Aachen: Johannes Honecker ist immer neugierig auf unbekannte Musikformen

Aachen : Johannes Honecker ist immer neugierig auf unbekannte Musikformen

Der Madrigalchor Aachen ist einer der besten Kammerchöre der Stadt. Zusammen mit „Carmina Mundi“, dem Jungen Chor Aachen sowie dem Kammerchor Aachen gehörte er vor bald zehn Jahren zu den wesentlichen Geburtshelfern der Chorbiennale. In den vergangenen 25 Jahren wurde er von Hans Leenders geleitet.

Jetzt steht dem Ensemble — Spezialist für Alte Musik — ein Mann mit einem noch ganz jungen Gesicht vor: Johannes Honecker ist 25 Jahre alt und derzeit Student. Im Interview mit AZ-Mitarbeiterin Rauke Xenia Bornefeld spricht er über das, was die Zuhörer vom Madrigalchor in nächster Zeit erwarten dürfen: Alte und neue Musik — möglichst wenig oder gar nicht gehört.

Wie würden Sie sich als Chorleiter beschreiben?

Johannes Honecker: Ich bin immer aufgeschlossen gegenüber neuen Dingen und vor allem gegenüber neuer Musik. Ich bin neugierig auf Musik, die man noch nicht gehört hat und auch neugierig darauf, bekannte Musik neu zu interpretieren.

Interessant. Können Sie das ausführen?

Honecker: Schaut man in die Alte Musik, findet man Dirigenten wie Nikolaus Harnoncourt, die die Aufführungsmethoden Alter Musik revolutioniert haben. Sie haben alte Quellen wiederentdeckt wie die Violinschule von Leopold Mozart oder die „Kunst des Klavierspiels“ von Carl Philipp Emanuel Bach, sich wissenschaftlich damit auseinandergesetzt und für unsere Ohren ganz neue Klänge entwickelt.

Das ist ja keine Neuinterpretation, sondern eher ein Versetzen der musikalischen Praxis in den Ursprung zurück.

Honecker: Ja, aber so sind ganz neue Möglichkeiten entstanden. Zum Beispiel muss man das Continuo bei der Aufführung der Matthäus-Passion nicht in jeder Arie gleich besetzen. Man kann mit den verschiedenen Instrumenten — Cembalo, Theorbe (Anm. d. Red.: gehört zur Familie der Lauteninstrumente), Orgel und anderen — viel mehr spielen. Ich denke, da gibt es noch viele Möglichkeiten, die ich gern ausloten möchte.

Wie charakterisieren Sie den Madrigalchor?

Honecker: Der Madrigalchor ist in erster Linie eine Freundesgruppe, die gern miteinander singt und sich auch außerhalb der Proben gern trifft. Ihr gemeinsames Ziel ist, anspruchsvolle A-cappella-Musik zu machen. Dieser Anspruch ist aber unter diesen Freunden entstanden. Neue Sänger kommen wegen dieses gesanglichen Niveaus, finden aber meistens schnell ebenfalls Freunde.

Und wie sehen Sie den Chor musikalisch?

Honecker: Gerade in der Alten Musik ist der Chor sehr versiert. Da hat er sehr viel Erfahrung. Zu den Stücken von Heinrich Schütz und Johann Hermann Schein, die ich jetzt zum Beispiel für unser erstes gemeinsames Programm ausgewählt habe, hatten die Sängerinnen und Sänger gleich eine sehr gute Verbindung. Ich konnte sofort musikalisch mit dem Chor arbeiten, an den Klang gehen. Bei anderen Stücken bin ich manchmal verwundert, dass wir an Stellen stehen bleiben, mit denen ich nicht gerechnet habe. Das sind meistens neue Werke, in denen es nicht tonal bleibt. Die haben wir aber jetzt auch im Programm. Das bekommen wir schon hin (lacht).

Was bedeutet für Sie selbst singen?

Honecker: Ich habe unglaublich viel Freude beim Singen. Ich habe von klein auf immer gesungen. Mit fünf Jahren bin ich in den ersten Kinderchor eingetreten, habe später in verschiedenen Jugendchören gesungen, und auch heute singe ich noch — zum Beispiel an der Hochschule für Musik und Tanz Köln im Kammerchor. Und jetzt bin ich eben Chorleiter…

Ist das der normale Weg, wenn man begeistert ist vom Singen?

Honecker: Nein, es kommen noch Dinge dazu. Gleich zu Beginn meines Studiums bot sich mir die Gelegenheit, die Leitung des Kirchenchores St. Anna Walheim zu übernehmen. Durch diese Praxis — ich habe den Chor fünf Jahre geleitet — habe ich viel gelernt. Und zunächst habe ich ja Lehramt studiert. Das passt: Ein Lehrer und ein Sänger ergeben zusammen einen Chorleiter (lacht).

Und wie wird man Leiter des Madrigalchores?

Honecker: Ich bin vom Chor gewählt worden. Es gab insgesamt sechs Bewerber und der Chor hat sich nach einer Bewerbungsprobe für mich entschieden. Dort musste ich ein Pflichtstück, das zum Repertoire des Chores gehört, proben. Ein weiteres, das der Chor nicht kannte, habe ich selbst mitgebracht und anschließend gab es noch ein Gespräch mit den Sängern. Und dann hat sich der Chor für mich entschieden. Worüber ich mich sehr freue! (lacht.)

Hatten Sie Manschetten vor der Bewerbungsprobe? Immerhin gehört der Madrigalchor zu Aachens Chorelite.

Honecker: Ja, ich war vorher schon nervös. Aber in der Probe sehr schnell nicht mehr. Es hat einfach funktioniert. Wenn ich mit einem Chor arbeite, bin ich sehr schnell ganz bei der Musik.

Ist das Ihre Persönlichkeit, oder gab es gleich eine Verbindung zu diesem Chor?

Honecker: Wohl ein bisschen von beidem. In den vergangenen fünf Jahren habe ich Erfahrung mit verschiedenen Ensembles gesammelt. Ich bin dennoch mit der Einstellung in die Bewerbungsprobe gegangen, dass ich als junger Dirigent von 25 Jahren nichts zu verlieren habe. Aber es hat auch einfach gepasst. Ich konnte sofort mit dem Chor Musik machen. (Überlegt.) Das war schon schön. Ich hatte ein Stück von Charles Villiers Stanford, „Beati Quorum“ aus den drei Motetten op. 38, mitgebracht — ein romantisches Stück. Man konnte es ganz gut vom Blatt singen, aber der Chor lieferte auch sofort einen tollen Klang, dass ich dachte: „Oh, das macht Spaß!“ In der ersten Probe sind ja noch nicht alle Töne wichtig, sondern dass man am Ende der Probe gut zusammen musizieren kann und dass man den Eindruck gewinnt, das Stück nach einer angemessenen Probenphase auf den Punkt bringen zu können. Das war alles bei der Bewerbungsprobe da. Ich weiß nicht, was mich beruflich noch erwartet, aber diesen Chor gebe ich so schnell nicht wieder auf. Für den Madrigalchor würde ich auch weitere Wege in Kauf nehmen als von Köln nach Aachen.

Ihr Vorgänger, Hans Leenders, hat den Madrigalchor 25 Jahre geleitet — so viele Jahre, wie Sie gerade alt sind. Was machen Sie anders?

Honecker: Hm. Ja, es ist ein Generationenwechsel. Hans Leenders hat spürbar sehr gute Arbeit geleistet. Aber ich kenne ihn nicht so gut, als dass ich einschätzen könnte, was ich anders mache. Ich kann nur sagen, was ich mit dem Chor vorhabe. Unser Markenkern ist und bleibt die Alte Musik. Sie wird immer eine Rolle spielen. Persönlich wichtig finde ich, dass wir moderner in der Präsenz werden. Zum Beispiel sichtbar in den sozialen Netzwerken werden. Dass sich jeder einfach ein Video vom Chor bei Youtube ansehen kann. Dafür habe ich schon einige neue, studentische Mitstreiter im Chor gefunden.

Welche musikalische Stilrichtung liegt Ihnen denn persönlich am Herzen?

Honecker: Grundsätzlich fälle ich alle musikalischen Pläne mit dem Chor gemeinsam. Generell bin ich offen für das, was ein Kammerchor leisten kann. Ich habe selbst Spaß an Alter Musik. Aber mir liegt auch die neue Musik sehr am Herzen, allein weil ich an der Kölner Musikhochschule Komponisten und ihre Musik kennenlerne. Die schreiben teilweise wirklich tolle Sachen, die die Chance bekommen sollten, aufgeführt zu werden. Es ist auch eine Chance für Zuhörer, Musik zu hören, die vorher noch niemand gehört hat. Das gilt aber auch für Komponisten der Alten Musik, die heute ein Schattendasein führen, wie zum Beispiel Antonio Lotti, Francesco Cavalli oder Melchior Frank.

Graben Sie in Archiven?

Honecker: Manchmal mache ich das gerne. Die Bibliothek der Musikhochschule bietet da einen reichen Fundus. Gerade wenn ich ein Konzertprogramm zusammenstelle, ist das eine gute Adresse — wie jetzt für unser Themenkonzert „Verleih uns Frieden“. Mir ist wichtig, dass alle aufgeführten Werke einen Bezug zu diesem Thema haben.

Apropos Hochschule: Sie sind noch Student. Im Masterstudium Lehramt und gleichzeitig im Bachelorstudium Dirigieren. Außerdem leiten Sie einige Chöre und singen selbst. Wie viele Stunden schlafen Sie?

Honecker: (lacht) Normalerweise acht Stunden. Das nehme ich mir immer wieder vor. In der Vorlesungszeit wird es aber schon mal knapp mit dem Schlaf. Ich habe an vier Abenden in der Woche Chorprobe und muss dann meistens noch mit dem Zug eine Stunde nach Köln nach Hause fahren.

Ist das Beruf oder Berufung?

Honecker: (überlegt) Wahrscheinlich Berufung — ich verdiene ja nicht besonders viel Geld damit. Wenn ich nicht mehr Student bin und als Chorleiter meinen Lebensunterhalt verdienen will, kann das schon eine Existenzfrage sein.

Ist das trotzdem Ihr Weg? Sie könnten ja auch als Lehrer den Schulchor leiten. Allerdings wahrscheinlich mit einem anderen Niveau als der Madrigalchor ihn jetzt hat.

Honecker: Gemeinsames Musizieren erfreut mich. Das kann auch in einem Schulchor gelingen — vielleicht findet die Arbeit dann auf einer anderen Ebene statt. Auch musikalisch kann man da viel schaffen, aber in erster Linie ist man als Erzieher stolz darauf, dass die Schüler das erreicht haben, was ihnen möglich war und sie den Spaß an der Musik entdeckt haben.

Das ist Zukunft. In der Gegenwart arbeiten Sie an Ihrem ersten Konzert mit dem Madrigalchor. Was erwartet uns?

Honecker: Es ist, wie gesagt, ein Konzert mit dem Titel „Verleih uns Frieden“. Es ist ein Konzert zum 400-Jahr-Gedenken 30-jähriger Krieg. Das lässt sich gut mit Alter Musik verbinden. Aber auch neue Musik ist gut denkbar, denn Krieg und Frieden ist ja ein immerwährendes Menschheitsthema. Stücke von Schütz und Schein kombinieren wir mit Werken aus dem 20. und 21. Jahrhundert. Die bekanntesten neuzeitlichen Komponisten im Programm sind wohl Benjamin Britten und Avo Pärt. Wir haben aber auch John August Pamintuan von den Philippinen und Beat Furrer im Programm — sicher eine Überraschung für die Zuhörer.

Der Madrigalchor hat die Chorbiennale als einer von vier Initiativchören ins Leben gebracht. 2017 ist der Madrigalchor in der starken Intensität nicht dabei gewesen. Wie sieht es 2019 aus?

Honecker: Ich stehe mit den anderen Chorleitern in Kontakt und ganz sicher wird der Madrigalchor 2019 bei der Chorbiennale in Erscheinung treten, aber das Wie ist im Moment noch in Arbeit.

Was haben Sie mit dem Chor sonst noch vor?

Honecker: Ich freue mich auf Reisen mit dem Chor. Das ist dem Chor sehr wichtig und ich trage es gern mit. Ich möchte den Chor auch gern fürs Muszieren mit Orchester öffnen, aber weiterhin für kleine Besetzung. Im Moment arbeite ich einfach viel am Klang. Mein Ideal ist ein satter, aber ausgeglichener Sound — auch mit einem kleinen Ensemble. Da sind wir auf einem guten Weg. Ich würde auch gern einmal eine CD-Aufnahme machen, was sicherlich für den Chor und für mich als neuen Chorleiter hinsichtlich der Positionierung in der Kulturlandschaft interessant wäre. Aber das stimme ich mit dem Chor ab.

Sie vertreten die demokratische Variante des Chorleiters?

Honecker: Ja, ich höre gern zu, welche Wünsche aus dem Chor kommen. Ich glaube, damit steigt die Bereitschaft im Chor, Pläne mitzutragen. Ich habe ja auch meine Ideen, für die ich den Chor möglicherweise erst noch begeistern muss. Am Ende treffe ich allerdings die musikalische Auswahl. Ich muss entscheiden, ob ein Stück auch vom Chor zu bewältigen ist. Wenn jemand unbedingt ein 16-stimmiges Werk aufführen will, muss ich leider sagen, dass wir die Besetzung dafür nicht haben. Aber auch bei der Organisation von Konzerten bin ich wesentlich auf die Mitwirkung der Chormitglieder angewiesen.

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