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Aachen: Klinikum gerät ins Kreuzfeuer: 900 Bäume sollen fallen

Aachen : Klinikum gerät ins Kreuzfeuer: 900 Bäume sollen fallen

An der Kullenhofstraße kreischen seit Mittwoch die Motorsägen. Rund 30 Buchen und Linden fallen in Sichtweite des Uniklinikums. Und dessen aktuelle Erweiterungspläne sind denn auch Anlass für die — bis zuletzt umstrittene — Abholzaktion.

Denn die Kullenhofstraße wird alsbald umgebaut, da es inklusive Verkehrsführung rund ums Klinikum in den kommenden Jahren riesige Veränderungen gibt. Allein bis 2020 will das Land über 400 Millionen Euro in Um- und Neubauten am Großkrankenhaus stecken. Längerfristig sollen es sogar 750 Millionen Euro sein.

Da muten die 30 Bäume, für die überdies dort 29 junge Linden als Ersatz gepflanzt werden sollen, auf den ersten Blick wie ein Kinkerlitzchen an. Doch bei diesen 30 Bäumen bleibt es nicht. Insgesamt werden wohl laut Fachbereich Umwelt nicht weniger als deren 900 im Umfeld des Klinikums fallen müssen.

Angesichts dessen Zahl wären die Politiker in der jüngsten Sitzung des Umweltausschusses wohl am liebsten unter die Tische gerutscht. Oder, um es mit Iris Lürken (CDU) zu sagen: „Das zieht einem die Füße weg.“ Denn diese Zahl stand nun zum ersten Mal überhaupt im Raum. Überbringerin der Hiobsbotschaft war Beate Hoffmann aus der Abteilung „Strategische Umwelt- und Grünplanung“.

Erstmals hat die Verwaltung sich alle vier Bebauungspläne angeschaut, die rund ums Klinikum zum Tragen kommen sollen. Da ist zunächst das neue Großparkhaus an der Kullenhofstraße. Dann wäre da der Neubau eines gigantischen Operationszentrums im Bereich des heutigen Parkplatzes. Ein Umbau des Eingangsbereiches kommt hinzu und obendrauf sind noch Neubauten an der Kullenhofstraße nahe der heutigen Klinikumsverwaltung geplant.

Und eben noch der Umbau der Kullenhofstraße selbst. Über alles gesehen gehe es dabei um besagte 900 Bäume. Aufgrund der massiven Neubauten können die Bäume laut Beate Hoffmann jedoch nach heutigem Stand keinesfalls alle in diesem Gebiet ersetzt werden, sondern nur etwa 300. Wobei auch das nur gelingt, weil das Dach des unterirdischen OP-Zentrums, das in etwa die Hälfte der Parkplatzflächen beanspruchen wird, zu einer Grünfläche werden soll.

Das größte Problem beim Baumersatz sind jene Gehölze, die unter die städtischen Baumschutzsatzung fallen und die hier natürlich ebenso gilt wie für jeden Privathaushalt. Ersatz für solche in bebauten Gebieten gefällten Bäume muss ebenfalls in bebauten Gebieten und nicht etwa auf der grünen Wiese oder im Wald geschaffen werden.

Flächen in dieser Anzahl zu finden sei fast unmöglich, erläuterten Hoffmann und Fachbereichsleiter Elmar Wiezorek. In Brand wurden zuletzt Ersatzflächen für 150 Bäume als Kompensation für einen Baumarktneubau gesucht. Dabei wurde sogar an die Bürger appelliert, quasi kostenlos einen Baum auf ihrem Grundstück pflanzen zu lassen. Doch selbst da sind immer noch nicht genügend Ersatzstandorte gefunden. Und nun also die Hausnummer am Klinikum.

Hoffmann bekundete, eine solche Größenordnung sei ihr noch nie untergekommen. Prinzipiell kann man sich von einer Ersatzpflanzung laut Satzung auch „freikaufen“. Das Geld fließt dann in einen Topf, aus dem die Stadt Neupflanzungen finanziert. Laut vorsichtigen Berechnungen des Umweltamts kämen am Klinikum dann ungefährt 350.000 Euro zusammen.

Doch so leicht will es die Politik dem Land als Bauherrin keinesfalls machen. Die Vertreter der Parteien reagierten im Auschuss regelrecht erbost über die Nachricht. Allen voran Alexander Gilson (CDU), auch Bezirksbürgermeister im betroffenen Bezirk Laurensberg. Er ging frontal auf das Klinikum los. Wer hunderte Millionen Euro investiere — was ja absolut wünschenswert sei —, der habe auch die Möglichkeiten, geeignete Ersatzstandorte für die Bäume zu finden.

Schon in Sachen Kullenhofstraße ist aus seiner Sicht ein unschönes Spiel gelaufen. Zweieinhalb Stunden habe die Bezirksvertretung diskutiert und sich gegen die Fällung ausgesprochen. Dann habe das Klinikum mitgeteilt, dass es nicht anders gehe. Woraufhin die Fraktionen im Mobilitätsausschuss mit Ausnahme der Grünen noch umschwenkten. So könne es nicht laufen, warnte Gilson: „Man sollte sich bemühen, die Bäume hier zu ersetzen. Sonst steht das Klinikum vor einem holprigen Verfahren.“

Die Politik fällte denn auch einen gar nicht vorgesehenen, aber absolut unmissverständlichen und einstimmigen Beschluss: Der Umweltausschuss verlange vom Klinikum, die zu fällenden Bäume vor Ort und im Sinne der Baumschutzsatzung zu ersetzen. Wer sich dann am Ende daran hält, steht auf einem anderen Blatt.

Scharfe Kritik seitens eines Anwohners erntete am Mittwoch allerdings auch die Stadt: Beim Fachbereich Umwelt habe man seinem Anwalt Akteneinsicht im Hinblick auf die Pläne am Klinikum verwehrt, erklärte Thoma Sausen. Der Jurist sagte der AZ, er sehe keinen Grund für die Ablehnung in Sachen Offenlegung.

„Die Kollegen waren ziemlich überrascht, als der Anwalt plötzlich auf der Matte stand“, erklärte hingegen Harald Beckers vom Presseamt. Die Herausgabe müsse zunächst durch das Rechtsamt geprüft werden. Im Übrigen sei die Stadt hier „nicht der richtige Ansprechpartner“. Zuständig für das Projekt Klinikum sei der Bau- und Liegenschaftsbetrieb des Landes.