Aachen/Würselen: Karlspreisdirektorium erwischt Martin Schulz auf der Fahrt

Aachen/Würselen : Karlspreisdirektorium erwischt Martin Schulz auf der Fahrt

Er ist hörbar berührt, „aufgewühlt“, wie es Martin Schulz selbst formuliert. Der weltgewandte und wortgewaltige EU-Parlamentspräsident — telefonisch in die Pressekonferenz des Karlspreisdirektoriums zugeschaltet — erzählt ganz leise, wie er als kleiner Junge vor dem Rathaus stand und „die Granden Europas“ zum Karlspreis auf der Treppe bewunderte.

„Ich habe mir nicht vorstellen können, dass ich da selbst einmal stehen werde“, erinnert sich der frühere Würselener Bürgermeister.

„Er war geplättet, als wir ihn angerufen haben“, sagt Dr. Jürgen Linden, Sprecher des Karlspreisdirektoriums. Und Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp betont: „Es war kein Heimspiel für unseren Kandidaten.“ Das Direktorium habe stundenlang diskutiert, „die beste Lösung“ gefunden und schließlich einstimmig für Martin Schulz als Karlspreisträger 2015 votiert. Am Samstagvormittag habe man Schulz dann telefonisch auf dem Weg zu Weihnachtseinkäufen in Würselen im Auto „erwischt“. „Als mir der Preis angetragen wurde, da musste ich erstmal rechts ranfahren und durchatmen“, schildert Schulz Stunden später den Journalisten im Aachener Ratssaal.

Aller Überraschung zum Trotz: Schulz sei seit Monaten von Persönlichkeiten auch außerhalb der Aachener Stadtgrenzen immer wieder als optimaler Preisträger vorgeschlagen worden, bestätigen Linden und Philipp. Dies bekräftige die Entscheidung des Direktoriums. Gerade weil Schulz aus der Region Aachen kommt, „haben wir ganz genau hingeschaut“, erklärt Philipp. Schulz folgt auf Herman Van Rompuy, der dieses Jahr als Präsident des Europäischen Rates mit dem Karlspreis ausgezeichnet wurde. Preisträger der Vorjahre waren unter anderem Ratspräsident Donald Tusk und 2006 der jetzige Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Dies spielt neben der Herkunft von Schulz auch bei den Reaktionen auf den designierten Karlspreisträger Schulz eine Rolle. Kabarettist Wendelin Haverkamp kommentiert trocken: „Da bleibt der Preis wenigstens mal in der Familie.“

Besonders stolz zeigt sich am Sonntagabend Würselens Bürgermeister Arno Nelles (SPD): „Es ist ganz fantastisch, was einer meiner Vorgänger erreicht hat! Es hat kaum einer der Sache Europas so ein Gesicht verliehen, wie Martin Schulz. Deshalb ist er genau der Richtige, und ich hätte mir auch keinen Würdigeren vorstellen können.“

Harald Baal, CDU-Fraktionschef in Aachen, erklärt: „Es ist sicher nicht überraschend, dass Herr Schulz ausgezeichnet wird. Man muss aber überlegen, ob man weiterhin ‚hauptberufliche Europäer‘, also Funktionsträger der EU ehren möchte oder auch einmal den Mut aufbringt, Querdenker mit dem Karlspreis zu würdigen.“ Ulla Griepentrog, Grünen-Sprecherin in Aachen, findet die Entscheidung „ausgesprochen gut“. Schulz stehe „in überzeugender Weise für eine positive Europapolitik“. SPD-Parteifreund Norbert Plum: Schulz sei „ein hervorragender Europäer und hat den Karlspreis lange verdient“.

Weniger begeistert zeigt sich der Aachener Ratsherr Hans Leo Deumens. Seine Partei, die Linke, stehe dem Karlspreis „wegen seiner konservativen Ausrichtung“ kritisch gegenüber: „Wir hätten sicher einen schlechteren Karlspreisträger bekommen können. Aber wir lehnen auch Martin Schulz ab, weil er für eine neoliberale Ausrichtung von Europa steht.“

Ganz besonderer Moment

Von der Verleihung des Karlspreises an Schulz am Himmelfahrtstag, 14. Mai 2015, werde — kurz nach dem 70. Jahrestag zum Ende des Zweiten Weltkriegs — eine besondere Botschaft ausgehen, sagt Jürgen Linden. Die regionalen Wurzeln des Preisträgers sollen die Feierlichkeiten auch mitprägen.

Wer die Laudatio hält, ist noch nicht bekannt. Sicher ist für Martin Schulz aber: „Die Verleihung des Karlspreises wird ein ganz besonderer Moment in meinem Leben. Dafür bin ich dankbar — und stolz darauf, ein Kind des Dreiländerecks zu sein.“ Was ebenfalls hörbar bleiben soll.

(bea)