Kohlendioxid-Ausstoß in Aachen ist wieder gestiegen

CO2-Emissionen in Aachen : Kfz-Verkehr verhagelt die Klima-Bilanz

Am Eingang zum Verwaltungsgebäude in der Lagerhausstraße weist ein großes Schild auf preiswürdige Erfolge in Sachen Umweltschutz hin: „Europäische Energie- und Klimaschutzkommune Stadt Aachen – ausgezeichnet mit dem European Energy Award Gold 2015“, wird in stolzen Lettern verkündet.

Im Sitzungssaal auf der ersten Etage herrschte am Donnerstag allerdings dicke Luft – und zwar nicht nur, weil die Frischluftzufuhr im fensterlosen Tagungsraum 170 generell zu wünschen übrig lässt. Denn Letzteres gilt allemal auch für die jüngste Bilanz in Sachen CO2-Emissionen im Stadtgebiet.

Im Jahr 2017 nämlich sind die Kohlendioxid-Werte überm Talkessel gegenüber dem Vorjahr wieder angestiegen. Das niederschmetternde Zahlenwerk des Fachbereichs Umwelt sorgte im Mobilitätsausschuss des Rates prompt für heftige Verbalscharmützel – ausgelöst vor allem durch eine veritable Wutrede des Grünen-Ratsherrn Kaj Neumann.

Tendenz wieder steigend: Die Kohlendioxid-Emissionen im Stadtgebiet sind 2017 wieder angestiegen. Foto: grafik

Nur 20 statt 40 Prozent weniger

Fakt ist: Im Prinzip ist das Volumen der freigesetzten Schadstoffe in den vergangenen Jahren allenfalls punktuell geschrumpft. Zwar verzeichnet die Statistik im Ganzen eine Reduzierung der CO2-Emissionen um rund 20 Prozent seit 1990. Angepeilt war ursprünglich jedoch ein Rückgang um mindestens das Doppelte innerhalb von 30 Jahren. Theoretisch müssten die Werte nach der seinerzeit ausgegebenen Zielvorgabe für bundesdeutsche Großstädte also bereits im nächsten Jahr um mindestens 40 Prozent gesunken sein. Knackpunkt: Vor allem durch die nach wie vor wachsende Zahl von Kraftfahrzeugen wurde die ökologische Bilanz gründlich verhagelt.

Und damit die Stimmung im Ausschuss: Neumann, Jahrgang 1992, redete sich flott in Rage. „Meine Generation ist es doch, die diesen ganzen Mist auszubaden hat, wenn die meisten von Ihnen längst...“, zürnte er – dann hielt er ein. Die offenkundige Anspielung aufs vorgerückte Alter eines Großteils der übrigen Ausschussmitglieder verfehlte ihre Wirkung trotzdem nicht. Zumal der Grüne weiter polterte: An einer Verbannung des Kfz-Verkehrs aus der City führe schlicht kein Weg mehr vorbei – da werde auch der viel gepriesene Umstieg auf Elektroautos letztlich wenig helfen, „aber das ist Ihnen ja leider immer noch nicht klar“. Was die gestandene CDU-Abgeordnete Gaby Breuer (Ratsfrau seit 1994) zum geharnischten Konter veranlasste: „Eine Unverschämtheit, was Sie sich hier herausnehmen!“, brachte sie das vernehmliche Rumoren in der Polit-Runde auf den Punkt. Inhaltlich sei Neumanns Kritik zwar in vielem nachvollziehbar, aber die „fast schon fanatische“ Tirade sei mehr als unangebracht. SPD-Ratsfrau Ye-One Rhie (Jahrgang 1987) versuchte, die Wogen ein wenig zu glätten. „Im Prinzip bin ich ja bei dir“, entgegnete sie an Neumanns Adresse. Und mahnte zur Sachlichkeit. Wenn die Politik in der Debatte nicht „ein gewisses Maß“ bewahre und „wenn wir die Bürger bei unseren Entscheidungen nicht mitnehmen“, sei niemandem geholfen.

„Über die Stränge geschlagen“

Das wirkte. Neumann entschuldigte sich. „Es tut mir Leid, da habe ich wohl etwas über die Stränge geschlagen. Natürlich können wir nicht alles per Verbot regeln. Aber wir müssen alternative Konzepte wie die Förderung von ÖPNV und Radverkehr jetzt viel schneller und konsequenter umsetzen.“

In der Tat ließ der Vortrag des städtischen Experten Michael Rischka daran wenig Zweifel. Nach wie vor sei es nicht gelungen, die längst angestrebte Marke von zwei Millionen Tonnen Kohlendioxid-Ausstoß in der alljährlichen Klimabilanz zu unterschreiten, legte er dar. Im Gegenteil. „Die aus der Primärbilanz resultierenden absoluten Emissionen stiegen (2017) gegenüber dem Vorjahr von 2,051 Millionen Tonnen auf 2,108 Millionen Tonnen“, heißt es im Bericht der Verwaltung.

Seit 1990 ist der Anteil der Blechmobile am städtischen Verkehr demnach von einem Fünftel auf ein Drittel geklettert. Binnen eines Jahres wuchs die Zahl der zugelassenen Pkw, Lkw und Kräder 2017 fast im gleichen Maße wie die der Aachener, nämlich um 0,4 Prozent auf 139.043 motorisierte Mobile – und das, obwohl seit 2008 nur noch ganzjährig angemeldete Fahrzeuge in die Berechnung aufgenommen würden, wie Rischka anmerkte. Schwere, PS-starke Gefährte seien nach wie vor angesagt. Folge: Seit 2012 steige auch der Spritverbrauch wieder an – während die Industrie das einst gerühmte Drei-Liter-Auto bereits im Jahr 2000 aus den Portfolios verbannt habe.Von 1990 bis 2017 hat das Ausmaß der Luftverpestung durch den Faktor Verkehr in Aachen laut Statistik mithin um 14 Prozent zugenommen. „Die Tendenz sinkender Emissionen pro Einwohner (…) wurde durchbrochen“, heißt es im Rapport des Umweltamtes. Und: „Insgesamt ist mit weiter stagnierenden oder auch ansteigenden CO2-Emissionen zu rechnen.“

Selbst die kontinuierlich sinkenden Werte im Strom- und Wärmebereich infolge des wachsenden Anteils alternativer Energien können das düstere Fazit folglich kaum aufhellen. Auch wenn der Rauch des Zorns über den Köpfen der Politiker sich alsbald wieder verflüchtigte – vorerst.