Kommentiert: Am Büchel sollte die Politik auf die Polizei hören

Kommentiert: Am Büchel sollte die Politik auf die Polizei hören

Haben sich da etwa zwei abgesprochen? Der Gedanke liegt nicht so fern, dass Oberbürgermeister Marcel Philipp und Polizeipräsident Dirk Weinspach beim (Reiz-)Thema Antoniusstraße gemeinsame Sache machen könnten.

Schließlich haben beide ähnliche Interessen: Für einen Polizeipräsidenten sind Bordelle in übersichtlicher und gut kontrollierbarer Lage am Stadtrand ideal, um kriminelle Auswüchse in den Griff zu bekommen. Und welcher OB freut sich schon über ein anrüchiges Rotlichtmilieu nur ein paar Steinwürfe von seinem Büro im Rathaus entfernt? Zumal der Begriff „Sträßchen“, der in Aachen seit langem gerne verwendet wird, heutzutage einen Ort beschönigt, an dem Frauen meist brutal ausgebeutet werden und die organisierte Kriminalität ihr Unwesen treibt.

Dass Weinspach jetzt nur kurz nach einem gegenteiligen politischen Grundsatzbeschluss per Brief an den OB massive Sicherheitsbedenken zu den Plänen für das Altstadtquartier Büchel äußert und für eine Auslagerung der Bordellbetriebe an den Stadtrand plädiert, dürfte Philipp daher prima zupass kommen.

Denn die Politik, die bislang mit klarer Mehrheit für einen Verbleib des Rotlichtbezirks am angestammten Ort votiert, gerät nun in Erklärungsnöte. Und ganz nebenbei dürften sich auch die beiden Investoren freuen, die die Bordelle am liebsten schon längst aus ihren Plänen entfernt hätten...

Aber ganz unabhängig von solch möglichem und mutmaßlichem politischem Geschacher: Was die Polizei angesichts der aktuellen Pläne an Bedenken äußert, ist absolut nachvollziehbar. Dass ein abgeschotteter Bordellbereich die Arbeit der Beamten bei Kontrollen, Großeinsätzen und in Notfällen erschwert, leuchtet ein. Und dass die viel zitierte soziale Kontrolle in solch einem gar nicht mehr einsehbaren Areal nur noch eine leere Worthülse sein dürfte, müsste eigentlich auch jedem klar sein.

Wenn in der Politik nun mancher einwendet, dass man die schönen Plane, über die man seit Jahren diskutiert, nicht „in die Tonne kloppen“ wolle, sollte das kein Hindernis sein. Im Gegenteil: Es geht am Büchel um Aachens wichtigste städtebauliche Entwicklung in den nächsten Jahren. Und wenn Teile dieser Pläne dazu führen, dass die Situation eher schlechter als besser wird, dann gehören diese Ideen genau da hin — in die Tonne.

Die Politik sollte deshalb die Einwände des Polizeipräsidenten nicht als lästige Störung abtun, sondern sie als wertvollen Expertenrat akzeptieren. Denn so viel ist sicher: Vom Thema Sicherheit versteht die Polizei mehr als die Damen und Herren Kommunalpolitiker. Diese sollten deshalb nun neu nachdenken und sich zu allererst Gedanken über Alternativstandorte für den Rotlichtbezirk machen.

Das wird nicht einfach, aber wer will, findet Lösungen. Vonnöten ist jetzt eine neue, offene und ehrliche Diskussion — und dabei ist es am Ende ganz egal, wer mit wem was verabredet hat, um das wichtige Thema noch einmal in die öffentliche Debatte zu bringen.

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