Aachen: Katschhof: Ein Fest des Friedens im Meer der Lichter

Aachen : Katschhof: Ein Fest des Friedens im Meer der Lichter

Als Manfred Leuchter, seines Zeichens weitgereister Akkordeonist mit ungezählten Fans nicht nur in seiner Heimatstadt, seinen Freund und Kollegen Mohamed Najem vor ein paar Tagen gefragt hat, ob er sich vorstellen könne, an einer Kundgebung für Frieden und Verständigung in Aachen teilzunehmen, kabelte der ruckzuck schlichte dreieinhalb englische Wörter zurück: „Let‘s do it — lass es uns tun!“

Der gebürtige Palästinenser reiste eigens aus Paris an — dem Schauplatz der jüngsten furchtbaren islamistischen Terroranschläge —, um auf der Rathaustreppe am Katschhof gemeinsam mit Leuchter ein paar Stücke zu spielen.

Dem Dialog der Religionen beim „Aachener Friedensmahl“ folgte die gemeinsame Demonstration auf dem Fuß: Rund 500 Teilnehmer zogen vom Alten Kurhaus zum Katschhof. Foto: Andreas Herrmann

Ob Najem, der in Jerusalem geboren wurde und in Bethlehem aufwuchs, geahnt hat, vor welch beeindruckender Kulisse er seine Klarinette erklingen lassen würde? Mit den beiden Musikern ließen rund 4000 Menschen zwischen Dom und Rathaus den Worten Taten folgen. „Aachen steht zusammen!“ — die schlichte Parole gegen Terror, Hass und Ausgrenzung ist so am Sonntagabend einmal mehr wunderbare Wirklichkeit geworden. Dicht gedrängt und schweigend trotzte die Masse den Predigern des Hasses — und ließ die sichtlich beglückten Organisatoren um Oberbürgermeister Marcel Philipp und Stadtsprecher Bernd Büttgens nicht im reichlich vorhandenen Aachener Regen stehen.

Lauffeuer der Solidarität: Die Vertreter der Religionen trugen die Flamme des Friedenslichtes weiter. Foto: Andreas Herrmann

Allein die Vertreter des „Aachener Friedensmahls der Religionen“, das nicht von ungefähr am Nachmittag bereits zum fünften Mal im Ballsaal des Alten Kurhauses stattgefunden hatte, hatten bis dahin mindestens 500 Gleichgesinnte Richtung Katschhof geleitet. Dort sprang das Friedenslicht, dem sie folgten, alsbald auf die 1000 Kerzen über, die die Stadt zur Verfügung gestellt hatte — und zahlreiche weitere, welche die Menschen mitgebracht hatten.

Bewegende Klänge: Jupp Ebert musizierte mit Manfred Leuchter und Mohamed Najem. Foto: Andreas Herrmann

OB Marcel Philipp fiel es nicht schwer, die Flamme der Hoffnung auch in den Herzen der Zuhörer zu entzünden. „Mit den Ereignissen in Paris und jetzt auch in Verviers mussten wir erleben, dass die Gefahr des Terrors auch unserer Stadt sehr nah gerückt ist“, sagte er. Unerträglich sei der Versuch blinder Fanatiker, einen Keil zu treiben in eine Gesellschaft, die durch Toleranz und friedvolles Miteinander geprägt sei. „Wir stehen hier zusammen, um uns gemeinsam ohne Wenn und Aber zum Grundrecht der Freiheit zu bekennen. Und wir sagen: Gott kann es nicht gefallen, wenn Unschuldige getötet werden. Wer anderes behauptet, der lästert Gott!“

Tausende applaudierten begeistert. Und bei der anschließenden Friedensfeier, moderiert von der städtischen Integrationsbeauftragten Heidemarie Ernst, wurde die Botschaft durch die Grußworte und Gebete von Vertretern zahlreicher Religionen eindrucksvoll bekräftigt. Shahab Ebrahimi von der Baha’i-Gemeinde sprach ebenso wie Rabbiner Max Bohrer von der Jüdischen Gemeinde, Idris Malik vom Islamischen Zentrum, Rolf-Peter Cremer vom Bistum Aachen, Hüseyin Uluk von der Alevitischen Kulturgemeinde, Christian Licht vom Zentrum für tibetischen Buddhismus, Hirendra Nath Chatterjee von der Hindu-Gemeinde sowie Gehrt Haartjen von „Religions for Peace“.

Katja Zinsmeister, Schauspielerin am Theater Aachen, las eine spirituelle Kurzgeschichte unter dem Titel „Mullah Nasrudin und der Fremde“ und rezitierte Rose Ausländers Gedicht „Wort an Wort“, bevor Leuchter und Najem gemeinsam mit Sänger Jupp Ebert ein ergreifendes musikalisches Intermezzo darboten, frei nach dem Aachener Volkslied „Et tröckt mich noh heäm noh ming Käjserstadt“.

Ungeachtet der Unterschiede zwischen den Bekenntnissen und Kulturen müsse die Sehnsucht nach Menschlichkeit und Frieden das gemeinsame Fundament aller Kulturen und Bekenntnisse bleiben: Dies war der Appell, den Phi-lipp, Abdurrahman Kol, Vorsitzender der Türkisch-Islamischen Gemeinde, Rabbiner Bohrer und Superintendent Hans-Peter Bruckhoff als Vertreter der großen christlichen Kirchen zum Abschluss aussandten. Und spätestens als die friedliche Menge tausende brennende Kerzen in den nächtlichen Himmel über dem Katschhof reckte, sorgte die letzte, gänzlich stumme Botschaft für Gänsehaut: Aachen steht zusammen gegen Intoleranz, Fanatismus und Hass.