Aachen: Junge Flüchtlinge: Schulen stocken auf

Aachen: Junge Flüchtlinge: Schulen stocken auf

Der Strom reißt nicht ab. Beinahe täglich erreichen neue unbegleitete minderjährige Flüchtlinge Aachen. Einen genauen Überblick zu erhalten, ist ungemein schwer. Laut Verwaltung sind es seit diesem Jahr zwischen 40 und 50 junge Ausländer, die von der Polizei monatlich aufgegriffen werden.

„Die Zahl wächst an“, bestätigt auch Bildungsdezernentin Susanne Schwier. „Wir wollen diese jungen Menschen, die oftmals Traumatisches erlebt haben und monatelang unterwegs waren, hier in Aachen willkommen heißen.“ Dazu zählt unter anderem eine vernünftige Beschulung. Einen wichtigen Baustein hierzu liefern die Berufskollegs in Stadt und Städteregion. Sie besitzen seit Jahren Erfahrung darin, jungen Ausländern den Einstieg ins Schulsystem zu ermöglichen. Zum kommenden Schuljahr werden sie — wie auch andere Schulformen — ihr Angebot ausweiten.

Gespräche mit dem Ministerium

Das Berufskolleg Simmerath/Stolberg führt bereits seit Jahren zwei Internationale Förderklassen (IFK). Die Käthe-Kollwitz-Schule (KKS) in Aachen wird nach den Sommerferien eine dritte Förderklasse einrichten. Zusätzlich steigt auch die Mies-van-der-Rohe-Schule ab August mit einer IFK ein. Insgesamt stehen dann allein an diesen drei Berufskollegs der Städteregion 120 Plätze für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zur Verfügung. „Und weitere Berufskollegs haben zugesagt, ebenfalls Förderklassen anzubieten, sollten die dann vorhandenen Kapazitäten nicht ausreichen“, sagt Hans Pontzen, Leiter der KKS, im Namen seiner Kolleginnen und Kollegen.

Das Thema ist hochbrisant und beschäftigt seit Monaten Politik, Verwaltung und Schulen. Vor allem aus den afrikanischen und arabischen Krisengebieten machen sich die jungen Menschen auf den Weg nach Deutschland. Viele werden schließlich von der Bundespolizei an der Grenze nahe Aachen aufgegriffen und vor Ort untergebracht.

Im Schulausschuss legte die Verwaltung zuletzt einen Status-quo-Bericht der sich ständig ändernden Gemengelage vor. So wurden Mitte Mai 330 Jugendliche in Aachen betreut. Ein Problem stellt schon die Unterbringung dar. So müssen immer wieder einige Ankömmlinge in Hotels untergebracht werden, da die entsprechenden Einrichtungen für Jugendliche hoffnungslos überfüllt sind. Und auch an den Schulen kommt es immer wieder zu Engpässen: So konnten laut Verwaltung im Mai 72 Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I nicht unterrichtet werden, in der Sekundarstufe II waren es vier.

„Die unterschiedlichen Schulformen zeigen aber glücklicherweise immer mehr Bereitschaft, Internationale Förderklassen einzurichten“, freut sich Schwier, dass zumindest in Teilen eine Entspannung der Lage in Sicht ist. In dieser Woche finden laut der Aachener Bildungsdezernentin Gespräche mit Vertretern des NRW-Schulministeriums, der Bezirksregierung, der Schulaufsicht und dem Schulbetrieb statt. Thema: Wie kann die Situation weiter entschärft werden? Räumlich, so Schwier, sei man an Aachens Schulen gut aufgestellt. Doch personell können die zusätzlichen Herausforderungen durch neue IFK zu Engpässen führen. Land und Bezirksregierung haben momentan große Probleme, qualifizierte Lehrkräfte für die IFK zu finden.

An den Berufskollegs verweist man gerne auf die große Erfahrung, die man seit Jahren im Bereich der Beschulung ausländischer „Seiteneinsteiger“ hat. „Wir feiern im kommenden Jahr bereits das 20-jährige Bestehen unserer Internationalen Förderklasse“, erzählt Ingrid Wagner, Schulleiterin am BK Simmerath/Stolberg. Das Entscheidende an den BK: Nach den Internationalen Förderklassen bieten sie den jungen Flüchtlingen weitere Perspektiven an.

So gibt es an der KKS das Berufsorientierungsjahr und das Berufsgrundschuljahr mit Sprachförderung. Dieses Konzept, betont Martina Lützeler, IFK-Lehrerin an der KKS, helfe den Jugendlichen, einen Schulabschluss und so — vorausgesetzt, sie erhalten mit Volljährigkeit eine Aufenthaltserlaubnis — eine Perspektive zu erhalten. „Wir wollen deutlich machen: Die Berufskollegs reagieren, wenn es darum geht, junge Flüchtlinge mit Unterricht zu versorgen“, sagt Hans Pontzen.

Nicht überall sei die Vielfalt der Bildungsgänge, die die BK im Angebot haben, bekannt. Auch und gerade, was die Arbeit im Bereich der IFK angehe, so Pontzen. Besonders den Flüchtlingen, die 16 Jahre und älter sind, will man an den Berufskollegs Wege aufzeigen, wie ein Neustart mit Zukunftsperspektive in einem fremden Land gelingen kann. Eine Botschaft wollen alle Akteure vermitteln: Jungen Flüchtlingen wird in Aachen geholfen.

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