Aachen: Kai Savelsberg: Viele seiner Bilder hängen bald auch in Helsinki

Aachen: Kai Savelsberg: Viele seiner Bilder hängen bald auch in Helsinki

Keine Allüren, kein unverständliches Künstlerkauderwelsch, kein Gehabe. Der Aachener Künstler Kai Savelsberg ist geerdet und vor allem „er selbst“. Seit 20 Jahren ist er im „Geschäft“ — auch wenn er das selbst so nie bezeichnen würde. Er hat sein Talent zum Beruf gemacht und dabei seinen eigenen unverkennbaren Stil entwickelt, der nicht nur in der Aachener Kunstszene bekannt ist. Seine neue Serie ist fast fertig.

Diese wird 2018 in Deutschland und anderen europäischen Ländern ausgestellt. Welche weiteren Projekte nächstes Jahr bei dem 42-Jährigen anstehen und wie er es geschafft hat, durch zwei Jahrzehnte hinweg immer wieder sein künstlerisches Ich neu zu erfinden, erzählte unserer Mitarbeiterin Carolin Cremer-Kruff Savelsberg in seinem Aachener Atelier.

Malt großflächige Bilder genauso gerne wir kleinere: Der Aachener Künstler und Theatermaler Kai Savelsberg ist bekennender Aachener und glaubt, in der Rudolfstraße genauso wirken zu können wie in einer großen europäischen Kunstmetropolle. Foto: Andreas Steindl

Sie stehen nicht nur regelmäßig in Ihrem Atelier sondern auch auf dem Tivoli. Prallen da nicht zwei verschiedene Welten aufeinander?

Savelsberg: Klar sind das verschiedene Welten. Für mich gehen diese aber gut zusammen. Ich finde, ein Künstler muss sich mit dem Leben beschäftigen. Ein Großteil meiner Freunde hat mit Kunst auch gar nichts zu tun. Das gibt die nötige Bodenhaftung und man kreist nicht nur um ein Thema. Außerdem habe ich eine starke Bindung zu Aachen — und das querbeet: Ich arbeite hier nicht nur als Künstler, sondern bin halt auch Alemannia-Fan und in der Tropi Garde im Karneval aktiv. Meine Familie lebt hier, meine Tochter geht hier zur Schule. Menschen, die mich nur aus dem künstlerischen Kontext heraus kennen, gucken schon mal komisch, wenn ich erzähle, dass ich mich für Fußball und — noch schlimmer — Karneval interessiere (lacht). Das sind anscheinend Kombinationen, die einige in ihrem Kopf nicht zusammenbekommen.

Dann war es auch nie eine Option, Ihre Heimat Aachen gegen eine sogenannte „Künstlermetropole“ zu tauschen?

Savelsberg: Nein. Ich mag zwar große Städte, bin aber glaube ich kein Typ, um dort zu leben. Ich finde es zum Beispiel schön, ein paar Tage nach Berlin zu fahren, käme mir als Künstler aber dauerhaft dort vor wie in einem großen Ameisenhaufen. Rein theoretisch könnte ich meine Bilder ja auch auf einer einsamen Insel anfertigen und dann überall auf der Welt ausstellen. Ich glaube, die Zeiten sind vorbei, in denen man unbedingt da oder dort sein muss, um etwas zu erreichen. Ich genieße es einfach, meine Basis in Aachen zu haben, und gleichzeitig als Künstler viel herumzukommen.

So wie nächstes Jahr: In Regensburg, Stuttgart, Helsinki und Stockholm sind Ihre Bilder unter anderem zu sehen…

Savelsberg: Ja, das freut mich sehr. In letzter Zeit haben insbesondere auch Galerien in skandinavischen Ländern großes Interesse an meinen Bildern gezeigt. Außerdem wird nächstes Jahr ein neues Buch von mir erscheinen, in dem ich verschiedene Arbeiten und Texte aus den vergangenen Jahren zusammenstelle. Zu der Ausstellung in Stuttgart erscheint auch ein Ausstellungskatalog. Außerdem hatte ich erst kürzlich die Möglichkeit, wieder zu meinen Wurzeln als Theatermaler zurückzukehren, bei einer Produktion des Grenzlandtheaters.

War die Ausbildung zum Theatermaler der Startpunkt Ihrer künstlerischen Laufbahn?

Savelsberg: Ich habe nie geplant, Künstler zu werden, sondern bin in diesen Beruf mehr oder weniger hineingeschlittert. Mit 13 habe ich angefangen, sehr intensiv zu zeichnen. Dann habe ich die Fachoberschule für Gestaltung besucht und währenddessen im Malersaal des Theaters ein Praktikum begonnen. Nach der Schule habe ich dann die Ausbildung zum Theatermaler gemacht. Das war eine sehr gute Basis, um von da aus meine eigenen Sachen zu realisieren. Nachdem ich meine erste Ausstellung organisiert hatte, dachte ich: Das ist doch irgendwie ein schönes Gefühl, wenn die eigenen Bilder gesehen werden! Ab 2000 hatte ich zunächst ein Atelier in Monschau, wo ich auch viele Ausstellungen und Events mit anderen Künstlern organisiert habe. Schließlich haben auch andere Galerien Interesse an meinen Bildern gezeigt. 2004 habe ich zudem die Galerie „Freitag 18.30“ mitgegründet, wo ich zwölf Jahre aktiv war. Seit gut einem Jahr arbeite ich in meinem neuen Atelier in der Rudolfstraße. Mittlerweile gebe ich mein Wissen bzw. mein Handwerk auch mit viel Freude weiter. Ich bin seit vielen Jahren in Kindergärten, Schulen und bei Institutionen wie dem Ludwig Forum und seit letztem Jahr als Dozent in der Bleiberger Fabrik tätig.

Wie würden Sie Ihre Arbeiten denn beschreiben?

Savelsberg: In vielen meiner Werke beschäftige ich mich mit Personen und meinen Beziehungen zu ihnen. Meine Landschaftsbilder sind meistens auch eine Übersetzung für ein Gefühl oder Themen, die mich zu dem Zeitpunkt beschäftigt haben. Das Bildmotiv ist quasi wie ein Schauspieler, der das wiedergibt, was ich transportieren will. Und ich male keine bunten Bilder. Aber dennoch stecken in meinen Bildern ganz viele Farbnuancen. Ich benutze halt nur einen Teil der Farbpalette, der für mich zu einem eigenen Universum geworden ist. Meistens handelt es sich dabei um Töne, die auch in der Natur vorkommen. Das ist insofern stimmig, weil ich oft Naturmaterialien wie Holz oder Papier mit in meinen Bildern verarbeite, zum Beispiel bei Collagen. Ab und an entwerfe ich aber auch Rauminstallationen, Objekte und Papierarbeiten. Ich brauche einfach die Abwechslung.

Und Sie schreiben. Wie passt das in Ihr künstlerisches Konzept?

Savelsberg: Meistens ist es so, dass ich zu einem Bild einen Text schreibe und der Titel des Texts dann der Titel des Bildes wird. Das ist für mich eine zusätzliche Auseinandersetzung mit dem Bild, so als wenn ich der Betrachter wäre. Eine Momentaufnahme. Diese Grundidee nehme ich immer mit in die Ausstellungen, finde es aber genauso interessant, was das Publikum mit meinen Bildern assoziiert. Natürlich ist das Schreiben genauso wie das Malen ein Ventil. Das Schreiben funktioniert allerdings anders.

Beim Malen entstehen oft passive Situationen. Sobald man das Atelier verlassen hat und die Bilder in die Ausstellung gehen, hängen halt fertige Bilder an der Wand. Den Prozess kann dann keiner mehr nachempfinden. Das Schreiben und die Lesungen haben etwas Direkteres. In dem Zusammenhang kann ich wesentlich genauer beschreiben, was ich eigentlich will oder was für mich die Essenz ist. So kommt man näher an meine Arbeiten heran als wenn man einfach nur davor steht. Denn oft haben Besucher in einer Ausstellung ein großes Fragezeichen im Gesicht, wenn sie vor den Bildern stehen. Viele trauen sich auch nicht, Fragen zu stellen. Dann denke ich immer: Warum eigentlich nicht?

Seit 20 Jahren sind Sie erfolgreich als Künstler unterwegs. Haben Sie eine Art Erfolgsrezept?

Savelsberg: Ich habe mich immer in das, was ich gerade gemacht habe, hineingeworfen. Und ich habe immer wieder aufs Neue versucht, bei meiner Arbeit inhaltlich einen neuen Ansatzpunkt zu finden. Das bedeutet auch schon mal, sich von lieb gewonnenen Gewohnheiten zu lösen anstatt ihnen nachzujagen. In Schaffenspausen lasse ich den Pinsel auch schon mal in der Ecke liegen und kann so völlig frei neue Ideen entwickeln. Wenn ich dann wieder male, beginnt immer eine sehr intensive Zeit, in der ich viel alleine bin. Da bin ich Wochen oder auch Monate an einer Reihe dran, bis der Akku leer ist und ich auch das Gefühl habe, das ist abgearbeitet und ich habe alles erzählt, was es dazu zu erzählen gibt.

Wie bei Ihrer neuen Reihe, die fast fertig ist?

Savelsberg: Genau. Diese wird nächstes Jahr in verschiedenen Galerien zu sehen sein. Der Untergrund besteht aus Tapeten und Papierresten. Diese stammen übrigens von Freunden, die gerade ein Haus saniert haben. Auch Seiten aus spanischen Büchern finden sich darunter. Der Hintergrund: Meine Frau Mavi Garcia ist Spanierin und ebenfalls Künstlerin. Auf dieser Collage liegt die Malerei. Bei den Motiven handelt es sich allesamt um Personen und Situationen, die ich selber kenne oder erlebt habe. Ein Partymoment ist ebenso dabei wie eine Urlaubsszene.

Fällt es Ihnen schwer, sich nach so einer intensiven Zeit von Ihren Bildern zu trennen?

Savelsberg: Nein. Das gehört ja bei meinem Job dazu. Sobald ein Bild in einer Ausstellung hängt oder gekauft wurde, ist es ja nicht mehr meins. Dann kann der neue Besitzer es meinetwegen verkehrt herum aufhängen… (lacht). Wenn ich gerade an einer Serie arbeite, dann sind das jedes Mal für mich die besten Sachen, die ich je gemacht habe. Wirklich beurteilen kann ich meine Werke allerdings erst nach zwei, drei Jahren und sie richtig in den Kontext meiner übrigen Arbeiten einordnen. Für mich ist es eher ein Kompliment, wenn eines meiner Bilder verkauft wird, auch wenn man mit Sicherheit an dem einen oder anderen hängt.

Erst kürzlich wurde ein Bild von Leonardo da Vinci bei einer Auktion für 450 Millionen Dollar verkauft. Was sagt das über den momentanen Kunstmarkt aus?

Savelsberg: Über solche Summen muss ich mir zum Glück keine Gedanken machen (lacht). Nein. Im Ernst. Mit dem realen Kunstmarkt hat das wenig zu tun. Das sind absolute Ausnahmen, die 99,99 Prozent der Menschen nicht betreffen. Leider schaffen es solche absoluten Ausnahmen aber immer wieder in die Medien. Wichtiger ist es doch, sich mit der Kunst selbst zu beschäftigen. Ich habe aber manchmal das Gefühl, dass viele Menschen es heutzutage gar nicht mehr schaffen, sich länger am Stück mit etwas auseinanderzusetzen. In meinen Ausstellungen habe ich allerdings festgestellt, dass die Besucher ihr Tempo ein bisschen drosseln, weil oft Texte neben meinen Bildern zu lesen sind. Oft werden die Texte auch zur Installation innerhalb der Ausstellung, wenn ich sie direkt auf die Wände schreibe.

Und wie glücklich sind Sie mit der Aachener Kunstszene?

Savelsberg: Aachen hat einen großen Vorteil: die Grenznähe zu Belgien und den Niederlanden. Der Austausch könnte allerdings noch größer und besser sein. Der Nachteil ist, dass Städte wie Köln und Düsseldorf oder das Ruhrgebiet Aachen ein stückweit in den Schatten stellen. Dort tummeln sich eher Kunstinteressierte. Da wirkt Aachen manchmal ein bisschen wie „Provinz“. Umgekehrt ist es für uns Aachener Künstler natürlich praktisch, solche Ballungsräume vor der eigenen Haustür zu haben. Und in Aachen gibt es viele tolle Künstler, darunter einige, die über die Grenzen hinaus bekannt geworden sind.

Hat sich der Kunstmarkt durch die Digitalisierung auch verändert?

Savelsberg: Auf jeden Fall. Das Internet ist ein gutes Transportmittel, wo sich Menschen schneller Informationen holen können. Den tatsächlichen Atelier- oder Galeriebesuch kann es meiner Meinung nach allerdings nicht ersetzen. Farbnuancen, Materialien und auch die Größe können über den Bildschirm halt nicht eins zu eins transportiert werden.

Welche Pläne haben Sie noch für die Zukunft?

Savelsberg: Erst einmal konzentriere ich mich jetzt voll und ganz auf die anstehenden Ausstellungen. Und danach werde ich natürlich wieder fleißig Bilder malen!