Aachen: Kibiz: „Die Schmerzgrenze ist längst überschritten”

Aachen: Kibiz: „Die Schmerzgrenze ist längst überschritten”

Ulrike Timmers will nicht mehr warten. Im Mai 2009 ist sie auf die Straße gegangen. Und nicht nur sie. Tagelang waren Kindertagesstätten geschlossen und das Personal demonstrierte. Weil es die Arbeitsbedingungen leid war, weil die Arbeitsbelastung nicht mehr vertretbar war, weil der Personalschlüssel in die falsche Richtung gedreht wurde.

Ulrike Timmers, Kindertagesstättenleiterin, Verdi-Vertreterin, Personalrätin hat damals Klartext gesprochen. Sie muss es wieder tun: „Es muss sich endlich massiv etwas tun, sonst sehe ich schwarz”, sagt sie.

Noch immer ist es das Kinderbildungsgesetz Kibiz, geschaffen vom Aachener Ex-Minister Armin Laschet, dass auf den Schultern der Kindergärtner lastet. Groß war die Hoffnung, als die neue rot-grüne Landesregierung die Arbeit aufnahm. Aber von Euphorie ist in den Kindergärten keine Spur mehr.

Am Freitag findet in Münster die letzte der sogenannten regionalen Konferenzen zur Revision des Kinderbildungsgesetzes statt. Die neue Familienministerin Ute Schäfer (SPD) hat eine „Grundrevision” - also Veränderung - bis Ende 2011 angekündigt. Von der Veränderung der Personalstruktur ist die Rede. Eine Aussage, dass es mehr Personal geben würde, wird aber bislang vermieden.

„Wir wollen erst die regionalen Konferenzen auswerten”, sagt Ministeriumssprecherin Stephanie Paeleke-Kuhlmann. Dabei fordern die Mitarbeiter der Kindertagesstätten schnelle Ergebnisse. Es sei kein Geheimnis, „dass die Schmerzgrenze längst überschritten ist”, sagt Timmers.

Verdi-Frau Timmers rechnet vor. Laut Kibiz sollen zehn Prozent der Arbeitsstunden als Vorbereitungszeit herhalten. Das mache beispielsweise pro Woche 45 Stunden in einer Einrichtung. Allein 20 Stunden gehen aber für Küchenarbeit drauf, schließlich verbringen die meisten Kinder den ganzen Tag in der Kita und müssen natürlich mittags essen. Diese 20 Stunden gibt es in Kibiz aber nicht. Sie müssten entweder von der Vorbereitungszeit oder der Zeit mit den Kindern abgehen. „Das geht alles nur auf Kosten der Qualität”, sagt Timmers.

Enttäuscht ist sie, keine Frage. Verdi sitzt mit am Verhandlungstisch, drängt auf mehr Personal. Doch schon drängt sich ein anderes Problem in den Vordergrund. Es fehlt an Nachwuchs - an Erziehern. „Ich weiß nicht, ob wir überhaupt mehr Personal finden. Schon jetzt sind Engpässe zu spüren”, berichtet Timmers. Es gibt Träger, die stellen sofort mit Festverträgen ein. Krankheitsvertretungen sind gar nicht mehr auf dem Markt. Die Landesregierung wirbt um Seiteneinsteiger. Aber auch das könne, so Timmers, keine Lösung sein. Erzieher und erst recht Kinderpfleger würden zu schlecht bezahlt, die Arbeitsbedingungen würden abschrecken. Dabei ist wissenschaftlich bewiesen, dass die frühkindliche Bildung - also die im Kindergarten - großen Einfluss auf den schulischen Werdegang hat. „Es wird immer über Qualität geredet, aber Qualität hat ihren Preis”, sagt Timmers.

Die Landesregierung hat aber vor allem eines nicht: Geld. Mehr Personal und bessere Bezahlungen sind kaum zu stemmen. Aber Timmers fordert Taten. Schließlich waren es Sozialdemokraten und Grüne, die in den Demonstrationszügen solidarisch an ihrer Seite standen. „Ich hoffe, sie erinnern sich daran.”

Immerhin, etwas haben die Streiks aus dem Mai 2009 gebracht. Junge Erzieher wurden in der gleichen Gehaltsstufe eingruppiert wie erfahrene Kräfte. Die Kindertagesstätten sind keine Zweiklassengesellschaften mehr. Und auch die Verhandlungen über einen Gesundheitstarif sollen demnächst anlaufen. Gewartet haben Ulrike Timmers und ihre Kollegen und Kolleginnen genug.

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