Kappesball schlägt auch 2019 wieder lustvoll in Aachen zu

Kappesball : Satire-Hölle in Rothe Erde startete erneut furios

Die Satire-Hölle im Saal Kappertz schlägt auch 2019 wieder lustvoll zu. Der Kappesball startete am Freitagabend mit einer gelungenen Mischung aus bewährten Solonummern und neuen Programmteilen, die mit Komiker Heinz Gröning in der Rolle als „Der unglaubliche Heinz“ im Laufe des dreistündigen Abends wiederholt zu Lachsalven im jecken Publikum führten.

Der „unglaubliche Heinz“ ist ein etwas verbrauchter Weggefährte und trotz seiner geschliffenen Kahlköpfigkeit ein echter Schürzenjäger bei den Damen – eine Eigenschaft, von der er nicht nur selbst überzeugt ist, sondern die er auch bestens in die Waagschale zu werfen weiß. So steigt er in seiner ersten Nummer im gut sitzenden Smoking die Showtreppe hinab, so wie es sich für einen wahren Lebemann gehört. Am Mikrofon betört er die Damenwelt mit mehr oder minder frivol-schlüpfrigen gesungenen Reimen wie: „Fang ich an zu singen, dann beginnt das Ei zu springen ...“ – und man glaubt es kaum, es klappt; betörte „Heinz“-Rufe tönen aus dem Saal.

Auch die aufschneiderische Bemerkung, der Rapper Bushido prahle zwar damit, „1000 Frauen“ gehabt zu haben, doch gegen ihn, den unglaublichen Heinz, sei Bushido ein glatter Anfänger, kommt gut an. Mit seinen kurzen, schnellen Gags und oftmals überraschenden Wendungen in den Wortspielen begeistert Gröning das Publikum auch dann, wenn es grob klingt.

Die Seele einer jeden Kappesball-Serie – es ist die sechste Auflage mit noch zwei Terminen am 1. und 2. März, für die es jeweils noch Karten gibt – ist die absolut funkige Kultband The Four Shops mit Bandleader und Show-Multitalent Sören Leyers als Frontmann, der nicht vergisst, dass sein bester Mann, Gitarrist Mario Adler, an diesem Abend Geburtstag hat. Das spornt Mario umgehend zu hinreißenden Solo-Riffs an, die komplette Band gruppiert sich erneut um den traditionell in einem Supermarkt-Einkaufswagen sitzenden Drummer Michael Mertens. Der Sound der Band wird im Verlauf des Abends immer grooviger, ein echter Hörgenuss, was bei karnevalistischen Darbietungen nicht immer selbstverständlich ist.

Selbstverständlich jedoch ist beinahe schon die zum Teil in schönstem Öcher Platt gehaltene Einführungssession von Kurt Radermacher, bei der er treffsicher die „Öcher Seele“ analysiert und später in allen möglichen Rollen durchs Programm geistert.

„Hoppla – Das Duo“, alias Michael Dannhauer und Thorsten Neumann, nimmt sich wieder die Öcher Politik vor. Als Mitarbeiter der Stadtverwaltung für den Fachbereich Spaß und Unterhaltung präsentieren sie auch dieses Jahr ihr Kernthema „der Büschel und der Puff“ – und wie es der zentralen Innenstadtlage inzwischen ergangen ist. In Aachen gebe es neben dem ältlichen Slogan „sprudelnde Vielfalt“ das durchgreifende Handlungsmotto für die Verwaltung: „Die Politik entscheidet nix, und wir setzen es um.“ Auch deswegen habe man inzwischen ein Imagebüro aus Dortmund eingeschaltet, das nach dem Abzug der „sogenannten Investoren“ am Büchel das ramponierte Image des OB mit Projekten, „die im Sande verlaufen“, wieder aufpolieren soll. Alles sei im Fluss, stellten die beiden klar, nur wohin es gehe, sei unbekannt; und einen Fluss selbst habe man nun mal nicht.

Der Öcher „Mut zur Lücke“ in den Straßen der Innenstadt sei legendär, der Leerstand auch, das Rezept dagegen: immer mehr Bäckereifilialen. Kaum drehe man sich um, „ist der Nobis schon da“, stellen die beiden verblüfft fest. Ein Vorschlag des Duos: Man solle den Leerstand in der Antoniusstraße einfach beheben, indem man „aus dem Puff einen städtischen Eigenbetrieb“ mache. Mit der Gleitzeit kenne man sich ja schon aus . . .

Wie ein Fremdkörper im Ulk-Programm

Politisch, satirisch, liebevoll: Ob Deana Kozsey als Branka, Hoppla – Das Duo mit Thorsten Neumann und Michael Dannhauer oder Kurt Radermacher (von links), sie alle zeigten, wie lustig Karneval sein kann. Foto: Andreas Herrmann

Neu im Programm des Kappesballs ist eine Berliner Künstlerin, die mit zwei Solo-Showeinlagen vertreten ist: Dorice Arsenopoulou als vierter Beitrag mit einem ästhetischen Schleiertanz, der zwischenzeitlich in klassischen Bauchtanz übergeht. Das freut das Auge des Betrachters, bleibt aber in dem alternativ-karnevalistischen Ulk-Programm ein Fremdkörper. Ihre spätere Seilakrobatik als Westerngirl ist durchaus sehenswert, und ihre Auftritte in den Nummern des Gesamtensembles sind bereichernd, können jedoch die einer Liza Kos kaum ersetzen.

Einen großen Identifikationswert haben fraglos die Jonglage- und Slapstik-Darbietungen des Duos Diagonal mit Deana Kozsey und Holger Ehrlich als „Branka und Roger“. Ihre Beziehungsnummern sind richtig lustig, und der Ostblock-Charme von Branka ist auch heute noch umwerfend. Im gesamten Programm tauchen an vielen Stellen kleine politische und liebevoll gemachte Persiflagen auf, wie etwa der Ulk über eine grüne Diktatur mit Staatspräsidentin Claudia Roth an der Spitze, die ein revolutionärer Liberaler und Lindner-Anhänger mit Champagnerkorken- und Austernschalen-Würfen zum Einsturz bringen will – Ende offen. Beinahe schon legendär ist die Persiflage des traditionellen Karnevals in der als Solonummer beginnenden Darstellung eines völlig geschafften und volltrunkenen Mitglieds der „KG Semmelbrösel“ durch Michael Dannhauer und Thorsten Neumann (Hoppla –Das Duo), die die Plattitüdenhaftigkeit „normaler“ Kappensitzungen aufs Korn nehmen – zum totlachen, bevor es dann in ein opulentes Finale geht.

Fazit: In der Satire-Hölle ist wieder alles bestens angerichtet, Karten gibt es noch.

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