Aachen: Kein Frieden im Aachener Friedenspreis

Aachen: Kein Frieden im Aachener Friedenspreis

Der Verein Aachener Friedenspreis (AFP) kommt nicht zur Ruhe.

Vier Wochen vor der Verleihung des Preises 2011 an den Aufrüstungsgegner und Anti-Militaristen Jürgen Grässlin und die Tübinger Informationsstelle Militarisierung wird der Verein jenes Problem nicht los, mit dem er sich seit Monaten herumschlagen muss: Setzt sich der Friedenspreis hinreichend mit dem Antisemitismus auseinander? Distanziert er sich deutlich genug von antisemitischen Ausfällen des Preisträgers von 1998, Walter Herrmann, des Initiators der Kölner Klagemauer?

Der Aachener Lehrer Matthias Fischer, der beides klar mit Nein beantwortet, hat am Mittwoch auf einer AFP-Vorstandssitzung sein Vorstandsamt mit sofortiger Wirkung niedergelegt; unsere Zeitung konnte ihn für eine Stellungnahme nicht erreichen.

Am Freitag kündigte dann Aachens Bürgermeisterin Hilde Scheidt (Grüne) an, dass sie sich am kommenden Montag aus dem Vorstand des Friedenspreises zurückziehen werde. „Ich kann in dem Vorstand in meinem Sinne nichts mehr bewegen”, sagte sie unserer Zeitung. „Konsequent”, nannte AFP-Vorsitzender Karl Heinz Otten gegenüber unserer Zeitung diese beiden Rücktritte. „Normalerweise würde ich sie bedauern. Wir hatten eine gute Zusammenarbeit. Aber Fischers Vorwürfe sind nur noch störend.”

Was hat zu dieser Eskalation geführt? Auf einer AFP-Mitgliederversammlung Mitte Juli, der zweiten zum vereinsinternen Streitthema, distanzierten sich die Anwesenden vom Antisemitismus, allerdings nicht - wie von Fischer beantragt - in einer deutlichen und auf die Kölner Klagemauer bezogenen Form. Im übrigen verwies man das Thema an ein Seminar, das demnächst stattfinden soll. Obwohl sich in der Frage nach wie vor klare Fronten durch den Verein ziehen, äußerten sich alle Beteiligten nachher verständigungsbereit. Doch intern lief die Auseinandersetzung mit zum Teil heftigen persönlichen Angriffen weiter.

Ende Juli gingen Otten, seine Stellvertreterin Vera Thomas-Ohst und der frühere AFP-Vorsitzende Gerhard Diefenbach mit einer Solidaritäts-Erklärung für Walter Herrmann an die Öffentlichkeit. Darin würdigen sie dessen Engagement für „Verständigung und Kommunikation von unten” und äußerten ihre Besorgnis, dass „Kampagnen gegen Walter Herrmann eine neue Eskalationsstufe mit dem Versuch, ihn aus der Alten Feuerwache in Köln zu vertreiben”, erreicht hätten. Sie forderten „Schutz für einen Künstler und ein weltweit bekanntes Kunstobjekt”.

Infostelle gegen Rechts warnt

Vor dem Hintergrund des vereinsinternen Streits beschwerten sich Fischer und Scheidt über diese mit ihnen nicht abgestimmte Erklärung. Sie wolle sich mit solchen Stellungnahmen des AFP-Vorstands nicht länger identifizieren lassen, sagte Scheidt am Freitag. Otten seinerseits sieht den Friedenspreis keineswegs in einer gefährlichen Lage. „Wir müssen doch nicht ständig sagen, dass wir uns von Antisemitismus distanzieren.” In seiner Solidarität mit dem Betreiber der Klagemauer - „eine Stimme der kleinen Menschen” - müsse sich der AFP nicht zurückhalten.

Hans-Peter Killguss von der Info- und Bildungsstelle gegen Rechtsextremismus der Stadt Köln bestätigt unserer Zeitung, dass es in der Klagemauer „immer wieder höchst problematische antizionistische Texte” gebe, die „antisemitischen Vorstellungen den Boden bereiten”, Schilder, „die an der Grenze des Antisemitismus sind”. Otten lehnt diese Einschätzung als zu pauschal ab: „Wer das sagt, soll es dokumentieren. Dann will ich was Konkretes sehen.”

DGB-Chefmeint:„Das war nicht nötig”

Ralf Woelk, der als Vorsitzender der Aachener DGB-Region an der AFP-Vorstandssitzung am Mittwoch teilnahm und im Herbst für den Vorstand kandidieren will, zeigte sich gegenüber unserer Zeitung verärgert über die Presse-Erklärung der drei Vorstandsmitglieder. „Man hätte das im Vorfeld der Preisverleihung am 1. September mal ruhen lassen sollen. Ich sehe nicht ein, warum wir uns in den Kölner Konflikt einmischen sollen. Das war nicht nötig.”

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