Aachen: „Kollision — Chronik einer Eskalation“: Den Blick über den Zaun wagen

Aachen: „Kollision — Chronik einer Eskalation“: Den Blick über den Zaun wagen

Nein, primär geht es nicht um einen Zaun. Vielmehr geht es im neuen Stück des Mörgens, „Kollision — Chronik einer Eskalation“, um die vermeintliche Toleranz des weltoffenen Bildungsbürgers, die anhand eines Zaun sinnbildlich deutlich wird.

Primär geht es um kulturelle Unterschiede und um die Frage, wo das Ausleben einer Kultur die persönliche Freiheit des Einzelnen betrifft. Das Theaterprojekt von Stefan Herrmann ist eine Kooperation des Theaters Aachen mit der Brotfabrik Bonn.

Die Idee zu der Inszenierung resultierte aus einer persönlichen Erfahrung, wie Herrmann erzählt. „An unserem großen Garten grenzte ein Zaun an ein wesentlich kleineres Grundstück. Während unsere Kinder spielten, schaute eine Gruppe junger Migranten zu uns herüber, sie riefen etwas, waren frech und fragten, ob sie rüberkommen könnten.“ Er habe nicht gewusst, was er machen solle. „Einerseits wollte ich meine Ruhe haben und kannte die Kinder gar nicht, andererseits sehe ich mich selbst als weltoffenen und toleranten Menschen. Woher kamen also meine Bedenken?“ Dieses Erlebnis war der Anlass, das Projekt ins Leben zu rufen.

Mit einem Ensemble, das aus sechs jugendlichen Geflüchteten aus Syrien, Afghanistan und Palästina sowie zwei Schauspielern besteht, wurde eine Geschichte entwickelt, die offen die Ängste, Vorbehalte und Sorgen vieler Menschen offenlegt. Dramaturgin Vivica Bocks beschreibt die Intention des Stücks wie folgt: „Es geht ums Kennenlernen und darum, wie tolerant man wirklich ist. Der Zaun steht ein Stück weit für die Frage der Willkommenskultur.“

Inhaltlich beginnt die Geschichte mit einem Diebstahl. Oder war es ein Spiel? Die neuen Sneakers des Sohnes sind jedenfalls weg. Der Vater, ein angesehener Professor, der ihm die Schuhe schenkte, lebt mit seiner Ehefrau ein Leben ohne größere Probleme. Das Abhandenkommen der Turnschuhe, die von einer Gruppe Migranten weggenommen wurden, stellt seine Friedlichkeit und die der Familie in Frage.

Es steht stellvertretend für viele ähnliche Fälle, in denen sich jeder einzelne darüber bewusst werden muss, ob man den Blick über den Zaun riskiert und die Barriere womöglich abbaut. Oder sind derartige Begrenzungen vielleicht sogar notwendig, um die persönliche Freiheit und Kultur zu schützen? „Kollision — Chronik einer Eskalation“ setzt da an, wo die Erkundigung nach der Fluchtgeschichte aufhört und die viel zitierte Integration beginnt.

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