Aachen: Kaiserplatz in Aachen: Von Kommerz und ganz anderem Konsum

Aachen: Kaiserplatz in Aachen: Von Kommerz und ganz anderem Konsum

Im Schatten des großen Steinsockels, auf dem Kaiser Friedrich langsam vom Grünspan überzogen wird, kauern Menschen auf grauen Steinbänken. Sie wirken orientierungslos. Daneben lehnen zwei Männer mittleren Alters an einer Bushaltestelle. Einer von ihnen dreht sich gerade eine Zigarette, der andere schaut mit leerem Blick auf die vorbeifahrenden Autos.

Seit vielen Jahren ist der Kaiserplatz ein Treffpunkt für Drogenabhängige. Die Gegend wirkt trist und grau. Unmittelbar neben dem Platz weist ein großes Schild mit der Aufschrift „Aquis Plaza“ den Weg in eine Unterführung. Eine kleine Mauer trennt die Einfahrt zum Parkhaus des Einkaufstempels von der Busspur und verwehrt den direkten Blick auf die Menschentraube auf dem Platz. Im Minutentakt fahren Busse an die Haltestelle. Menschen eilen über das unebene Kopfsteinpflaster. Die meisten haben keinen Blick für die Szene.

Drogenkonsum im Schatten von St. Adalbert: Auch Szenen wie diese gehören am Kaiserplatz zum Alltag. Foto: Stefan Herrmann

Eine junge Frau mit kleiner schwarzer Tasche, ein Mann in Jogginghosen, eine Mutter mit großem Kinderwagen, ein Rollstuhlfahrer. Alle zieht es zu dem großen, futuristischen Gebäude, das ein bisschen versteckt hinter einer kleinen Kurve liegt. Das „Aquis Plaza“. Im Herbst 2015 eröffnete das größte überdachte Einkaufscenter Aachens. Einer der vier Eingänge grenzt unmittelbar an den Kaiserplatz.

Popmusik erklingt aus einem Geschäft. Helle Fliesen, bunte Leuchtreklamen und riesengroße Glasfronten haben nichts mit dem grauen Straßenbild gemeinsam. „Im Center gibt es keine Berührungspunkte mit der Szene“, sagt Centermanagerin Kathrin Landsmann. Dafür sorge der eigene Security-Dienst. „Jeder aus der Szene weiß, wo die Grenzen sind.“ In der Hausordnung steht unter anderem, dass Betteln nicht erlaubt ist.

Aus dem Fenster ihres Büros in der oberen Etage kann Landsmann auf die Adalbertstraße gucken, die vom Kaiserplatz abgeht. Auch hierher ziehe es die Drogenabhängigen vermehrt. Die alten Häuser böten mit den nach innen gelagerten Eingängen geschützte Plätze für den Konsum. „Es wäre natürlich ein Traumzustand, wenn die Szene nicht da wäre. Das wünschen sich alle, die hier leben oder den Platz Tag für Tag passieren müssen.“

Jeder Besucher, der mit dem Auto in das Parkhaus fährt oder mit dem Bus kommt, muss den Platz mit der Drogenszene überqueren. „Knapp 20 Prozent unserer Kunden kommen über den Eingang am Kaiserplatz. Natürlich bietet sich da kein schönes Bild. Aber wir müssen damit leben und die Situation so annehmen, wie sie ist. Allerdings darf man nur wegen der Drogenszene einen Stadtteil nicht einfach aufgeben.“

Mit großen Tüten beladene Menschen strömen aus dem Einkaufscenter. Im Schatten des großen Kirchturms von St. Adalbert, dem historischen Zentrum des Kaiserplatzes, parkt ein blau-gelber VW Passat. Die Mitarbeiter des Ordnungsamts sehen nach dem Rechten.

Jeden Tag seien sie am Kaiserplatz unterwegs, sagt Ron-Roger Breuer, Teamleiter beim Ordnungsamt Aachen. Sein Stellvertreter Christoph Kandler fügt hinzu: „Im letzten Jahr haben wir im Schnitt vier bis fünf Mal am Tag Maßnahmen durchgeführt.“ Das bedeutet, dass sie Personen kontrollieren, Drogenbesteck beschlagnahmen oder Platzverweise aussprechen.

An der massiven Steinmauer, die sich um die Kirche erstreckt, hat die Streife einen Mann beim Drogenkonsum erwischt. Der Mann sitzt auf einem klapprigen Holzhocker. Sein Blick wirkt leer. Neben ihm liegt eine dünne Isomatte. Darauf zwei kleine Kissen mit Leopardenbezug. „Wir können meistens nur einzelne Konsumenten kontrollieren. Der Rest sucht schnell das Weite“, sagt Breuer. Der vorher noch von einer Menschentraube belagerte Platz am Reiterdenkmal ist jetzt menschenleer.

Die Ordnungsbeamten durchsuchen den Mann, während er mit dem Gesicht zur Wand steht. Auf dem Boden liegen unzählige Zigarettenstummel. Die Ordnungsbeamten finden eine Pfeife und ein Taschenmesser. Es stellt sich heraus, dass ein polizeiliches Waffenbesitzverbot gegen den Mann ausgesprochen ist. Die Polizei wird hinzugerufen. Eine Szene, die sich so fast jeden Tag am Kaiserplatz abspielt.

Trotz der häufigen Kontrollen des Ordnungsamts meldet die Polizei für das Jahr 2016 nur 62 erfasste Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz. Bis Juli dieses Jahres waren es 40 Delikte. „Die Anzahl sagt jedoch wenig über die Dunkelziffer aus“, sagt Polizeikommissar Andreas Müller. Ordnungswidrigkeiten tauchen ohnehin nicht in der Polizeistatistik auf.

Quasi automatisch in der Kritik

Großes Aufsehen erregte Ende August eine Messerstecherei am Kaiserplatz. „Mich ärgern Vorfälle wie dieser. Die Leute waren keine Besucher unserer Einrichtung, trotzdem stehen wir nach so einem Angriff in der Kritik“, sagt Mark Krznaric. Er ist Leiter der Suchthilfeeinrichtung am Kaiserplatz. Träger der Einrichtung sind Caritas und Diakonie. Das leuchtend rote Gebäude ist schon von weitem zu erkennen. Es unterscheidet sich nicht nur in der Farbe deutlich von der Umgebung.

Ein Detail erinnert aber sofort an das Einkaufscenter, das nur 100 Meter Luftlinie entfernt liegt. Das Kontakt-Café hat große Glasscheiben, durch die man ins Innere sehen kann. Das soll Offenheit demonstrieren. „Drogensucht ist kein Grund, sich zu verstecken“, sagt Krznaric . „Vor knapp vier Jahren kam mir die Idee, die Milchglasfolien zu entfernen. Es war in gewisser Weise eine Trotzreaktion.“ Vorher hätten viele Passanten die wildesten Vorstellungen davon gehabt, was im Inneren passiert.

Auf den Tischen stehen weiße Kaffeetassen. Alles sieht aus wie in einem Café. Fast. Einige Dinge unterscheiden das „Troddwar“ aber doch von einem normalen Straßencafé. Die Toiletten im hinteren Teil sind durch ein kleines Fenster blau beleuchtet. „Das Schwarzlicht ist dafür da, damit hier keine Drogen konsumiert werden. Das ist hier in der ganzen Einrichtung verboten“, erklärt Sozialarbeiter Laurids Elsing. Im bläulichen Licht können die Konsumenten ihre Venen zum Spritzen schlecht erkennen.

Warme Mahlzeit für 1,80 Euro

Das Kontakt-Café bietet Drogenkonsumenten die Möglichkeit, eine Pause von der Szene zu machen. Es gibt nicht nur Kaffee, sondern für 1,80 Euro auch eine warme Mahlzeit. In einem kleinen, mit Plexiglas abgetrennten Bereich stehen rote Plastikschalen auf einer Holztheke. „Hier können Drogenkonsumenten sauberes Material für ihren Konsum erwerben oder gebrauchte Materialien eins zu eins gegen sterile eintauschen“, erzählt Elsing. Ab fünf Cent gibt es Kanülen, Nadeln oder Filter. Rund 500 Spritzen werden hier jeden Tag getauscht.

Das „Troddwar“ versteht sich als niedrigschwelliges Hilfsangebot für Abhängige. Troddwar ist Aachener Platt für Bürgersteig. Eine Art Bürgersteig sollen auch das Café und die Suchteinrichtung sein. „Ein Bürgersteig ist für alle zugänglich. Unsere Einrichtung möchte Aachener mit und ohne Sucht zusammenbringen“, sagt Krznaric .

Vor dem „Trodwarr“ erstrecken sich bunt bepflanzte Beete. Große, gelbe Sonnenblumen ragen zwei Meter hoch in den Himmel. Drumherum wachsen zitronengelb-orange Studentenblumen. Ein ungewöhnliches Bild auf dem Platz voller Probleme und Konflikte. „Querbeet“ heißt die Initiative des „Troddwar“. „Das Projekt gibt den Drogenabhängigen die Chance, ihre Umgebung schön zu gestalten. Niemandem von ihnen ist es egal, wie es in ihrem Umfeld aussieht“, schildert Krznaric. „Mit Querbeet möchten wir die Nachbarschaft aufwerten und schöner machen.“ Aber auch Krznaric weiß, dass Blumen allein das Drogenproblem nicht lösen. „Wir wollen hier auch keine Sozialromantik schaffen. Der Kaiserplatz ist ein Viertel, das stark mit der Kommunikation zu kämpfen hat. Wir müssen gemeinsam mit der Stadt, Anwohnern und Nachbarn gucken, dass es hier lebenswert ist.“

Darum treffen sich verschiedene Interessengruppen regelmäßig. „Wir sind in Gesprächen mit der Stadt, der Polizei, dem Ordnungsamt und den Sozialarbeitern, aber eine Veränderung der Ist-Situation ist nicht in Planung“, sagt Landsmann. Und so geht es draußen erst einmal weiter wie bisher.