Aachen: Landesbadquelle wird zum modernen Energielieferanten

Aachen: Landesbadquelle wird zum modernen Energielieferanten

Die Vision gibt es schon länger: Aachens heiße Quellen nutzen, um damit Häuser zu beheizen, so die Idee, die auch schon Wissenschaftler beschäftigte. Genau das wird jetzt in Burtscheid zum ersten Mal im großen Stil in die Realität übertragen.

Der Energiespender ist dabei die Landesbadquelle hinter der früheren Rheumaklinik — die mit knapp 74 Grad Celsius heißeste Quelle Mitteleuropas. Nutznießer der Wärme aus den Tiefen der Erde sollen das Schwertbad sowie jene Gebäude sein, die gerade auf dem Areal des ehemaligen Landesbads um- oder neugebaut werden. Somit letztlich auch die Rheumaklinik selber. „Wir haben vor wenigen Tagen mit der Stawag einen entsprechenden Liefervertrag abgeschlossen“, sagen die Investoren und jetzigen Landesbad-Besitzer Ilker Simons und Martin Wibelitz.

Die Stawag bestätigt auf Anfrage die Realisierung der Idee: „Das Projekt ist eine gemeinsame Initiative von Schwertbad und Stawag. Geplant ist die Nutzung des Thermalwassers via eines Wärmetauschers für die Warmwasseraufbereitung und Heizung des gesamten Areals von Schwertbad und den neuen Wohnbebauungen“, so Stawag-Sprecherin Eva Wußing. Das Projekt werde sukzessive mit dem Erstellen der einzelnen neuen beziehungsweise sanierten Gebäude realisiert und somit bis zur Fertigstellung des Areals bis zum Jahr 2022 dauern.

Aber schon 2018 soll ein Großteil der Bebauung an das neue Heizsystem angeschlossen sein: Rund 3,5 Millionen Kilowattstunden Wärme würden dann aus dem Thermalwasser-Heizsystem günstig und umweltfreundlich zur Verfügung gestellt, so Wußing. Das entspreche dem Verbrauch von über 200 Einfamilienhäusern. In der Ausbaustufe im Jahr 2022 würden insgesamt 4,8 Millionen Kilowattstunden jährlich zur Verfügung gestellt, wenn weitere Gebäude angeschlossen werden. Entsprechend würde das dann dem Verbrauch von sogar rund 300 Einfamilienhäusern entsprechen.

Überdies: Diese einzigartige Form der Energiegewinnung ist äußerst umweltfreundlich. Der sogenannte „Primärenergiefaktor“, mit dem man die Umweltfreundlichkeit verschiedener Energiearten vergleicht, liegt laut Stawag bei 0,25. Das ist noch deutlich ökologischer als zum Beispiel eine ebenfalls als umweltfreundlich eingestufte Fernwärme-Heizung, die den Faktor 0,7 erreicht. Eine Öl- und Gasheizung liegt beim Faktor 1,3. Wird Strom aus Kraftwerken zum Heizen eingesetzt, so beträgt der Faktor gar nur 1,8. Ein weiterer Vorteil des Projektes ist, dass durch die intensive Nutzung des Thermalwassers das anschließend in den Kanal geführte Abwasser deutlich — um rund die Hälfte seiner ursprünglichen Temperatur — abgekühlt ist. So muss es nach Vorgaben der Stadt auch sein.

Über zwei Millionen Euro

Die Stawag baut indes die neue Energiezentrale mit dann zwei Groß-Wärmepumpen und einem Heizverteiler auf und übernimmt den technischen Betrieb. „Das Gesamtinvestitionsvolumen bis zum Jahr 2022 liegt bei über zwei Millionen Euro“, sagt Eva Wußing.

Die Stawag hat dabei einen Bezugsvertrag für die Thermalwassernutzung mit dem Schwertbad, das die Erlaubnis zur Nutzung der Thermalquelle hat. Umgekehrt verkauft die Stawag die Wärme aus der Thermalwassernutzung auf der Basis eines Liefervertrages an mehrere Abnehmer. Ob dieses Projekt der Auftakt für eine ganze Reihe von „Quellen-Heizungen“ in Aachen sein könnte, vermag man bei der Stawag derzeit noch nicht abzusehen. Möglich wäre es aber durchaus.

Das hatte der Ingenieur Christoph Senz schon vor rund zehn Jahren in einer Studie für die „Bürgerstiftung Lebensraum“ — sie ist auch im Projekt „Thermalwasserroute Aachen“ engagiert — festgehalten und damals als Beispiel die Rosenquelle (nicht die in Burtscheid, sondern die in der Innenstadt) unter dem „Horten-Haus“ genannt. Energetisch gesehen gebe es ein enormes Potenzial. Rund 56.000 Quadratmeter Flächen könnten mit dem Wasser beheizt — oder im Sommer über Wärmetauscher gekühlt — werden.

Nun mehr als eine Vision

An dieser Stelle hat es bislang dennoch kein solches Projekt gegeben. Dafür nun in Burtscheid, wo die Quelle sogar mehr als 20 Grad wärmer ist als in der City und rund 60.000 Liter Thermalwasser pro Stunde ausstößt.

Unter dem Strich kling das nach einem heißen Projekt — und ist nun weit mehr als eine reine Vision.