Kraft in die Arbeit gestürzt. Das hat gewirkt und ist bei Eltern wie Schülern super angekommen. So hat sich letztlich auch der Ruf der Schule weiter gefestigt.

Und Sie waren ein ungewöhnlich junger Schulleiter.

Kröner: Das stimmt, ich war zu Beginn 38 Jahre alt. Es war eine besondere Herausforderung, eine Schule aufzubauen. Ich war froh, diese Chance damals zu erhalten. Nach über 23 Jahren ist es nun schön zu sehen, dass sich der Einsatz gelohnt hat. Die Gesamtschule Brand ist aus der Aachener Schullandschaft nicht mehr wegzudenken.

Wir sprachen bereits kurz über das integrative Konzept der Gesamtschule. Aktuell stellt sich die Umsetzung der Inklusion für das gesamte Bildungssystem als Mammutaufgabe dar. Hand aufs Herz: Wie froh sind Sie, dass sie dies nicht mehr maßgeblich mit umsetzen müssen?

Kröner: Auch die Gesamtschule Brand muss ihr bisheriges Konzept der Integration auf das der Inklusion umstellen. Im Vergleich zu anderen Schulen ist das bei uns zugegebenermaßen ein verhältnismäßig kleiner Schritt.

Warum wurde Integration an der Gesamtschule schon so früh im Unterrichtsalltag umgesetzt?

Kröner: Bereits im zweiten Jahr des Schulbestehens meldeten sich bei uns Eltern, die ihre Kinder integrativ an der Maria-Montessori-Schule in Eilendorf unterrichten ließen. Sie meinten dann: „Wir brauchen eine Sekundarschule, die dieses Projekt fortführt.“ Schließlich sind sie damit an uns herangetreten. Unser Selbstverständnis lautete von Beginn an: Die Gesamtschule ist eine Schule für alle Schüler — aller Leistungsfähigkeit und aller sozialen Schichten. Warum dann nicht auch Schüler unterrichten, die einen sonderpädagogischen Förderbedarf haben? Schulausschuss und Rat haben das Konzept schließlich beschlossen. Es wurde beim Schulministerium beantragt und von 1994 an als sogenannter Integrations-Schulversuch umgesetzt.

Nun herrscht große Unruhe, wie die Umsetzung der schulischen Inklusion flächendeckend gelingen soll. Können Sie das nachvollziehen?

Kröner: Sehr gut sogar. Es ist vor allem eine Frage der Ressourcen, also: wie viele Lehrer für die schulische Inklusion zur Verfügung stehen. Ich befürchte, dass die Auswirkungen auch an unserer Schule bemerkbar sein werden. Denn womöglich werden wir nicht mehr die Bedingungen erhalten, auf die wir bisher in Sachen integrativer Beschulung zurückgreifen können. Das bedeutet: Wir werden nicht mehr eine so günstige Versorgung der Förderschüler gewährleisten können.

Warum?

Kröner: Das ist eine sehr komplexe Struktur. Kurz gesagt: Das System Inklusion wird nun auf die Fläche ausgeweitet. Wenn es aber nicht ausreichend sonderpädagogisches Personal gibt, hat dies selbstverständlich Auswirkungen auf die Schulen, die bislang bereits mit integrativen Lerngruppen gearbeitet haben. Das sorgt für Unmut — auch an unserer Schule.

Im Oktober 2010 ist die Sporthalle der Gesamtschule bei einem Brand stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Welche Erinnerung haben Sie an diese Zeit?

Kröner: Das war einer meiner schwersten beruflichen Momente. In dieser Zeit habe ich überhaupt nicht gut geschlafen. Ich wünsche keinem Menschen, dass er aus dem Bett geklingelt wird und vor einer brennenden Schule stehen muss. Das war einfach nur furchtbar und für uns als Schulgemeinschaft eine enorme Herausforderung. Wir haben damals viel Unterstützung von Einrichtungen hier in Brand und der gesamten Stadt erfahren, um zumindest einen Not-Sportunterricht für die Schüler anbieten zu können. Was mich allerdings persönlich ärgert, ist, dass man den Brandstifter von damals bis heute nicht gefasst hat.

Am Freitag hatten Sie Ihren letzten Schultag. Gibt es ein Ereignis, das Ihnen in den fast 24 Jahren in Brand besonders in Erinnerung bleibt?

Kröner: Da fallen mir gleich mehrere ein. Mir liegt die intensive Kulturarbeit unserer Schule sehr am Herzen. Wenn ich sehe, wie Schüler mit kulturellen Einrichtungen der Stadt zusammenarbeiten und dabei ihre Persönlichkeit entwickeln, ist das für mich eine große Freude. Oder wenn ich an Abiturfeiern denke, bei denen sich Schüler und Lehrer plötzlich in den Armen liegen, weil sie etwas gemeinsam geschafft haben, ist das ein schönes Bild für mich. Was mich 1997 besonders gefreut hat, war ein Besuch des damaligen Regierungspräsidenten Franz-Josef Antwerpes in unserer Schule. Unter eine Urkunde hat er handschriftlich noch hinzugefügt: „Der Besuch gehört mit zu den schönsten Amtserlebnissen des Jahres 1997. Machen Sie weiter so!“ Ebenso hat mich eine Auszeichnung von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft gefreut, die wir als Schule vor zwei Jahren erhalten haben.

Welche Note gibt der Schulleiter Walther Kröner seiner Gesamtschule?

Kröner: (lacht) Da brauche ich nicht lange zu überlegen: Die Schule hat die Note Sehr gut verdient. Das Kollegium ist sehr engagiert. Wir sind im 24. Jahr unseres Bestehens gut vernetzt im Stadtteil, in der Stadt, in der Region. Als sogenannte „Startklar“-Schule sind wir in Sachen Berufsvorbereitung sehr gut aufgestellt. Und mir würden noch viele weitere Felder einfallen.

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