Aachen: Krise? Chance? Politiker debattieren mit Schülern über Europa

Aachen: Krise? Chance? Politiker debattieren mit Schülern über Europa

Das Haus Europa wirkt in manchen Momenten wie ein Gebäude voller Baustellen. Die Krim-Krise samt diplomatischer Spannungen vor der Haustüre, Jugendarbeitslosigkeit und massive soziale Probleme im Süden des Kontinents belasten das Fundament und auch im Dachstuhl knirscht es.

Die Folgen des Bologna-Prozesses — also die europaweite Harmonisierung von Studiengängen und -abschlüssen — hat keine rein rosarote (Hoch-)Schulwelt von Helsinki bis Lissabon hinterlassen. Warum es trotzdem lohnt, in dieses Haus zu investieren und welche Chancen es gerade jungen Menschen bietet, darüber diskutierten am Montag Schüler des Gymnasiums St. Leonhard mit einer hochkarätig besetzten Politiker- und Wissenschaftlerrunde.

45 Minuten Anlaufzeit

Die Europaabgeordnete Sabine Verheyen (CDU), Ex-NRW-Innenminister und Landtagsabgeordneter Ingo Wolf (FDP), der Stolberger Ratsherr Arndt Kohn (SPD), die Aachener Ratsfrau Karin Schmitt-Promny (Grüne), der Bundestagsabgeordnete Andrej Hunko (Die Linke) und Prof. Hans Mackenstein (FH Aachen) hatten in der Aula an der Jesuitenstraße Platz genommen, um knapp zwei Monate vor der Europawahl am 25. Mai mit gut 100 Schülern des Q1-Jahrgangs zu diskutieren. Titel der Veranstaltung: „Welche Chance bietet Europa der Jugend?“ Die Frage blieb lange unbeantwortet. Denn die lebhafte Diskussion kreiste fast 45 Minuten lang um geopolitische Fragen. Dabei im Mittelpunkt: der sich zuspitzende Konflikt mit Russland. Dies verdeutlichte aber zugleich, wie facettenreich europäische Politik ist. Wie sehr sie global agieren muss und zugleich in die privatesten Bereiche eines jeden EU-Bürgers reinreicht.

Doch was bietet nun Europa für seine jungen Bewohner? Sabine Verheyen zählt die Förderprogramme auf: 14,7 Milliarden Euro pumpt die EU von 2014 bis 2020 in Erasmus Plus für Bildung, Jugend und Sport — und erhöht damit die Ausgaben in diesem Bereich um 40 Prozent. Daneben existieren „Leonardo da Vinci“ (für Auszubildende) und „Comenius“ (für Schüler).

Gigantische Zahlen, die jedoch nicht verdecken, wie es derzeit jungen Menschen in krisengebeutelten Ländern wie Spanien und Griechenland geht. Andrej Hunko legt den Finger in die Wunde, verweist auf Jugendarbeitslosenquoten von über 50 Prozent. „Diese Probleme sind nicht allein durch Förderprogramme und durch den Export des deutschen dualen Ausbildungssystems zu lösen“, sagt Hunko. „Und auch nicht, indem wir die besten Köpfe aus diesen Ländern zu uns lotsen.“ Wenn sich der Eindruck breitmache, dass Europa ein Ort der sozialen Ungerechtigkeit sei, wackele das Konstrukt, befürchtet der Linken-Politiker.

In diesem Punkt sind sich die Politiker größtenteils einig. Allerdings bleibt es teils auch bei oft gehörten Allgemeinplätzen. Da ist von „Einheit in Vielfalt“ die Rede, von der gemeinsamen Stimme, die man als Europäische Union im globalen Wettkampf erheben muss, von der EU als Vorbild für viele andere Regionen in der Welt.

Ganz konkret zeigt dann Hans Mackenstein, welche Chancen Europa für junge Menschen bereithält. Der Professor für International Business hat selbst in Deutschland und England studiert und gelehrt. „Ich habe von der europäischen Integration profitiert“ sagt er. Mit 80 Hochschulen weltweit kooperiert allein die FH Aachen. Das sieht auch Ingo Wolf so und ermuntert die Leonhard-Schüler, als Student oder später im Beruf für eine Weile ins (europäische) Ausland zu gehen. „Ran an die Fördertöpfe. Sie sind da“, ruft Wolf in die Aula.

Die Schüler gingen nach knapp anderthalb Stunden Debatte mit folgender Erkenntnis aus dem Saal: In den Vorratskammern des EU-Hauses liegen einige Bildungs- und Förder-Leckerbissen, die nur darauf warten, auf dem Tisch zu landen. Auch wenn lange noch nicht alle Gourmet-Status erreicht haben.

Und während die Q1-Schüler den Vormittag weiter nutzen, um sich über die EU zu informieren, begrüßt St.-Leonhard-Leiter Stefan Menzel bei den Achtklässlern Austauschschüler aus Polen, Tschechien und Rumänen in Aachen. Europa zum Anfassen.

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