Kolloquium an der RWTH Aachen

Experten diskutieren die Zukunft der Region : Den Strukturwandel endlich anpacken

Die RWTH Aachen hatte zu einem „Städtebaulichen Kolloquium Stadt + Region“ eingeladen. Am Ende gab es die Vorgaben: über Grenzen hinweg denken. Und allen wurde klar, dass die Zeit drängt.

„Toll, dass man in Aachen anfängt, etwas größer zu denken.“ Der kritisch-optimistische Kommentar eines Zuhörers wurde geteilt von Bürgermeister Rudi Bertram aus Eschweiler: „Ich bin froh, dass der Strukturwandel auch in Aachen angekommen ist.“

Die beiden Äußerungen standen wohl für die Meinung vieler der rund 200 Zuhörer, die an der RWTH Aachen am öffentlichen „Städtebaulichen Kolloquium Stadt + Region“ teilnahmen. „Ist die Zukunft der Stadt die Region?“ fragte Professorin Christa Reicher in eine Diskussionsrunde aus Verwaltung und Politik. Die Stadtplanerin und Architektin Christa Reicher ist seit 1. Oktober neue Leiterin des Instituts für Städtebau an der RWTH.

Nutzung auf engem Raum

Die vielfältigen Herausforderungen der Städte sind sattsam bekannt: Wohnen, überlastete Verkehrsinfrastruktur, Energiewende und Klimawandel, Daseinsvorsorge, Gewerbeansiedlung und vieles andere mehr verschärft sich dramatisch. Auf engem Raum kommen Nutzungsansprüche zusammen, zum Teil in Konkurrenz zueinander. Den Städten fehlen Flächen, ihre Aufgaben noch stemmen zu können. Ihr Blick weitet sich in die Regionen. Agglomerationskonzept“ heißt das sperrige Stichwort, das vereinfacht „Zusammenballung“ meint und das Moderatorin Reicher als „innovativen strategischen Ansatz“ vorstellte.

Was gemeint ist, demonstrierten spannend und mitreißend zwei Gäste. Reimar Molitor, Geschäftsführer des Vereins „Region Köln/Bonn“, referierte zum „Agglomerationskonzept Köln/Bonn“, Professor Bernd Scholl von der ETH Zürich erläuterte das „Agglomerationskonzept Limmattal-Zürich“. Über die kommunalen Grenzen hinweg erarbeitet das Köln-Bonner Projekt „in einem kooperativen regionalen Dialog- und Planungsprozess Szenarien- und Zielbilder“ für die räumliche Entwicklung bis 2040. Betrachtet wird ein riesiges Gebiet, das sich aus den Städten Köln, Bonn und Leverkusen und aus den Regionen vom Rhein-Kreis Neuss über den Rhein-Erft- und den Rheinisch-Bergischen-Kreis bis hin zum Rhein-Sieg-Kreis zusammensetzt. 61 Kommunen machen mit.

Credo der Experten: „Wir alle wissen, dass es so nicht weitergeht auf kommunaler Ebene“ (Molitor), „die kommunale Infrastruktur ist am Anschlag“ (Scholl), also: hoher Stellenwert für regionale Raumplanung, gemeinschaftlich handeln, interkommunale Lösungen für Siedlungs- und Landschaftsentwicklung, Totalrevision des Verkehrssystems, Mut und nochmals Mut auf einem langen Weg. Vor allem: Raus der Fachdiskussion, die Bürger beteiligen, appellierend an die Medien, daran mitzuwirken.

Schweiz gibt viel Geld aus

755 Millionen Schweizer Franken nehmen Kommunen, Kantone und Bund in die Hand, um die Region „Limmattal-Zürich“ zukunftsfähig zu machen. „Auf den Weg machen und Lösungen finden“, empfahl Bernd Scholl der Städteregion Aachen, wobei die RWTH wie die ETH Zürich die „Katalysator-Rolle“ übernehmen könne. „61 Kommunen arbeiten beim Projekt Köln-Bonn auf Augenhöhe zusammen, Land-Kölner gibt es nicht, Vertrauen ist die Grundvoraussetzung für eine Kooperation“, riet Reimar Molitor.

„Was muss passieren?“, forderte Professorin Reicher heraus. Niels-Christian Schaffert, Leiter des Fachbereichs Stadtentwicklung in Aachen: „Wir brauchen eine aktuelle und schonungslose Bestandsaufnahme der Handlungsbedarfe. Ich begrüße das Agglomerationskonzept. Wir müssen fragen: Was macht die Region Aachen aus?“ Stefan Jücker, Baudezernent der Städteregion: Es sei zwar gut, ein Agglomerationskonzept zu haben, gleichwohl sehe er die Städteregion beispielsweise auf den Gebieten erneuerbare Energien und der Mobilität bereits „unterwegs“.

Bürgermeister Rudi Bertram (SPD) drängt: „Ab morgen umsetzen, was wir schon haben. Loslegen! Viel Zeit haben wir nicht mehr. Und den Bürger erklären, was wir wollen.“ Stadtrat Michael Rau (Grüne, Aachen): „Diese Veranstaltung tut uns in Aachen gut. Wir müssen kanalisieren, wo die Probleme liegen. Den Schritt wie Köln-Bonn müssen wir auch in unserer Region tun, die Lösung vieler Fragen liegt nur in der Region. Das ist noch nicht in allen Köpfen, dazu gehört auch ein Oberbürgermeister, der das verstehen muss.“

„Furchtbar anstrengen“

Ratsherr Harald Baal (CDU, Aachen): „Wir müssen uns furchtbar anstrengen. Feststellen, welche Stärken wir in welchen Bereichen haben.“ Ratsherr Marc Beus (Die Linke, Aachen): „Viele Dinge, die wir verbessern müssen. Aber so zu tun, als sei der Strukturwandel gerade erst entstanden, ist ein schlechter Scherz. Die Probleme sind seit 20, 30 Jahren zu erkennen.“

Architekt Hanns-Dieter Collinet vom mitveranstaltenden Verein „Aachen-fenster – Raum für Bauen und Kultur“ kritisierte die Städteregion. Statt des Ziels, Probleme „möglichst gemeinsam“ zu lösen, gebe es ein Nebeneinander. Collinets „provokante These“: „Wenn das Sonderkonstrukt Städteregion es nicht hinkriegt, Vorreiter einer regionalen Raumplanung zu sein, droht ihr die Auflösung.“

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