Aachen: Karlspreis: Auf Augenhöhe mit den Hoheiten

Aachen: Karlspreis: Auf Augenhöhe mit den Hoheiten

Das hat Größe: Als Karlspreisträger Martin Schulz seinen Freund Peter Maffay zum Winkewinkebild mit Oberbürgermeister Marcel Philipp und Karlspreisdirektoriumssprecher Dr. Jürgen Linden auf die Rathaustreppe bittet, brandet der Applaus rekordverdächtig laut auf. Wirklich erhebend.

Kaum einer weiß, dass nur für diese kaum zweiminütige Szene eigens ein klitzekleines, genau 20 Zentimeter hohes Podest hinter der Treppenbalustrade errichtet wurde. Eine Frage der Perspektive.

Amüsante Talkrunde: Karlspreisträger Martin Schulz (2.v.l.) stand AZ-Chefredakteur Bernd Mathieu (l.) am Vorabend auf der Katschhofbühne Rede und Antwort. Über große Resonanz freuten sich Oberbürgermeister Marcel Philipp (1.v.r.), Karlspreisdirektoriumssprecher Dr. Jürgen Linden (3.v.r.) und Stadtsprecher Bernd Büttgens (2.v.r.).

Deswegen können rund 2000 Schaulustige, die ab 11.15 Uhr den Festakt (übrigens erstmals vor einem telegen neu designten, LED-hinterstrahlten und dreidimensionalen Kaiser-Karl-Kulissenbild) über eine Großbildleinwand unter freiem Himmel verfolgt haben, danach alles „ganz in echt“ sehen: neben Schulz politische Großkaliber wie den französischen Staatspräsidenten Francois Hollande und Bundespräsident Joachim Gauck. Spaniens hochgewachsener König Felipe sticht neben Aachens OB sowieso hervor. Und der jordanische König Abdullah II ibn Al Hussein hatte zuvor gleich in mehrfacher Hinsicht bei seiner Festrede im Rathaus geglänzt — auch weil er als einziger auf jegliches Make-up der eigens engagierten Maskenbildnerinnen vor Zeremonie und Live-Übertragung im WDR-Fernsehen verzichtet.

Ins Schwitzen bringen die Festgesellschaft an diesem Christi-Himmelfahrts-Donnerstag nur zig Fernsehscheinwerfer an der Decke des Krönungssaals. Denn Protokollchefin Claudia Wellen und ihr Team haben diesen in jeder Hinsicht gewachsenen Karlspreis 2015 trotz ungezählter Sonderwünsche der hochprominent besetzten Staatsgast-Delegationen perfekt im Griff. Alles passt. Auch wenn der in Aachen traditionell blaue Teppich diesmal bei so vielen bewaffneten Personenschützern zum Defilée politischer Superstars an seine Kapazitätsgrenze tritt. Knapp 1000 Ehrengäste — so viele wie niemals zuvor — nehmen in festlicher Kleidung bei subtropischem Raumklima Platz, um neben Majestäten, Exzellenzen und acht Regierungschefs — so viele wie niemals zuvor — den EU-Parlamentspräsidenten aus Würselen zu ehren. Und der — so heimatnah wie nie ein Karlspreisträger zuvor — umarmt nach dem Festakt beim „Bad in der Menge“ auf dem Katschhof gekrönte Häupter genauso herzlich wie die Bissener Maigesellschaft. Die jubelt ihrem Martin in der für 500 Zuschauer abgegrenzten Sicherheitszone frenetisch zu. Schulz, der Politstar zum Anfassen. Das beweist er an diesem Tag wieder einmal eindrucksvoll. Sympathisch, souverän, authentisch. Alles lächelt, die Sonne strahlt — nicht einmal Demonstranten sind rund um Dom und Rathaus zu sehen.

Stattdessen stehen hunderte Polizisten an den Absperrgittern Spalier. Wer näher an die Open-Air-Bühne heran will, muss sich vom Sicherheitspersonal abtasten lassen. Beobachtet wird das von dutzenden Fotografen und Fernsehteams, die Bilder der bedeutendsten politischen Auszeichnung Europas aus Aachen weltweit an TV-Stationen, Radiosender und Zeitungen schicken. Die Polizei hat diesmal noch zusätzliche Überwachungskameras in der historischen Altstadt installiert. Im Haus Löwenstein am Markt dirigiert die Karlspreis-Einsatzzentrale ihre Beamten völlig unbehelligt — und verfolgt jedes Detail. Zum Beispiel ein Protest-Banner in der Großkölnstraße: „Karl der Große — Schulz der Kleine“ steht darauf.

Weit mehr Begeisterung und Beachtung findet der Auftritt von Schulz, Gauck, Hollande, Felipe, Maffay und Co. vor der Rathauskulisse. Keinen Menschen stört nach 13 Uhr die 20-minütige Verspätung. Bloß hätten sich viele — genauso wie seit Jahren auf dem Markt — eine zweite Großbildleinwand auf der Rathausrückseite gewünscht. Dann hätten die bestens gelaunten Besucher auch hier den Festreden lauschen können. Und sie hätten den einzigartigen Auftritt von Peter Maffay bewundern können, der im Krönungssaal mit Unterstützung des Aachener Sinfonieorchesters trotz Sauna-Klima Gänsehaut-Atmosphäre schafft. Auch das gab es so noch nie. „Über sieben Brücken musst Du geh‘n“ singt Maffay zum Finale des Festakts. Und er spricht es nachher auf der Katschhofbühne im Kreise der Staatschefs vor weit über 1000 Aachenern aus: „Du bist ein wahrer Brückenbauer“, lobt der Sänger Maffay den Politiker Schulz. Der Applaus gilt beiden.

Was sonst neu ist beim Karlspreis 2015? 70 Kinder der Musikschule geigen den Ehrengästen die Europahymne — plus Extra-Strophen mit dem stimmstarken Publikum für den Preisträger. Dann gibt‘s ein spontanes Geburtstagsständchen für die Schweizer Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga; Gauck und Hollande richten einen Appell an die europäische Jugend, und Stadtsprecher Bernd Büttgens bittet Spaniens König Felipe VI. ans Mikrofon. So etwas sieht das höfische Protokoll nicht vor. Doch der Karlspreis schreibt Geschichte. „Es ist mir eine Verpflichtung, die Verbindung meiner Familie zu Aachen 33 Jahre nach dem Karlspreis für meinen Vater aufrecht zu erhalten und zu pflegen“, sagt der König. Das Volk jubelt. Dann zieht sich die Prominenz zum Empfang in die Aula Carolina zurück. Da warten 4400 Kanapees wie Bitterballen und Spargel auf Flusskrebsen. Küchengeheimnisse gibt‘s auch: Ein Zettel weist das Personal an, dem jordanischen König Abdullah niemals Alkohol, Schweinefleisch oder Fisch anzubieten — „außer Lachs, Thunfisch & Shrimps“. Dafür hat Hoheit eine Schwäche. Sympathisch, wenn Kleinigkeiten wahre Größe zeigen.