Aachen: „Knochen to go“: Bissiges von Wendelin Haverkamp

Aachen: „Knochen to go“: Bissiges von Wendelin Haverkamp

Heilig und heiter, bissig und besinnlich: ein Abend aus Musik und gesprochenem Wort im Quadrum des Aachener Doms, der jazzig beginnt, über heimatsprachigen Blues und weltmusikalische Arabesken schließlich seinen Höhepunkt im gemeinsamen Bühnengesang honoriger Herren führt.

„Knoch, Knoch knochig vür d‘r Öcher Dom“, ja, richtig, das klingt nach Bob Dylans „Knock, knock knockin on heaven’s door“, und das Publikum singt mit.

Drei Improvisationsgenies: Max Kerner, Wendelin Haverkamp und Manfred Birmanns (v.l.).

„Knochen to go“ heißt es, wenn sich der Aachener Satiriker und Kabarettist Wendelin Haverkamp im Rahmen des Festes rund um 800 Jahre Karlsschrein mit dem Frankenherrscher auseinandersetzt, genauer gesagt mit Karls Gebeinen. Heute vor 800 Jahren, präzise am 27. Juli 1215, hat man im Dom den fertig gestellten Schrein feierlich aufgestellt und die zuvor in einer Holztruhe lagernden (verbliebenen) Gebeine in kostbare Stoffe gewickelt, die sich heute im 1983 bis 1988 sanierten Schrein befinden. „Die Zähne sind als erstes weg“, prägt Haverkamp einen Satz, den alle verstehen. Hat Otto III. zu Pfingsten des Jahres 1000 bei der Graböffnung wirklich einen kaiserlichen Zahn an sich genommen? Wissenschaftler diskutieren das bis heute.

„Knochen to go“: Kabarettist Wendlin Haverkamp begrüßte aus Anlass des 800-jährigen Jubiläums des Karlsschreins im Quadrum des Doms zahlreiche Gäste und noch mehr Besucher.. Foto: Andreas Steindl

Aberwitzige Theoreien

Der leckere Beweis: Printenbäcker Heinz Klein überreicht Wendelin Haverkamp den mythischen Vogel Musserav. Foto: Andreas Steindl

Haverkamp entwickelt aberwitzige, unheilige, aber häufig gar nicht so unwahrscheinliche Theorien, wer sich wohl alles bei der Öffnung des Grabes und zur „Erhebung der Gebeine aus dem Staub“, wie es heißt, bedient haben mag.

Und die eingeladenen Musiker machen sich ihre Gedanken. So kleidet das kraftvolle Franz-Brandt-Jazzquartett das Kirchenlied „Das Grab ist leer“ in eine imponierende eigene Interpretation, die sogar Dompropst Manfred von Holtum begeistert. Er sitzt in der ersten Reihe und staunt immer wieder, wie inspirierend sich Karls Knochen auf die Künstler auswirken. In lockerer Moderation werfen sich Haverkamp und Mundart-Experte Manfred Birmans historische und gegenwärtige Bälle zu. Von „Knochen“ zum Seufzer „ich hab’ Rücken” ist es nicht weit. Das ruft den Orthopäden auf die Bühne.

In einem assoziativen Wortduell begegnen sich Fachmann Karl Zilkens und der Kabarettist, ein sprachlich funkelndes, freches Stückchen Literatur: „Röhrenknochen, Schädelknochen, Hundeknochen — oder einfach die Frage: Was hängt so alles am Knochen“. Ausgefeilt wie alle Haverkamp-Texte. Sie wirken wie aus der Hüfte geschossen, sind aber so schnell und brillant, dass manche Ohrfeige schneller verteilt ist, als der Betroffene es bemerkt. In Zeiten der App-Begeisterung propagiert Haverkamp etwa die „Knochen-App des Vatikans“ und rät: „Halten Sie das Handy an den Knochen, wenn es schwarz blinkt, stammt der Knochen von einem Heiligen.“

Darüber darf das begeisterte Publikum nachdenken, während Dieter Kaspari seinen steingrauen, knochigen Mundart-Blues anstimmt. Der melancholische Poet und souveräne Gitarrist hat Uwe Böttcher, Bassist des Franz-Brandt-Quartetts an seiner Seite, wenn er von den rauen, längst vergangenen Zeiten „ob de Rues” erzählt .

Gereimtes leiht sich Haverkamp von Fritz Graßhoff (1913-1947), dem herrlich bissigen Dichter und Herausgeber der „Halunkenpostille“, der sich gleichfalls dem Geschäft mit dem Religiösen zugewandt hatte. In seiner Ballade werden Karls Gebeine gegen saftige Trinkgelder an diverse Reliquien-Jäger verteilt — Haare, Zeigefinger, Schulterblatt, und doch: Der Franke ist eben ein Herrscher „der noch im kargen Rest den alten Glanz erkennen lässt“.

Keiner weiß, was Sache ist

Der Talk mit Max Kerner und Manfred Birmans wird zum spritzigen Verwirrspiel. Die drei Akteure sind Improvisationsgenies, das Chaos wird System. Zum Schluss weiß keiner mehr so genau, was Sache ist — das ist das Ziel. Kerners historische Empfehlung lautet jedenfalls, sich „Erdmännchen Emil“ anzuvertrauen, der zurzeit durch die Schau „Sprechende Knochen“ im Centre Charlemagne führt und ihn fasziniert.

In Aachen wird gegraben, dauernd, und nicht nur im archäologischen Sinne. Haverkamp schießt seine Pfeile treffsicher ab. Er schlägt den Bogen akrobatisch von Karls Tiergarten, dem weißen Elefanten Abul Abbas bis hin zum traditionellen Schützenmotto, das schon die Bläck Fööss zum Singen reizte: „d’r Vogel muss eraf“. In mundartlicher Freizügigkeit wird daraus der endlich ausgegrabene mythische „Vogel Musserav“, den Bäckermeister Heinz Klein für diesen Anlass sogar in einer Auflage von 110 Stück gebacken und insQuadrum als heiß begehrte Festtags-Printe mitgebracht hat.

Doch bevor die Zuschauer seinen Stand umlagern, kommt noch Mundart-Poet Hein Engelhardt auf die Bühne. Er sorgt mit seinem Gedicht von „Krippekratz“, dem Teufel, liebenswert und mundartstark für philosophischen Lokalkolorit. Der hat laut Dombausage einen Daumen in der großen Bronzetür eingebüßt und bietet nun dem Propst an, die Domsanierung mit höllischem Geld zu finanzieren — wenn er das Knöchelchen zurück bekommt.

Weltmusikalisch führen schließlich der Akkordeonist und Komponist Manfred Leuchter und sein palästinensischer Kollege, der Klarinettist Mohamed Najem, den Abend wieder zurück zu Kaiser Karl, dem orientalische Künste und Wissenschaften am Herzen lagen.

Die beiden Könner verbinden arabische Musik mit klassischer Tradition zu glanzvollen Klangbildern, die sich zwischen „Ramallah“, Bachs Choral „Jesus bleibet meine Freude“ und „Urbs aquensis“ bewegen. Die ersten Regentropfen fallen. „Knochen to go“ gelingt eine Punktlandung vor dem Sturmtief. Viel Applaus.

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