Aachen: Klang der Stadt erschallt aus 500 Stimmen

Aachen : Klang der Stadt erschallt aus 500 Stimmen

Theoretisch könnten die Künstler, die sich am frisch restaurierten Flügel im Kulturhort am Blücherplatz zusammenfinden, bereits ein eigenes kleines Ensemble auf die Beine stellen — sie stehen im Ganzen immerhin auf deren 16.

Die eine oder andere Lobeshymne auf die prächtig gedeihende Klanglandschaft im Dreiländereck, die sie mit viel Engagement beackern, dürfen die versammelten Chorleiter allemal gemeinsam anstimmen; auch wenn die achte Kollegin im kreativen Bunde fürs AZ-Foto nicht mit von der Partie sein kann. Spätestens, seit 2009 die Chorbiennale aus der Taufe gehoben wurde, werde die Stadt ihrem Ruf als Hochburg des gediegenen Gesangs wieder mehr als gerecht, sagt Harald Nickoll, Chef der städtischen Musikschule, seines Zeichens auch langjähriger Leiter des vielfach preisgekrönten Vokalensembles Carmina Mundi.

Und fügt in aller Bescheidenheit hinzu: „Im Grunde haben wir nur die Segel in den Wind gehalten.“ Inzwischen könne sich die Musikschule kaum retten vor dem Ansturm auf die einschlägigen Formationen. „Man könnte sagen, dass aktuell ein regelrechtes Chorrauschen durch die Stadt geht“, freut sich Nickoll.

Nicht allein das große Weihnachtssingen, bei dem sich zuletzt über 20500 Menschen auf dem Tivoli versammelt haben, lege davon ein lautstark-beredtes Zeugnis ab. Zurzeit zählen allein die Chöre der Musikschule im Ganzen rund 500 Aktive aus allen Generationen. Seit Nickoll im Herbst 2011 die Leitung des Hauses übernommen hat, ist die Zahl der Ensembles am Blücherplatz von zwei auf stolze 13 gewachsen.

Apropos Generationen: „Wir kehren damit auch zurück zu unseren Wurzeln“, sagt er. Schließlich wurde die Ouvertüre zur Gründung der Musikschule Aachen in Gestalt der „Städtischen Singschule“ bereits 1932 durch den Volksschullehrer Leo Nießen eingeläutet. Die Zwischenbilanz in Sachen Vokalkunst kann sich anno 2018 allemal sehen — und natürlich hören — lassen.

Kontinuität im Wandel — „Ars Cantandi“:

Bereits seit 1983 leitet Hermann Godland den erfolgreichen „Hauschor“, der sich seit 1997, anlässlich seiner ersten CD-Produktion, mit der lateinischen Bezeichnung für die Kunst des Gesangs schmückt. Zurzeit zählt das Ensemble, das auch mit den Künstlern der Musikhochschule auftritt, rund 50 Mitglieder. Vor allem mit klassischen Werken — mal a cappella, mal mit Orchester — gibt sich der Chor etwa sechs Mal im Jahr die Ehre — nicht nur in seiner Heimat. Gastspiele haben die Sänger zum Beispiel in Estland und Großbritannien gegeben. „Wir sind schon wie eine kleine Familie“, meint Godland. Schließlich sind inzwischen bereits einige Sprösslinge von jahrzehntelangen Mitgliedern bei „Ars Cantandi“ aktiv.

„Jekiss“ — Sangeskunst macht wieder Schule:

Vor rund sechs Jahren ist die Initiative „Jekiss“ in Kooperation mit 24 Grund- und Förderschulen an den Start gegangen. Aus dem ehemaligen Förderprojekt, das vor allem von der Sparkasse gesponsert wurde, sind dauerhaft allein sieben Formationen hervorgegangen, die nach wie vor zahlreiche einschlägige Veranstaltungen bereichern, berichten Magdalena Thomas und Almuth Müller. Mit ihrer Kollegin Petra Krause stehen sie den Ensembles mit Rat und Tat zur Seite. „Das läuft ganz wunderbar“, erzählt Magdalena Thomas. „Mittlerweile singen auch Lehrer und OGS-Betreuer dort gern mit.“ Das Projekt trägt also weiter reiche Früchte — nämlich an den Gemeinschaftsgrundschulen Richterich und Laurensberg, der Annaschule, der Grundschule Vaalserquartier, der Katholischen Grundschule Forster Linde, der Gemeinschaftsgrundschule Kohlscheid sowie der Viktor-Frankl-Schule, deren Chor von Sonderpädagogin Johanna Terstegge geleitet wird.

Junge Talente im eigenen Haus — der Kinderchor vom Blücherplatz:

Natürlich hat die Musikschule selbst ebenfalls einen prosperierenden Kinderchor in ihren Reihen, der bei vielen „eigenen“ Veranstaltungen mit von der Partie ist. Die „Mund-zu-Mund-Propaganda“ klappt nicht nur im kreativen, sondern auch im kommunikativen Sinn, weiß Elena Henzel, die den 20-köpfigen offenen Sängerbund mit Steppkes zwischen sechs und zwölf Jahren leitet. „Übers Internet bekommen wir immer wieder Anfragen.“ Und im Unterschied zu den „Jekiss“-Chören, die mit überschaubaren, nach wie vor vielfach gesponserten Beiträgen von wenigen Euro pro Monat und Mitglied finanziert werden, ist die Teilnahme sogar gratis.

Hitverdächtig, die Erste — poppige Klänge in aller Munde:

Was ein Bruno Mars kann oder ein Ed Sheeran, eine Shakira oder auch eine Tina Turner — Tanja Raich und ihre muntere Truppe können es ebenso, wenn auch anders. Inzwischen ist das ehedem für einen einmaligen Auftritt geplante Projekt der Musikschule unter der Leitung der vielbeschäftigten Arrangeurin und Komponistin auf 140 Mitglieder angewachsen. Nach den ersten drei Konzerten im Ludwig Forum erfreut sich der generationenübergreifende Popchor der Musikschule also nicht nur beim Publikum enormer Beliebtheit. Die Sänger sind teilweise in sechs bis sieben verschiedenen Stimmlagen unterwegs, erzählt die „Chefin“ stolz. Zuletzt begeisterte die Formation bei einem Konzert in St. Gregorius rund 600 Fans, auch eine eigene CD liegt inzwischen vor. Das nächste „Da capo“ ist demnächst im neuen Kulturdepot an der Talstraße angesagt.

Hitverdächtig, die Zweite — mit Studierenden am Puls der Zeit:

Auf den Spuren der großen Stars unserer Tage wandelt auch der umtriebige Niederländer Luc Nelissen, der mit der jungen Gruppe „Flow“ seit Anfang vergangenen Jahres über zwei Dutzend Sängerinnen und Sänger, meist Studierende, gewonnen hat. Die Künstler garnieren ihre facettenreichen Interpretationen dabei gern mit frecher Performance. Auch sie haben — dank einer Vielzahl privater Sponsoren — inzwischen eine CD und ein Video produzieren können, berichtet Nelissen.

Rendezvous der Kulturen — Singen im Zeichen der Völkerverständigung:

Den Sound der (mehr oder weniger) aktuellen Hitlisten hat sich schließlich auch der Popchor der Käthe-Kollwitz-Schule auf die Fahnen geschrieben, den Nelissen im Zuge einer weiteren Kooperation mit der Musikschule seit September leitet. Dem 50-köpfigen Ensemble, dessen Mitglieder ihre Wurzeln in vielen Ländern dieser Welt haben, gehören zahlreiche junge Flüchtlinge an. Zurzeit baut Nelissen zudem einen weiteren Chor mit Flüchtlingen an der Musikschule auf.

Klar, dass die Sängerinnen und Sänger eine entsprechend große Bandbreite moderner und klassischer Klangkunst im Repertoire haben. Und damit zeigen, wie man das sperrige Wort „Integration“ auf andere Weise deklinieren kann — ohne Zeigefinger, aber mit ansteckender Begeisterung.

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