Geschlechtsoffene Erziehung: Junge? Mädchen? Nein, erst mal einfach ein Kind.

Geschlechtsoffene Erziehung : Junge? Mädchen? Nein, erst mal einfach ein Kind.

Jona soll frei von Geschlechterklischees und geschlechtsbezogenen Vorurteilen aufwachsen. Eine Aachener Familie versucht deshalb, das Kind geschlechtsoffen zu erziehen. Was bedeutet das? Und geht das überhaupt?

Jona spielt gerne mit Bauklötzen. Die machen so herrlich „Klonk!“, wenn man sie aneinanderhaut. Jona ist sehr neugierig, steckt alles in seinen Mund, was herumliegt, und beobachtet die Welt mit großen Augen. Ganz so wie es einjährige Kleinkinder eben machen. Wenn Jona weint, kommt ihn jemand trösten. Wenn Jona lacht, lachen alle mit. Jona ist ein fröhliches Kind mit blonden Haaren, die sich im Nacken etwas kräuseln. Ein niedlicher, aufgeweckter Junge. Oder vielleicht doch ein Mädchen? Denn Jona zieht auch gerne Kleider an oder spielt mit den Puppen ihrer älteren Schwester. Die haben so schöne wuschelige Haare. Ja, was denn nun?

Wenn Jonas Eltern, Lena und Ricarda, auf der Straße in Aachen gefragt werden, ob Jona ein Junge oder ein Mädchen ist, dann sagen sie: „Suchen Sie sich etwas aus!“ Oder um irritierte Blicke zu vermeiden, sagen sie einfach zu allem „Ja“, egal, was ihr Gegenüber vorschlägt. Wenn sie über Jona sprechen, dann ist Jona mal ein „er“ mal eine „sie“ mal ein „es“. Und das, obwohl sie ganz genau wissen, wie Jonas Körper aussieht. Denn Jona soll, so sagen sie, frei von Geschlechterklischees und geschlechtsbezogenen Vorurteilen aufwachsen.

Schon als Lena (28) mit Jona schwanger war, beschlossen sie und Ricarda (31), Jona geschlechtsoffen zu erziehen. „Wir möchten, dass Jona von Anfang an die freie Wahl hat. Jona soll selbstbewusst sagen: Ich bin Jona, ich entscheide selbst, wer ich bin oder sein will, und ich darf spielen und anziehen, was ich gerne mag“, sagt Lena, die wie Jona und Ricarda eigentlich anders heißt. Für ein Kind in dem Alter sei es ohnehin zunächst nicht wichtig, mit welchem Geschlecht es sich identifiziert. „Kinder wollen schlafen, essen, spielen und geliebt werden“, sagt Ricarda. „Alles andere ist Nebensache.“

Vor Stereotypen schützen

„Ich habe bei meiner älteren Tochter gemerkt, wie sehr es mich frustriert, sie nicht vor Geschlechterstereotypen schützen zu können. Das wollte ich bei meinem zweiten Kind anders machen“, sagt Lena. Sie ertrage es nicht, dass es schon im Kindergarten oft heißt: Du darfst nicht mitmachen, weil du ein Mädchen bist. Oder, dass Mädchen dies nicht sollen und das nicht dürfen.

Genauso aber wünsche sie sich auch, dass Jungen weinen und mit Puppen spielen können, ohne dafür schief angeguckt zu werden. „Klar kann ich rosa Sachen für ein Mädchen kategorisch ablehnen, aber darum geht es ja letztlich nicht.“ Jona darf sich daher beiden Geschlechtern gleichermaßen zugehörig fühlen.

„Kinder sind nicht geschlechtsneutral“

Doch eine Welt ohne Geschlechterstereotypen – geht das überhaupt? Der Entwicklungspsychologe Tim Rohrmann hält die Idee, ein Kind geschlechtsoffen zu erziehen, für problematisch. „Kinder sind nicht geschlechtsneutral. Sie haben Körper, die sie sehen können, und diese Körper interessieren sie. Wir wissen, dass Kinder Doktorspiele spielen und dass sie sich für die körperlichen Unterschiede interessieren“, sagt der Professor für Kindheitspädagogik an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim. „Es ist eine Allmachtsvorstellung, zu denken, dass wir Kinder vor Geschlechterrollen und -bildern, die in unserer Gesellschaft existieren, bewahren können, indem wir auf die Bezeichnung von Geschlechterunterschieden verzichten. Möglicherweise werden Kinder dadurch eher verwirrt.“

Der Psychologe und Autor des Buchs „Jungen und Mädchen in der KiTa. Körper, Gender, Sexualität“ beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren mit Geschlechterklischees und deren Überwindung. „Ich finde es vollkommen richtig, zu versuchen, mit der Sprache abzubilden, dass Piloten nicht immer nur Jungs sind und Krankenschwestern nicht immer nur Mädchen. Und dann ist es okay, einen geschlechtsneutralen Begriff zu suchen. Aber das zu einer Ideologie zu machen, die Geschlechterunterschiede ignoriert, halte ich für bedenklich“, sagt Rohrmann. Er wünsche sich vielmehr, „dass Kinder möglichst viele Verhaltensoptionen haben und nicht eingeschränkt werden in ihrer Entwicklung, indem ihnen klar gesagt wird, was ‚männlich‘ und was ‚weiblich‘ ist und wie sie sich ‚richtig‘ zu verhalten haben. Menschen sollen sich ganz einfach in ihrem Körper wohlfühlen, so wie er ist.“ Und dazu gehöre eben auch die Auseinandersetzung mit den Unterschieden.

Das Gefühl, dass die Welt bei der Geburt eines Kindes nur in rosa und blau, in Autos und Puppen eingeteilt wird, beschäftigt viele Eltern. Oft haben sie im Spielwarengeschäft gar keine andere Wahl, als sich für eindeutig geschlechterstereotypes Spielzeug zu entscheiden. Selbst Laufräder und andere Alltagsgegenstände sind kaum noch in neutralen Farben erhältlich. Gender-Marketing, also speziell auf Jungen oder Mädchen zugespitzte Werbung, tut sein Übriges.

In Schweden gibt es deshalb seit 2010 den nicht unumstrittenen Kindergarten „Egalia“. Dort sollen Kinder lernen, dass die traditionellen Lebensentwürfe, die sie aus ihrer eigenen Familie oder aus ihrem familiären Umfeld kennen, nicht die einzigen sind. Statt „Jungen“ und „Mädchen“ werden alle „Freunde“ genannt. Und statt der Pronomen „er“ oder „sie“ wird der geschlechtsneutrale schwedische Kunstbegriff „hen“ benutzt, ein Kompromiss aus „han“ (er) und „hon“ (sie). Klassische Märchenbücher sucht man dort vergebens, denn Märchen vermitteln Klischees, die in „Egalia“ nicht gerne gesehen werden. Bei Rollenspielen wie Vater, Mutter, Kind werden die Kinder ermutigt, stattdessen auch ungewöhnliche Varianten auszuprobieren. Trotz vieler Kritiker erfährt das Konzept auch viel Zustimmung. Die Warteliste für einen Kindergartenplatz ist lang.

Gender Creative Parenting

In den USA hat sich aus dem Ärger über die Geschlechterungerechtigkeit die „Gender Creative Parenting“-Bewegung entwickelt mit ganz ähnlichen Erziehungszielen wie bei Lena und Ricarda. Bekannt wurde die Bewegung im vergangenen Jahr vor allem durch Kyl und Brent Myers, die in einem Blog und auf Instagram über ihre Erfahrungen berichten, ihr Kind Zoomer geschlechtsoffen zu erziehen. Auf einem Bild hält Zoomer stolz einen gelben Bagger in die Kamera und trägt ein blaues Sweatshirt mit Pinguinen.

Auf einem anderen Bild hat Zoomer Zöpfe und spielt gedankenverloren mit einem Plüschhund oder lässt sich in grauem Shirt die Nägel blau lackieren.

Aber immer ist die Grundstimmung der Bilder und Videos fröhlich, ausgelassen und ungehemmt. Heile Welt.

„Das biologische Geschlecht sagt uns gar nichts über die Persönlichkeit des Kindes, über sein Temperament, seine Lieblingsfarbe, seinen Sinn für Humor, seine Einstellungen bezüglich des Klimawandels oder über irgendwelche anderen einzigartigen Merkmale“, begründet Kyl Myers ihren Schritt auf ihrem Blog. „Ein Grund, warum wir uns für diese Erziehungsmethode entschieden haben, ist, dass es intergeschlechtliche, trans und queere Menschen gibt.“ Das Spektrum der Geschlechter sei also wesentlich breiter als nur die Einteilung in Mann und Frau.

Und tatsächlich ist es auch auf rein biologischer Ebene nicht immer leicht zu definieren, was denn jetzt eigentlich weiblich und was männlich ist. Sind es die Chromosomen? Sind es die Hormone? Es gibt Kinder mit einem X- und einem Y-Chromosom, denen der Rezeptor für Tes­tosteron fehlt und die deshalb von Geburt an eine weibliche Anatomie haben. Und es gibt Kinder mit zwei X-Chromosomen, die einen erhöhten Testosteronspiegel aufweisen und deshalb muskulöser und größer sind als Durchschnittsfrauen. Und dann gibt es noch alle möglichen anderen Arten von Chromosomendefekten, wie zum Beispiel nur ein X-Chromosom oder XXY-Chromosomen. Medizinisch werden diese Fälle unter dem Begriff Intersexualität, also „Zwischengeschlechtlichkeit“ zusammengefasst. Die Zahl der Intersexuellen wird in Deutschland auf etwa 0,1 Prozent der Bevölkerung geschätzt. Für sie gibt es jetzt seit dem 1. Januar offiziell die Möglichkeit den Eintrag „divers“ im Geburtenregister vorzunehmen.

Dass es ein Spektrum von Geschlechtsidentitäten und -ausprägungen gibt, stellt auch Tim Rohrmann nicht infrage. Aber: „Ich wünsche mir weniger ideologische Extreme und mehr Orientierung an den tatsächlichen Bedürfnissen der Kinder“, sagt er. „Ich bin der Meinung, dass sich ein Kind nicht entscheiden kann, welches Geschlecht es hat, aber dass es sich entscheiden kann, wie es sich verhalten möchte. Ein Kind als Beweis für eine Theorie – das finde ich unethisch.“

Nicht geschlechtsneutral, sondern geschlechtsoffen

Lena und Ricarda verstehen seine Aufregung nicht. Sie finden ihren Ansatz praktisch, nicht ideologisch. „Wir wollen das Geschlecht ja nicht aus Jona herauserziehen. Darum geht es nicht“, sagen sie. Deswegen betonen sie auch, dass sie Jona nicht geschlechtsneutral, sondern geschlechtsoffen erziehen. Sie seien ebenfalls der Meinung, dass man sich sein Geschlecht nicht aussuchen kann. Aber es könne eben sein, dass die Körpermerkmale nicht dem empfundenen Geschlecht entsprechen. Diesen aufreibenden Identitätsfindungsprozess wollen sie Jona ersparen.

„Jona soll einfach von allen Menschen gleich behandelt werden und das scheint nur zu funktionieren, wenn sie nicht wissen, ob ihnen ein Junge oder ein Mädchen gegenübersteht.“ Und sie wollen ihre Mitmenschen bewusst zum Nachdenken anregen, was denn Geschlecht überhaupt bedeutet. „Warum schließen wir aus der Anatomie eines Körpers direkt auf das Geschlecht?“ Ihrer Meinung nach ist es ein hauptsächlich soziales Konstrukt der Gesellschaft.

Allerdings kommen die Gedanken der beiden nicht von ungefähr: Ricarda hat selbst die Erfahrung gemacht, wie es ist, sich gegen die Geschlechtsidentität wehren zu müssen, die ihr von außen bei der Geburt zugewiesen wurde. Sie ist eine trans Frau, wuchs also als Junge auf, obwohl sie eigentlich eine Frau ist. Kurz nach der Zeugung von Jona begann sie mit einer Hormontherapie und ließ mittlerweile sogar beim Amtsgericht eine Namen- und Personenstandsänderung vornehmen „Ich habe etwa 25 Jahre meines Lebens gebraucht, um für mich klar festzustellen, dass ich eben doch eine Frau bin.“ Ihr hätte es sehr geholfen, wenn ihre Eltern ihr Geschlecht so offen gelassen hätten, wie sie es jetzt bei Jona tut, sagt sie.

Ungleiche Behandlung

Die Entwicklungspsychologin Stefanie Höhl von der Universität Wien kann den Wunsch der beiden, Jona geschlechtsoffen zu erziehen, gut verstehen. „Wir alle behandeln Mädchen und Jungen unbewusst unterschiedlich und belasten sie so mit Vorurteilen – das haben zahlreiche Experimente gezeigt“, sagt sie. In den Experimenten sollten Erwachsene mit Kleinkindern spielen. Sie hatten unterschiedliches Spielzeug zur Auswahl. Bei den Jungen griffen die Versuchspersonen fast ausschließlich zu Autos und Bällen, bei den Mädchen zu den Puppen und berichteten hinterher, dass die Kinder das Spielzeug selbst klar bevorzugt hätten. Was sie nicht wussten: In den rosa Kleidchen steckten Jungen, in den blauen Hosen Mädchen. Wer hat also was bevorzugt?

Auch würden Eigenschaften, die als typisch weiblich oder männlich angesehen werden, oft unbewusst verstärkt, sagt Höhl. So werde beispielsweise angenommen, dass Mädchen von Natur aus geduldiger sind als Jungen – man fordere diese Geduld aber auch ein, indem man Mädchen oftmals länger warten lässt.

Als problematisch erscheint Stefanie Höhl aber vor allem die praktische Umsetzung der geschlechtsoffenen Erziehung. „Ich stelle es mir im Alltag sehr stressig vor, sich ständig erklären zu müssen und gegen die gesellschaftlichen Normen anzukämpfen“, sagt sie. Das erfordere nicht nur viel Mut, sondern auch ein sehr dickes Fell gegen Anfeindungen und Unverständnis.

Ablehnung und Unverständnis

Und tatsächlich reagierte selbst die engste Familie von Lena und Ricarda zunächst ablehnend. „Mein Vater hält das für Quatsch“, sagt Ricarda. Auch Lenas Mutter habe wenig Verständnis gezeigt. „Mittlerweile haben sie aber aufgegeben, mit uns darüber zu streiten und unsere Entscheidung akzeptiert“, sagen sie.

Doch ist bekannt, ob eine solche Erziehung einem Kind wirklich nutzt – oder könnte sie sogar schaden? „Es ist insgesamt ein Experiment mit ungewissem Ausgang, denn Studien gibt es dazu nach meinem Wissen noch keine“, gibt Stefanie Höhl zu bedenken. Allerdings sei jede Elternschaft ja irgendwie auch ein Experiment, befinden Lena und Ricarda. „Keiner weiß im Vorhinein, wie sich Kinder entwickeln. Das macht die Sache ja so spannend“, sagt Lena. Vielleicht entscheide Jona sich schon sehr früh dafür, lieber als Mädchen oder als Junge wahrgenommen werden zu wollen. Vielleicht spiele es aber auch überhaupt keine Rolle. „In der Spielgruppe klappt das gut. Die meisten legen sich bei Jona einfach auf das eine oder das andere Geschlecht fest, und es ist beides okay für uns.“

Aber natürlich habe sie den Wunsch, Jona weder zu überfordern noch zu belasten. „Die Basis der Kritik, die uns gegenüber geäußert wird, ist oft meinungsgetrieben. Wir wissen doch noch gar nicht, was eine solche geschlechtsoffene Erziehung mit Kindern macht. Aber schlechter, als einem Jungen zu verbieten zu weinen oder einem Mädchen zu matschen, kann es doch auch nicht sein, oder?“

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