Aachen: Jupp Martinelli: Der Vater der Tivoli-Legende

Aachen: Jupp Martinelli: Der Vater der Tivoli-Legende

Viele kennen den „Schmetterlingseffekt“, das heißt eine Sache, die passiert, wäre ohne ein bestimmtes Geschehnis nicht passiert und umgekehrt. Aus einer alten Zeitung, die im ehemaligen Aachener Kohlenrevier in den 30er Jahren erschien („Das Grubenlicht“), kann man einen solchen Schluss ziehen, der mit einer namhaften Fußballpersönlichkeit aus Aachen — Jupp Martinelli — zusammenhängt.

Quasi war ein Ereignis circa ein Jahr vor seiner Geburt so schicksalhaft, dass seine (kommende) Existenz davon abhing.

Aus den Familienerinnerungen: Um 1940 entstand dieses Bild vor der Haustür bei Familie Martinelli in Kohlscheid. In der Mitte der junge Alemanne Jupp (Josef) Martinelli, rechts der Vater. Foto: privat

Rückblende: Am 9. Februar 1935 passierte auf der damaligen Grube Laurweg in Kohlscheid ein folgenschweres Unglück. Die Familie Martinelli lebte zu der Zeit in Kohlscheid, und das Familienoberhaupt Josef arbeitete als Hauer Untertage.

Martinelli war nicht nur Bergmann, sondern auch ein exzellenter Verteidiger bei BC Kohlscheid, der damals in einer sehr hohen Amateurliga spielte. An jenem 9. Februar arbeitete er auf Nachtschicht auf der 350-Meter-Sohle. Oberhalb dieser Sohle muss sich eine große Wasseransammlung von 6000 bis 8000 Kubikmeter befunden haben, die sich an Abend jenes Tages in die 350-Meter-Sohle ergoss.

Sieben Kumpels sterben

Insgesamt kamen bei diesem Unglück sieben Bergleute ums Leben, wobei es unter ungünstigeren Umständen noch mehr hätten gewesen sein können.

Einer, der knapp mit dem Leben davon kam, war jener Hauer Josef Martinelli, späterer Vater von Jupp Martinelli. An jenem Abend arbeitete der Hauer Martinelli an einem Rollloch (Verbindung zwischen zwei Sohlen) und wäre fast durch die Wassermassen ums Leben gekommen.

In der Ausgabe des Grubenlichtes vom 2. März 1935 stand folgendes: „Der Hauer Martinelli ist durch einen glücklichen Zufall dem Tode entronnen. Martinelli hatte Nachtschicht und war auf die Mittagschicht bestellt, weil er am Sonntagmorgen an einer Spielersitzung der 1. Mannschaft des KBC 1913 als Mannschaftsführer teilnehmen musste.

Er arbeitete an dem neu geschaffenen Rollloch, um den Rutschengang nachzubrechen. Etwa 15 Meter über der 350-Meter-Sohle. Als die Wasser durchbrachen, spürte Martinelli den gewaltigen Luftstrom, und ohne langes Zögern sprang er in die Rutsche hinein und sauste nach unten, hinter sich den Tod. Fast war er unten, da erreichten ihn die Wassermassen. Sein Kamerad aber war zur Hand und half ihm mit einem Ruck aus dem Loch, er war frei und gerettet.“

Um Haaresbreite wäre somit der Vater von Jupp Martinelli ebenfalls tödlich verunglückt, aber jener Kamerad, der Fahrjunge Kühle, entriss seinen Kumpel dem Tod. Als kleine Wiedergutmachung für das Erlebte durfte Martinelli einen Monat später an einer Schifffahrt nach Madeira teilnehmen und erhielt dafür neben bezahlten Sonderurlaub auch vom EBV 30 Mark Taschengeld.

Für den Geretteten waren diese Monate des Jahres 1935 besonders schicksalhaft. Zuerst entging er dem Tod und während der Madeira-Fahrt starb in seiner Abwesenheit zu Hause sein Sohn Paul. Wie er sich in diesen Tagen wohl gefühlt haben mag, kann man sich wohl ausmalen.

Ein Wink des Schicksals

Vielleicht war es für ihn ein positiver Wink des Schicksals, als seine Frau vier Monate nach seinem Fast-Unglücksfall wieder guter Hoffnung war und am 19. März 1936 einen kräftigen Sohn gebar, dem — wie es sich bald herausstellen sollte — auch das besondere „Fußball-Gen“ des Vaters weitervererbt wurde. Trotz dieses „Fußball-Gens“ erinnert sich Alemanne Jupp Martinelli noch sehr gut an die „Fußballbeziehung“ zwischen ihm und seinem Vater, der leider am 29. August — also vor fast genau 60 Jahren — nur 52-jährig an einer Bergbauberufskrankheit starb.

So sorgte der Vater stets dafür, dass Sohn Jupp, der schon als 18-Jähriger in der 1. Mannschaft von Alemannia spielte, immer „auf dem Teppich“ blieb. Komplimente an seinen Sohn wehrte er nicht selten mit den Worten ab: „Jooh, der Sohn is jott. Dr is aber nit so jott wie si Vadda. Er kann och nit richtisch schieße un och nit köppe.“ Umso mehr strengte sich der Sohn an, um die Achtung des Vaters zu erhalten.

Die historisch gebildeten Fans der Alemannia werden sich im Nachhinein wohl ihr eigenes Urteil bilden können, nachdem Jupp Martinelli, trotz dieser vom Vater attestierten „Handicaps“, immerhin mit seiner Alemannia Deutscher Vize-Meister und Vize-Pokalsieger wurde.

Bevor das aber passieren konnte, hing das Schicksal von Josef und dadurch auch von Jupp Martinelli an einem seidenen Faden, welches dank der Geistesgegenwart des Fahrjungen Kühle an jenem 9. Februar 1935 nicht in den Wasser- und Schlammmassen der Grube Laurweg endete.

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