Weiberfastnacht in Aachen: Ein Selbstversuch als Prinzengardist

Garde glänzt, Jecke jubeln : Ein Selbstversuch als Prinzengardist

Die Füße brennen, ein Handgelenk schmerzt, auf den Lippen ein seliges Lächeln. Nach 14 Stunden und 19 Auftritten. Für einen Tag, zumal Fettdonnerstag, in die Rolle eines Prinzengardisten zu schlüpfen, ist mit Entbehrungen verbunden.

Dazu jede Menge Schweiß und Spaß. „Glaub mir, aus der Perspektive von der Bühne ist die Weiberfastnacht doppelt so schön“, hatte Prinzengarden-Kommandant Dirk Trampen vorher gesagt. Nur Mut, ausprobieren. Fazit: Es stimmt.

Die Sause beginnt um 7.30 Uhr. In die Stiefel, die weiße Hose, die Weste, Uniformjacke schlüpfen. Hosenträger, Koppel, Degengurt montieren – all das ist für den Laien ohne Hilfe des „Kammerbullen“ Walter Bosten kaum zu schaffen. Über 30 Teile. Die Leihausrüstung ist mehrere tausend Euro wert. Allein der Dreispitz-Hut mit Zopfperücke kostet 662 Euro, eine einzige Epaulette – also die Schulterklappe der Uniform – schlägt mit 172 Euro zu Buche. Alles Handarbeit.

Apropos: Kurz nach 9 Uhr ziehen die über 30 Prinzengardisten zum ersten Mal den Degen. Alles strahlt. Die 20-köpfige Kapelle spielt „Hurra tsching bumm, Hurra tsching bumm – die Prinzengarde ist da“. Einmarsch. Standarte voraus, dann die Gardisten der Körperlänge nach sortiert hinterher. Degen senkrecht in der rechten Hand, Spitze auf Augenhöhe. Mit AKV-Elferrat, Senat, Ehrenhüten, AKV-Ballett, Hofstaat und natürlich Prinz Tom I. zieht die gewaltige Mannschaft von Saal zu Saal, Zelt zu Zelt – und natürlich zu den Open-Air-Bühnen. In der Tiefgarage der Industrie- und Handelskammer an der Borngasse stößt das phänomenale Tanzpaar der Prinzengarde, Inga Dahlen und Sandro Gallazini, erstmals an Grenzen. Aber nur, weil die Betondeckenhöhe die Hebefiguren beschränkt. Zentimeterarbeit.

Einmal Prinzgardist sein

Prinzengarde und Prinz sind nicht die einzigen auf Tour. Die 4 Amigos lassen den „Öcher Schäng“ auf mehreren Bühnen vor tausenden Narren erschallen. Die Oecher Originale liefern ihr Medley in Serie ab. Familiär geht’s bei der Tropigarde und Generalin Sarah Siemons im Hof zu. Eher jüngeres Publikum – bevorzugt als Piloten, Ärzte und Lara Croft verkleidet – bevölkert zu Tausenden das Zelt der Oecher Penn auf dem Katschhof und das 100’5-Zelt vor der Eissporthalle an der Krefelder Straße. Schlange stehen müssen die Uniformierten aber nicht. Kleiner Vorteil. Hier ist die Prinzengarde zu Hause. Obwohl eigentlich eher Party- und Ballermannhits auf der Wunschliste des Publikums stehen, wird das Reiterkorps auch ohne Pferd überall frenetisch bejubelt.

Vor allem das „gardistische Gipfeltreffen“ im Zelt – als der Präsident des Aachener Karnevalsvereins Werner Pfeil, Prinzengardenchef Trampen und Penn-Kommandant Georg Cosler auf der Bühne aufeinander stoßen – wird heftig gefeiert. Stimmungshöhepunkt bleibt der Open-Air-Auftritt am Burtscheider Jonastor – ebenfalls vor tausenden Jecken, darunter viele Möhnen, und bei strahlendem Sonnenschein. Sabine Verheyen, Kurt Joußen als Lennet Kann, Stimmungssänger Hubert Aretz, das Lachtauben-Trio For Fun, die Troubadoure und Hans Montag bereichern das Programm der Oecher Spritzemänner unter der Regie von Präsident Adrian Cordewener. Kinderprinz Paul IV. und sein großer prinzlicher Bruder Tom I. bringen den Platz zum Beben. Oche Alaaf!

Auf engstem Raum spulen die Gardisten auf der Bühne ihre feine Choreographie ab. Erst zum Rhythmus der Tanzmusik auf den Fußspitzen wippen, dann Augen rechts, im Takt Schultern, Fuß rechts, Fuß links. Unter der Silberhaar-Perücke rinnt der Schweiß. Nicht etwa beim sportlich fitten Tanzpaar, sondern bei den schunkelnden Gardisten. „Das ist unser Los. Wir sind fast überall dabei, aber wir müssen eben immer auch schnell wieder weiter, obwohl es so schön und stimmungsvoll ist“, lächelt Trampen. Er liebt den Karneval.

Und die Öcher lieben eben ihre Garde, ohne die Hofstaat und Prinz nicht halb so tolle Auftritte hätten. Domsingschule, Fachhochschule Aachen, Sparkasse in der Kundenhalle am Friedrich-Wilhelm-Platz, IHK, AachenMünchener Versicherung, Mercedes Benz, Misereor, Finanzamt, Stawag, Oecher Börjerwehr, Justizzentrum, Brander Unterbähner und so weiter. Immer wieder rein ins Auto, Degen abklemmen, Dreispitz gegen Schiffchen (226 Euro) tauschen, fahren – und wieder raus zum nächsten Auftritt. Einmarsch, Tanzpaar tanzt, Prinz singt, Orden tauschen, Oche Alaaf, weiter.

Prinz Tom I: lässt sich von Tausenden feiern, unter anderem am Jonastor. Foto: Andreas Steindl

Am Abend folgt noch eine Stippvisite bei der Noppeney-Garde in der Erholungsgesellschaft. Fürs Essen bleibt kaum Zeit. Geschweige denn für einen Toilettengang. Aber nett sind sie alle, lassen den Neuling als Reporter für einen Tag ausnahmsweise in ihre Reihen. Man spürt die Begeisterung aller, die hier enorm viel Freizeit zum eigenen, aber vor allem zur Unterhaltung und zum Amüsement der tausenden Jecken in Sälen und Zelten investieren. Und auch ein bisschen Geld und Gesundheit. Nicht nur, wenn die 900-Euro-Stiefel eng drücken und das Handgelenk den Degen kaum noch drehen kann. Spätestens Rosenmontag muss die Truppe wieder fit sein. Denn darauf brennen alle. So oder so.

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