Acht Vorschläge aus unserer Redaktion: Karlspreisdirektorium sucht würdigen Preisträger

Acht Vorschläge aus unserer Redaktion : Karlspreisdirektorium sucht würdigen Preisträger

Der Internationale Karlspreis zu Aachen – so der offizielle Titel – würdigt Verdienste um Europa und die europäische Einigung.

In Zeiten wie diesen ist es gar nicht so einfach, einen Preisträger zu finden.

Vor allen Dingen in den politischen Institutionen oder unter den Staatenlenkern scheint sich kaum ein Kandidat zu finden, wie die Vorschläge aus unserer Redaktion zeigen.

Die Idealistin

Foto: imago/Future Image/Christoph Hardt

Beim Karlspreis kann es nicht nur darum gehen, wie Europa ist. Es muss auch darum gehen, wie Europa sein sollte. Gerade in Krisenzeiten werden Idealisten dringend benötigt. Menschen, die darüber nachdenken, wie dieses Europa gestaltet werden sollte, damit Werte wie Demokratie, Solidarität, Humanismus, Freiheit oder Rechtsstaatlichkeit nicht vor die Hunde gehen. Solch eine Idealistin ist Ulrike Guérot (55). Die Politikwissenschaftlerin der Donau-Universität im österreichischen Krems zeichnete mit ihrem Buch „Warum Europa eine Republik werden muss!“ (2016) die Utopie einer europäischen Gemeinschaft jenseits nationaler Grenzen, für die sie sich seitdem vehement einsetzt. Grundlage ist die Gleichheit aller Bürger. Das ist sicher nicht einfach, unmöglich aber auch nicht. Mit Sicherheit ist es preiswürdig.

(Vorgeschlagen von Christian Rein)

Der Taktvolle

Foto: Sunbeam Productions/Peter Adamik

Musik überwindet geografische und politische Grenzen und zieht Menschen verschiedener Herkunft, Sprache und Kultur in ihren Bann. Gleiches gilt für den europäischen Gedanken. Kristjan Järvi (46) nutzt diese Gemeinsamkeit als Dirigent des Orchesters „Baltic Sea Philharmonic“. Musiker aus Europa teilen abseits von staatlichen Grenzen und historischen Hintergründen ihre Leidenschaft zur Musik. Dabei bringen sie den europäischen Gedanken bei jedem Auftritt mit auf die Bühne und ins Bewusstsein ihrer Zuhörer. In einer Zeit, in der Europa von rechten Strömungen immer mehr infrage gestellt wird, sind es Menschen wie Järvi, die dem abstrakten Konstrukt Europa ein Gesicht und einen wundervollen Klang geben.

(Vorgeschlagen von Annika Thee)

Die Mutige

Foto: dpa/Soeren Stache

Hatten wir schon eine Dänin? Nein? Dann wird es aber höchste Zeit. Margrethe Vestager (50), verheiratet und Mutter von drei Töchtern, hat alles, was Europa dringend braucht: Prinzipien, Durchsetzungskraft, Mut und – ja, auch das – Charme. Als Wettbewerbskommissarin hat sie seit 2014 ihrem Ruf als Anwältin der EU-Bürger alle Ehre gemacht. Sie hat uns die Hoffnung zurückgegeben, dass die Politik nicht einknickt gegen Mega-Konzerne. Google, Apple, Amazon, Starbucks, Siemens und auch die deutschen Autokonzerne mussten einsehen, dass hohe Umsätze kein Schutz sind gegen Klagen und Strafen. Regeln gelten für alle, das ist Vestagers Botschaft. Sie gehört zu den beliebtesten Politikerinnen ihres Landes, dumm nur, dass ihre Partei, die sozialliberale „Radikale Venstre“, immer unbedeutender wird. Nach der Europawahl könnte sie ihren Posten verlieren. Den Karlspreis hat sie umso mehr verdient.

(Vorgeschlagen von Gerald Eimer)

Der Retter

Foto: Matthias Balk/dpa/Matthias Balk

Herausragende Verdienste für die Einheit Europas hat sich in den vergangenen Monaten kein Staats- oder Regierungschef erworben. Im Gegenteil: Selbst vor kurzem noch vielfach als Hoffnungsträger gefeierte Politiker wie Frankreichs Präsident Emmanuel Macron haben in ihren Ländern mit neoliberalen „Reformen“ immer mehr Menschen in die Arme von rechten, nationalistischen Rattenfängern getrieben. Für das faszinierende Projekt Europa ist das eine Katastrophe. Das Karlspreisdirektorium sollte deshalb ein Zeichen setzen und in diesem Jahr auf eine Preisverleihung verzichten, zumindest auf die Ehrung eines in Verantwortung stehenden Politikers. Eine Auszeichnung verdienen andere Menschen. Zum Beispiel Claus-Peter Reisch (57). Mit einem Schiff der Hilfsorganisation „Mission Lifetime“ rettete er im Mittelmeer Flüchtlinge vor dem Tod. Dafür muss sich der Kapitän derzeit im EU-Staat Malta vor Gericht verantworten. Dabei hat er nur etwas ernst genommen, was viele Politiker lediglich in Sonntagsreden anmahnen: Europa muss ein Kontinent der Menschlichkeit und der Solidarität sein. Reischs Problem: Er ist kein Promi.

(Vorgeschlagen von Joachim Zinsen)

Die Überlebende

Foto: dpa/Michael Reichel

Antisemitismus, dies hat Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker einmal gesagt, sei nicht nur eine Bedrohung für Juden, sondern eine fundamentale Gefahr für unsere offenen Gesellschaften. „Um den Wert der heutigen Europäischen Union zu verstehen, müssen wir uns an die Gräueltaten des Holocaust erinnern“, so Juncker. Je weiter sich unsere Gesellschaft zeitlich von den NS-Verbrechen entfernt, desto stärker sind wir in der Pflicht, die Erinnerung wachzuhalten. „Nie wieder!“ Dieses rückwärtsgewandte Motiv allein wird die europäische Idee nicht in die Zukunft tragen können. Doch in Zeiten wie diesen ist dieses „Nie wieder!“ wichtiger denn je. Wir brauchen die Zeitzeugen. Wir brauchen Menschen wie Ruth Klüger, die sich mit viel Mut und hohem Engagement seit Jahrzehnten dafür einsetzt, dass es in dieser Welt humaner und gerechter zugeht, dass die Erinnerung nicht verblasst. Die 88-jährige österreichisch-US-amerikanische Schriftstellerin hat Auschwitz überlebt. Sie hat das bemerkenswerte Buch „Weiter leben“ geschrieben. Sie wäre eine außergewöhnliche Karlspreisträgerin.

(Vorgeschlagen von Thomas Thelen)

Der Dirigent

Foto: Jörg Carstensen/dpa/Jörg Carstensen

Der Brexit ist Sache der Briten. Natürlich. So viel Souveränität muss sein. Und eine Mehrheit der Briten, die vor zweieinhalb Jahren an die Wahlurne gegangen sind, hat im Gesamtergebnis für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt. Doch ist das wirklich der Wille der Mehrheit der Briten? Wahrscheinlich nicht. Und auch der Rest der EU dürfte für einen Verbleib der doch manchmal sonderbaren Partner jenseits des Ärmelkanals sein. Der Karlspreis für Sir Simon Rattle (64), langjähriger Chefdirigent der Berliner Philharmoniker und nun wieder in London wirkend, der sich wie andere namhafte britische Künstler – etwa Ed Sheeran oder Daniel Craig – gegen den EU-Ausstieg ausspricht, könnte ein ermutigendes Zeichen dafür sein, weiter gegen den Brexit und für die europäische Einigung zu kämpfen, und würde die vom Karlspreisdirektorium gern gesehene Strahlkraft liefern.

(Vorgeschlagen von Udo Kals)

Der Diplomat

Foto: dpa/Maxim Shipenkov

Als Vorsitzender des Friedensnobelpreiskomitees abgesetzt, aber mit dem Karlspreis geehrt – geht das? Ja, das geht. Wenn es gilt, einen Europäer zu ehren, der sich der europäischen Idee verpflichtet sieht, ist das Thorbjørn Jagland (68). Der norwegische Politiker lenkt als Generalsekretär die Geschicke des Europarates, für ihn ist der Kampf für Menschenrechte und Demokratie kein Schaulaufen im Blitzlicht. Jagland wirkt im Stillen und schafft es trotzdem, den Europarat sichtbar zu machen. Er gehörte etwa zu den Ersten, die in der Ukraine vermittelten. Er bemüht sich, den Gesprächsfaden Europas mit Russland nicht abreißen zu lassen. Er erörtert mit dem Vatikan das Thema Missbrauch. Als an die Flüchtlingskrise noch nicht zu denken war, mahnte er bereits im Jahr 2013: „Menschenrechte heißt, die Minderheit vor der Mehrheit zu schützen.“ Man mag darüber streiten, ob seine Unterstützung für den Friedensnobelpreis an Barack Obama oder die EU richtig war. Ein würdiger Karlspreisträger wäre er allemal.

(Vorgeschlagen von Anja Clemens-Smicek)

Der Philosoph

Foto: dpa/Arne Dedert

Er gilt als der maßgebliche philosophische Kopf Deutschlands und ist zum allseits anerkannten bundesrepublikanischen Großintellektuellen geworden. Als Philosoph und Soziologe, Kulturwissenschaftler und Homo Politicus prägt Jürgen Habermas seit Jahrzehnten die öffentliche Debatte in der Bundesrepublik wie wahrscheinlich kein Zweiter. Als Repräsentant einer „posthumen Adenauer’schen Linken“ (Heinrich August Winkler) vertritt er den sogenannten Verfassungspatriotismus und hat dieses universalistische Verständnis im Grunde auf die europäische Ebene übertragen. Unentwegt engagiert er sich in europapolitischen Diskussionen, verlangt mehr Mut zur weiteren und tieferen Integration und fordert konkret eine mit Kompetenzen und Finanzen gut ausgerüstete „handlungsfähige Euro-Union“. Habermas wird in diesem Jahr zwar schon 90 Jahre alt, aber er kommentiert das politische Geschehen nach wie vor hellwach und mit bewundernswerter analytischer Tiefe. Karlspreistauglich ist er längst.

(Vorgeschlagen von Peter Pappert)