Aachen: Kronenberg: Wo die Ladenstraße langsam stirbt

Aachen: Kronenberg: Wo die Ladenstraße langsam stirbt

Das ältere Ehepaar geht langsam diesen Weg am Kronenberg hoch, der sich Ladenstraße nennt. Die beiden laufen vorbei an leeren Geschäften und leerstehenden Ladenlokalen und blicken etwas irritiert in die Runde. Ganz oben, am Ende des Weges, nehmen sie auf einer verwitterten Holzbank Platz.

Hinter ihnen eine schmutzige Mauer, an der sich Sprayer ausgetobt haben, neben ihnen ein leerstehendes Gebäude, das mal einen Supermarkt beherbergt hat. Nur an einer Ecke des Hauses hält noch eine Bäckerei einsam die Stellung.

Der ältere Mann schüttelt den Kopf. „Vor 40 Jahren haben wir hier gewohnt”, erzählt er, „aber da war das alles viel schöner, war diese Ladenstraße noch belebt und richtig voll.” Schön ist es jetzt nicht mehr, belebt auch nicht und schon gar nicht voll. Zwischen den Gehwegplatten sprießt Unkraut, Büsche wuchern in den Weg hinein, und die Bank, auf der das Ehepaar sitzt, ist die einzige Sitzgelegenheit. Von den benachbarten Bänken stehen bloß noch die Betonsockel.

„Wir befürchten, dass unsere Ladenstraße weiter stirbt”, kommentiert Anwohner Jörg Borgard die zunehmenden Leerstände und den ebenso zunehmenden Zustand der Verwahrlosung. Der Supermarkt habe vor zwei Jahren dicht gemacht, Kiosk und Frisör seien gefolgt. „Und seitens der Stadt passiert nichts”, kritisiert der Mann, der am Kronenberg aufgewachsen ist. Selbst der Stadtbetrieb lasse sich nur zwei Mal im Jahr blicken, um in den Grünanlagen für Ordnung zu sorgen.

Das ändert sich allerdings just im Laufe dieser Woche - und zwar gleich nachdem die AZ das städtische Presseamt mit dem Problemfall konfrontiert hat. Sofort rückt der Stadtbetrieb aus. Dem Unkraut geht es an den Kragen, und siehe da: Plötzlich sind neue Sitzgelegenheiten montiert.

Das mit den verrotteten Bänken muss den Verantwortlichen bei den Stadt ziemlich peinlich gewesen sein. „Das war unser Versäumnis”, räumt Axel Costard vom Presseamt ein. Was die Mängel in den Grünanlagen angeht, wirbt er aber auch um Verständnis. „Der Stadtbetrieb hatte in diesem Sommer alle Hände voll zu tun mit zerbrochenen Gläsern in Grünanlagen, das hatte Priorität.” Außerdem sei auch für städtische Mitarbeiter Ferienzeit. „Aber wir kümmern uns.”

Bloß: Geschnittene Sträucher, Unkraut-Ex und neue Bänke werden kaum ausreichen, die Ladenstraße am Leben zu erhalten. „Wieso Leben?”, fragt etwa Herbert Sütterlin. „Die ist doch schon lange gestorben.” Das Urteil des Inhabers des Hit-Markts in Kullen ist vernichtend, aber der Mann dürfte wissen, wovon er spricht. Schließlich ist Sütterlin am Kronenberg groß geworden, seine Eltern betrieben vor vielen Jahren einmal dort den Supermarkt.

Und er versuchte ihn bis vor kurzem noch zu vermieten - aber erfolglos. „Ich finde einfach keinen Mieter mehr für dieses Objekt.” Die Ursachen dafür? Sicher dürfte das große „Kaufland”-Projekt an der Vaalser Straße zum Aus der letzten Betreiber beigetragen haben, sagt der Kaufmann. Und dann sei die Ladenstraße ja ohnehin „ein architektonischer Erguss, der seinesgleichen sucht”. In der Tat: Eine Geschäftszeile auf der Hinterhofseite einer Straße findet man in Aachen sonst nirgends.

Sütterlin will nun verkaufen, wahrscheinlich wird die Gewerbefläche zur Wohnfläche. Anwohner Borgard sieht darin einen weiteren Sargnagel für die Ladenstraße: „Dann ist auch noch der Bäcker weg.” Und die Infrastruktur für die rund 3000 Einwohner des Viertels würde weiter schwinden.

Dies zu verhindern, hat die Stadt sich zumindest vorgenommen. Laut Sozialentwicklungsplan gilt der Kronenberg als „Stadtviertel mit besonderen Herausforderungen”. Wie im Preuswald soll auch dort eine Stadtteilkonferenz unter Einbeziehung aller Akteure des Viertels gegensteuern. „Der Kronenberg hat für uns Priorität”, verspricht Heinrich Emonts, Leiter des Fachbereichs Soziales und Integration, damit eine Art „Kronenberger Sozialpolitik”. Doch eine Sofortmaßnahme sollte man nicht erwarten. Anfang nächsten Jahres könne sich etwas tun, schätzt Emonts. Das hänge von den personellen Ressourcen ab. Doch die Ladenstraße könnte sich dann bereits weiter geleert haben.

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