Aachen/Reims: Karlsausstellung: Goldschmiede erstellen Replik des Talismans Karls des Großen

Aachen/Reims: Karlsausstellung: Goldschmiede erstellen Replik des Talismans Karls des Großen

Bis zum Einmarsch der französischen Revolutionstruppen 1794 gehörte zum Aachener Domschatz neben dem Krönungsevangeliar, dem Lotharkreuz und der Karlsbüste auch ein kostbares Schmuckstück, das man gemeinhin als Talisman Karls des Großen bezeichnet.

Es handelt sich hierbei um ein sogenanntes Enkolpion, eine Art Kapsel mit einer eingeschlossenen Reliquie, die man an einer Kette um den Hals trug. Dieser Talisman, aus Gold gefertigt und mit Edelsteinen besetzt, ist wohl im 9. Jahrhundert gefertigt worden und befindet sich heute im Schatz der Kathedrale von Reims.

Das Original besichtigte die Aachener Delegation in Reims, um sich ein genaues Bild für die anstehenden Arbeiten an der Replik zu machen.

Das wussten auch einige Aachener Goldschmiede und kamen auf die Idee, diesen Talisman nachzubauen, um diese „herrliche Köstlichkeit“, wie Albrecht Dürer sagte, zu der diesjährigen großen Karlsausstellung beizusteuern. Gesagt, getan: 13 Gold- und Silberschmiede-Meister und -Meisterinnen unter der Leitung des Innungs-Obermeisters Georg Comouth taten sich zusammen und untersuchten mit Lupen und Vergrößerungsgläsern die zur Verfügung stehenden Fotografien. Aber zum Nachbau eines Originals bedarf es der Erlaubnis des Besitzers: Der aber sitzt in Reims, heißt Monseigneur Thierry Jordan, ist der Erzbischof der französischen Krönungsstadt und hat auch schon im Aachener Dom gemeinsam mit dem Aachener Bischof eine Messe gefeiert.

Goldschmied Philipp Hausmann wandte sich also kurzerhand an den Honorarkonsul der Republik Frankreich in Aachen, Dr. Wolf Steinsieck, der glücklicherweise auch der stellvertretende Vorsitzende des Partnerschaftskomitees Aachen-Reims ist, und bat um Amtshilfe. Da er seit geraumer Zeit einen guten Draht zum Erzbischof von Reims hat, gelang es ihm umgehend, die Erlaubnis für den Nachbau einzuholen.

Die Fotografien, nach denen die Goldschmiede arbeiteten, ersetzten nämlich nicht das Original. Und so machten sich nach einigen Vorarbeiten alle gemeinsam nach Reims auf, begleitet von der Direktorin des Deutsch-Französischen Kulturinstituts, Dr. Angelika Ivens. Dort konnten sie den Talisman in Augenschein nehmen, der eine außerordentliche Geschichte hat.

Er soll ein Geschenk des Kalifen Harun-al-Rachid an Karl aus dem Jahr 801 sein und zu einer größeren Geschenkesammlung des Kalifen an den Kaiser gehört haben. Angeblich soll man den Talisman bei der Öffnung des Grabes Karls des Großen im Jahr 1000 durch Otto III. entdeckt haben — was davon Mythos ist und was Wahrheit, kann heute nicht mehr sicher gesagt werden. Sicher aber ist, dass er erst ab Anfang des 17. Jahrhunderts als Talisman Karls des Großen bezeichnet wurde.

Geschenk für Frau des Kaisers

„Ohne jeden Zweifel aber ist dieser Talisman 1804 vom ersten Aachener Bischof, dem von Napoleon I. eingesetzten Marc Antoine Berdolet, der Ehefrau des Kaisers der Franzosen, Joséphine Beauharnais, geschenkt worden“, führt der Honorarkonsul aus. „Die hat ihn wiederum ihrer Tochter Hortense vermacht, und diese schenkte ihn ihrem Sohn Louis Napoléon Bonaparte, der als Napoleon III. 1870 die Niederlage gegen die Preußen kassieren musste.“

Lange nach dem Tod des Kaisers, erst nach dem 1. Weltkrieg, vermachte ihn dessen Witwe, Eugenia de Montijo, angeblich die schönste Frau des 19. Jahrhunderts, aus ihrem englischen Exil der Kathedrale von Reims. Diese hatte sie ganz bewusst ausgesucht. Nicht etwa weil es sich um die alte Krönungsstadt Frankreichs handelte, sondern weil sie sich tief verletzt fühlte durch die Beschießung und Zerstörung der Stadt und der Kathedrale durch die deutschen Soldaten im 1. Weltkrieg — wer die Bilder der zerschossenen Kathedrale einmal gesehen hat, kann die Ex-Kaiserin vielleicht ein wenig verstehen.

Wie sieht dieser Talisman nun aus? Philipp Hausmann beschreibt die Goldschmiedearbeit wie folgt: Der so genannte Talisman Karls des Großen ist heute ein Reliquiar, das zwischen einem Saphir und einem blauen Glasfluss eine Kreuzreliquie enthält. Eine Goldfassung hält in der Mitte auf Vorder- und Rückseite je einen großen Stein. Ursprünglich waren dies zwei blaue Saphire, der Stein auf der Vorderseite ist heute jedoch durch einen blauen Glasfluss ersetzt — der originale Stein soll nach 1870 gestohlen worden sein. Auf der Goldfassung sind auf der Vorder- und der Rückseite jeweils vier rote Granate, vier Smaragde und acht Naturperlen symmetrisch in geschlossenen Zargenfassungen eingefasst. An zwei Schlaufen im oberen Teil des Reliquiars ist eine Kette befestigt. Diese wurde im 19. Jahrhundert angebracht.

Die Form des Reliquiars wird von Kunsthistorikern heute als Pilgerflasche gedeutet. Interessant ist jedoch, dass sie die Grundform und dieselben Maßverhältnisse (im Maßstab 1 zu 512) wie die karolingische Kirche — heute das Oktogon — in Aachen aufweist. Damit stellt der Talisman, wie der Dom, eine karolingische Interpretation der biblischen Tempel, des „Himmlischen Jerusalem“, dar.

Die Aachener Replik wird sicherlich einer der zentralen Anziehungspunkte der Ausstellung im Centre Charlemagne werden, und das dank einer gemeinsamen Aktion von Aachener Bürgern, von den Verantwortungsträgern für die deutsch-französischen Beziehungen, von den Partnerschaftskomitees Aachen und Reims, von Deutschen und Franzosen, die sich der Bedeutung des großen Kaisers für ihre Vergangenheit und Gegenwart voll und ganz bewusst sind.

Mehr von Aachener Zeitung