Knastkultur-Woche: Theater in der Justizvollzugsanstalt Aachen

Aachen: Hinter dicken Mauern: Theater im Knast zum Alltag der Inhaftierten

Die Stimmung in der Aula der Justizvollzugsanstalt Aachen glich der einer überfüllten Kneipe. Es war wirklich laut! Deutlich weniger vornehm als in einem Theater. Es waren auch in erster Linie Gefangene, die hier einen Ausbruch aus dem Alltag erlebten.

Mit einer Reihe von Gästen warteten sie auf die Premiere eines Theaterstückes, in dem nur Mitgefangene auftraten. Der Titel wies auf den Inhalt hin „Weck mich bitte auf aus diesem Alptraum.“

Im Rahmen der landesweiten „Knastkultur-Woche“ hatten sich in der JVA die Gefängnispädagogen Ruth Hildebrandt und Philipp Teske an die Leiterin der Aachener Theaterschule, Ingeborg Meyer, gewandt, um diese für eine Zusammenarbeit zu gewinnen. Meyer verschrieb sich sofort diesem spannenden Versuch und holte Mehdi Salim, Absolvent der Schule und junger Regisseur mit ins Boot.

Seit August wurde im Knast geprobt. Im Vorfeld hatten die Gefängnispädagogen in einem längeren Prozess mit den inhaftierten Schützlingen überlegt, wer für eine Rolle im Stück geeignet sein könnte. Erst als die Mitspieler klar waren, wurde das Stück konzipiert. Sollte es doch zu den Charakteren der Schauspieler passen.

Herausgekommen war eine Collage literarischer Versatzstücke und eigener Geschichten der Knackis. In vielen Szenen ging es um den leidigen Alltag im Gefängnis: Das Warten auf erhofften Besuch von Angehörigen, die dann doch nicht kommen, das Warten auf eine durch gute Führung mögliche Haftverkürzung, die dann nicht erfolgt oder auch nur das wochenlange Warten auf ein in der Bibliothek bestelltes Buch. Die persiflierte Begründung für den Leser in Erwartung: Die scharfen Seiten des neuen Buches könnten ein Verletzungsrisiko bergen.

Es steckte viel bittere Erfahrung in den gespielten Bildern der Collage. Da ging es um viel Langeweile. Da ging es um die Macht der Justizangestellten, und die internen Machtkämpfe der Inhaftierten. Besonders dann gab es Gejohle aus den Reihen der Gefangenen, wenn wenigstens im Spiel ein Knacki einen Schließer mal übertrumpfen konnte.

Für die Schauspieler hatte ihr Engagement nahezu therapeutische Bedeutung. Im Spiel konnten sie Stress abbauen, während der Proben über Probleme reden und auch mal Gefühle rauslassen. Einige Protagonisten meinten, sie hätten wahrend der Probenzeit spielerisch ihr Deutsch verbessert.

Liebevolle Unterstützung

Auch die künstlerische Leiterin und der Regisseur der Theaterschule Aachen waren begeistert. Einmal von der professionellen und liebevollen Unterstützung der Gefängnispädagogen. Zum anderen über die Motivation und Energie der Schauspieler. „In den Proben war richtig Feuer drin,“ meint Regisseur Mehdi Salim, „toll, wie die Schauspieler unsere Zusammenarbeit als Chance gesehen haben, mal von sich zu erzählen“.

Für Gefängnispädagogin Ruth Hildebrandt war es manchmal nicht ganz einfach, den Helfern aus der Theaterschule die besonderen Bedingungen der Proben im Knast zu vermitteln. Ein Hammer als Requisit konnte nicht einfach liegen bleiben, sondern musste bewacht werden. Schon eine einfache Leiter unter ein Fenster gelehnt barg die Möglichkeit einer Gefährdung. Und keine Tür, die sich einfach öffnen ließ. Nach der Premiere des Stückes waren sich alle einig. Gefängnispädagogen, Theaterleute und Häftlinge haben eine echten Coup gelandet.

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