Kommunalwahl 2020 in Aachen ohne Oberbürgermeister Marcel Philipp

Aachener OB Marcel Philipp tritt nicht wieder an : Ein Mann, der mit sich im Reinen scheint

Marcel Philipp tritt bei der Kommunalwahl im Herbst 2020 nicht mehr als Oberbürgermeisterkandidat in Aachen an. Das gab er am Freitagnachmittag auf einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz im Rathaus bekannt.

Das Gesicht vom gerade beendeten Urlaub noch gut gebräunt, die Augen strahlend lächelnd, die rechte Hand ausgestreckt – so kommt Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp um kurz vor 15 Uhr an diesem Freitag aus seinem Büro und begrüßt jeden einzelnen Journalisten per Handschlag. Das Jackett seines schwarzen Anzugs trägt er offen, das weiße Hemd ohne Krawatte, den obersten Hemdknopf aufgeknöpft: Wer den stets akkurat gekleideten Philipp kennt, der weiß, dass dies bei offiziellen Terminen genauso wenig alltäglich ist wie der Anlass der kurzfristig angesetzten Pressekonferenz im Aachener Rathaus. Und wer die folgenden rund 30 Minuten im OB-Büro mitverfolgt, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich hier jemand von weitaus mehr als nur von seiner Krawatte befreit hat.

Denn Marcel Philipp, der vor fast genau zehn Jahren zu Aachens jüngstem Oberbürgermeister gewählt worden ist, erklärt in dieser halben Stunde, dass er bei der Kommunalwahl im Herbst kommenden Jahres nicht mehr antritt. Dass er sein Amt aus freien Stücken abgibt. Mit dann 49 Jahren, also als ein immer noch ziemlich junger OB. Und dass er dann beruflich etwas ganz anderes, völlig Neues machen wird, das mit einem gewiss nichts mehr zu tun haben wird: mit Politik.

Mit einem Lächeln auf den Lippen

Philipp erzählt das alles mit einem Lächeln auf den Lippen, wirkt völlig gelöst und entspannt, fast so wie jemand, dem eine große Last von den Schultern genommen worden ist. Ein wenig gestört wird dieser Eindruck durch den aufgeklappten Laptop, der vor ihm auf dem Tisch steht. Normalerweise spricht der OB frei, er hat in seinem Amt mit den Jahren auch rhetorisch an Statur gewonnen. Warum braucht er nun so etwas wie einen kleinen Teleprompter?

Die Entscheidung, nicht mehr zu kandidieren, habe er vor ein paar Wochen kurz vor seinem Urlaub getroffen, sagt er. Sie folge „einer ganz persönlichen Abwägung“ und entspringe dem Grundgedanken, dass für ihn relativ früh klar gewesen sei, dass er nicht bis zum Rentenalter OB bleiben wolle. „Ich bin sehr früh OB geworden“, sagt er schmunzelnd, „und ich will danach auch noch etwas anderes machen.“

Letztlich sei die entscheidende Frage die nach dem richtigen Zeitpunkt gewesen. Und dann sei „ein konkretes Angebot“ gekommen, „das ich angenommen habe“. Um was es sich bei dem neuen Job handelt, den er im November 2020 antreten will, verrrät Philipp nicht, So spruchreif ist die Sache offenbar doch noch nicht. „Aber es ist total unspektakulär“, sagt er. Und lacht.

Marcel Philipp sucht neue Herausforderungen

Philipp lacht und lächelt viel in dieser halben Stunde. Er gibt das Bild eines Mannes ab, der mit sich im Reinen ist, der für sich seinen Weg gefunden hat. Er sagt das sogar selbst wörtlich so. Und er malt zugleich das Bild einer ziemlich heilen Welt. Auf die Frage, ob er von seiner eigenen Partei, der CDU, enttäuscht sei, antwortet er mit einem klaren und nachdrücklichen „Nein“, an dem noch ein paar Ausrufezeichen hängen. Er stehe in engem Kontakt mit Partei und Fraktion, sagt Philipp, es gebe da einen „engen Schulterschluss“, und er werde als „Teamspieler“ die CDU im Wahlkampf unterstützen – „sofern das gewünscht wird“.

Die Realität sah in der Aachener CDU in den vergangenen Monaten allerdings etwas anders aus. Dem Vernehmen nach wuchs zuletzt der Unmut darüber, dass der Oberbürgermeister seine Partei so lange im Unklaren darüber ließ, ob er weitermachen wird oder nicht. Durch die Gerüchteküche geisterten die Namen potenzieller anderer OB-Kandidaten, und auch, was Philipps Entscheidung anging, die er eigentlich für den Herbst angekündigt hatte, gab es fast wöchentlich neue Gerüchte. Auch dies bringt Philipp nun in dieser halben Stunde in seinem Büro zum Lachen. „Es wussten offenbar schon viele, was passiert“, sagt er. „Nur ich nicht.“

Es gibt auch noch andere Gerüchte, die seit ungefähr einem Jahr in Aachen kursieren. Sie betreffen Philipps Privatleben, weswegen sie hier nicht näher benannt werden sollen. Und sie wurden und werden auch von einigen seiner „Parteifreunde“ gestreut. Von diesen Gerüchten habe er im Mai zum ersten Mal gehört, sagt der OB nun. Sie seien „im großen Paket“ der Gründe für seine Entscheidung „irgendwo enthalten, aber nicht der auslösende letzte Tropfen“ gewesen.

Und ganz generell nach möglichen privaten Gründen für seine Entscheidung befragt, sagt der Familienvater mit Blick auf sein Amt lediglich: „Es spielt natürlich eine Rolle, wie die Familie beeinflusst wird. Das will man nicht überreizen.“ Auf seine Parteifreunde lässt der OB in dieser halben Stunde allerdings nichts kommen. Er sei „sehr positiv und dankbar“ in dieser Hinsicht, sagt er, er habe „unglaublich viel Unterstützung erfahren“. Und er erhebe „keinerlei Vorwurf gegen irgendjemanden“. Vielleicht liegt das daran, dass der Wahlkampf beginnt und innerparteilicher Zwist dann verpönt ist. Vielleicht ist Nachtreten aber auch einfach nicht sein Stil.

Allerdings sind es nicht nur Gerüchte, die Marcel Philipp zuletzt zusetzten. Die Affäre um die überhöhten Gehälter eines ehemaligen Gesamtpersonalratsvorsitzenden der Stadt Aachen und Personalratsvorsitzenden des Stadtbetriebs schlug im Sommer vorigen Jahres hohe Wellen – und wirkt immer noch ganz konkret nach. Schließlich ermittelt die Aachener Staatsanwaltschaft seit nunmehr 13 Monaten gegen fünf ehemalige und aktuelle städtische Bedienstete wegen des Verdachts der Untreue. Und von Beginn an stand auch die Frage im Raum, von wann an man auch in der Verwaltungsspitze von der unrechtmäßigen tariflichen Eingruppierung des Personalratschefs wusste. Und ganz konkret geht es dabei auch um die Frage, wann Oberbürgermeister Marcel Philipp Kenntnis von der Sache erhielt.

Ermittlungen kein Grund

Nachdem unsere Zeitung vor rund zwei Monaten Recherchen veröffentlichte, nach denen dies wohl schon im März 2016 der Fall war, hat die Staatsanwaltschaft nun auch den Blick auf Philipp und Kämmerin Annekathrin Grehling gerichtet. Im Zuge einer Vorprüfung wird derzeit untersucht, ob es wegen dieser „Mitwisserschaft“ gegen beide ebenfalls einen Anfangsverdacht wegen Untreue gibt. Schließlich hat Philipp erst im November 2017 die städtischen Rechnungsprüfer auf den Fall angesetzt. Durch ein früheres Handeln hätte womöglich Schaden von der Stadt abgewendet werden können.

Prekär könnte es für Philipp werden, wenn die Aachener Staatsanwaltschaft ähnliche juristische Maßstäbe wie die Ermittler in Hannover ansetzt. Dort wurde Oberbürgermeister Stefan Schostok (SPD) mittlerweile sogar angeklagt, weil er von unrechtmäßigen Zulagen seines Büroleiters gewusst haben soll. Dem Vernehmen nach soll Philipp intern vor einiger Zeit bereits angekündigt haben, dass er nicht mehr kandidiere, falls Ermittlungen gegen ihn eingeleitet werden. Dies ist bislang nicht der Fall, kandidieren wird er trotzdem nicht mehr. Diese ganze Angelegenheit habe bei seiner Entscheidung „keine wesentliche Rolle gespielt“, sagt er jetzt nur.

So kurz und knapp der OB auf die Nachfragen antwortet, so ausführlich spricht er über die Themen der letzten 14 Monate seiner Amtszeit. Die Planungen für den Campus West will er vorantreiben, am Büchel – der zugleich wichtigsten und schwierigsten städtebaulichen Aufgabe in der Aachener Innenstadt – will er „sichtbar vorwärtskommen“, am alten Polizeipräsidium wichtige Weichen stellen und mit Blick auf die Zukunft des Bushofareals den „Start in eine strukturierte Diskussion“ hinbekommen. „Ich werde mit voller Tatkraft in die nächsten 14 Monate gehen“, sagt Philipp und klingt dabei wie ein Oberbürgermeister, der noch mindestens eine Wahlperiode schultern will – die er für diese Themen ja auch brauchen würde. Und wirkt wie ein engagierter Wahlkämpfer, der sich schon auf den Urnengang freut. Und doch tritt er ab.

Wenn die Wähler im Herbst nächsten Jahres in die Wahllokale gehen, um unter anderem über Aachens nächsten OB abzustimmen, tritt Philipp in den Ruhestand. Als Oberbürgermeister. Und wohl auch als Politiker. In Aachen werde er bleiben, sagt er auf Nachfrage. Damit ist zumindest ein ebenfalls zwischenzeitlich kolportiertes berufliches Engagement beim Deutschen Städtetag in Berlin vom Tisch. Aber es hieß zuletzt auch, dass Philipp einige Angebote aus der Wirtschaft haben soll.

Und der Politik wird er wohl auch den Rücken zukehren. Zumindest, was wichtige Ämter angeht. „Ich bleibe ein politischer Mensch“, sagt er auf die Frage nach dem Politiker Marcel Philipp. Und lacht. Und fügt dann hinzu: „Es kann sogar sein, dass ich im Sinne der CDU wieder deutlich aktiver werde, als ich es jetzt sein kann.“ Doch dies sei dann „die Freizeit eines politischen Menschen“, sagt er. Und klingt abermals so, als wäre da ein Mann ziemlich mit sich im Reinen.