Jobcenter der Städteregion lobt Teilhabechancengesetz

Raus aus der Arbeitslosigkeit nach 16 Jahren : Mit 51 Jahren in ein neues Leben starten

Für Claudia Henschel hat ein neues Leben begonnen. Das mag pathetisch klingen, bringt die Sache aber ziemlich genau auf den Punkt. In ihrem ersten Leben war Claudia Henschel Mutter und Hausfrau. Ihre Ausbildung zur Arzthelferin hatte sie abgebrochen, nachdem sie schwanger geworden war, und sich fortan um Kind, Mann und Haushalt gekümmert.

Alles war in Ordnung – bis die Ehe vor 16 Jahren in die Brüche ging und Henschel plötzlich auf sich selbst gestellt war. Ohne Arbeit und ohne Qualifizierung blieb zunächst einmal nur eins: Hartz IV.

Immer noch muss die 51-Jährige den Kopf schütteln, wenn sie, wie im Gespräch mit unserer Zeitung, ihre Geschichte erzählt. Aushilfstätigkeiten hat sie angenommen, um über die Runde zu kommen, meistens als Verkäuferin und immer nur für kurze Zeit. Dann war der Job wieder weg, und mit ihm die Hoffnung auf bessere Zeiten.

So ging es viele Jahre, bis Claudia Henschel ins Programm des städteregionalen Jobcenters aufgenommen wurde. „Das war der Start in ein neues, zweites Leben“, stellt sie heute fest. Und: „Das ist das Beste, was mir jemals passiert ist.“

Nach einem Vorbereitungskurs beim Verein für allgemeine und berufliche Weiterbildung (VabW) wurde die Alsdorferin als Sozialhelferin an den Kinderschutzbund Eschweiler vermittelt. Dieser ist Träger des offenen Ganztagsbetriebs an fünf Grundschulen in der Stadt. Eine von ihnen ist die Eduard-Mörike-Grundschule, an der Claudia Henschel seit mittlerweile anderthalb Jahren im „Kids Klub“ und im offenen Ganztag arbeitet.

Anfangs war das im Rahmen der Bundesinitiative „soziale Teilhabe“, die allerdings eine gemeinnützige und „wettbewerbsneutrale“ Beschäftigung zur Auflage macht. Mittlerweile aber wird Henschel im Zuge des am 1. Januar 2019 in Kraft getreten Teilhabechancengesetzes beschäftigt. Es ist unter anderem darauf angelegt, Menschen in Arbeit zu bringen, die in den vergangenen sieben Jahren mindestens sechs Jahre lang Hartz-IV-Leistungen erhalten haben – und zwar dauerhaft.

Entsprechende Arbeitgeber

Stefan Graaf, Geschäftsführer des Jobcenters für die Städteregion, war schon vor der Umsetzung des neuen Gesetzes voll des Lobes gewesen und hatte von einer „kleinen Revolution“ gesprochen. Denn es biete die „historische Chance, endlich Arbeit statt Arbeitslosigkeit zu finanzieren“. Graaf sieht sich durch die Praxiserfahrungen bestätigt und mit ihm der für den Bereich Teilhabe verantwortliche Teamleiter Kurt Rieder: „Das Teilhabechancengesetz macht es den Betroffenen möglich, sich auch in einem fortgeschrittenen Lebensalter noch eine neue Perspektive zu schaffen.“

Allerdings bedarf es dafür auch der entsprechenden Arbeitgeber. Finanziell bietet ihnen das neue Gesetz eine große Unterstützung. In den ersten beiden Jahren übernimmt das Jobcenter 100 Prozent der Lohnkosten. „Und zwar auf das tarifliche Entgelt, nicht auf den Mindestlohn“, unterstreicht Rieder. In den folgenden drei Jahren – derzeit ist das Programm auf fünf Jahre und bis maximal Ende 2024 beschränkt – wird der Zuschuss dann schrittweise auf 70 Prozent heruntergefahren. „Aber unabhängig vom Geld muss man am Anfang sehr viel investieren“, betont Kurt Rieder, dass die Menschen und ihre oftmals schwierige Biografie – zusätzlich zur Begleitung durch einen Fallmanager des Jobcenters und die parallel laufenden Qualifizierungsmaßnahmen – eine intensive Betreuung benötigen.

Eine Win-win-Situation

Für den Kinderschutzbund hat sich der „Aufwand“ in jedem Fall gelohnt. Die Eschweiler Vorsitzende Mariethres Kaleß schwärmt regelrecht von der „neuen“ Kollegin, die mittlerweile als Erziehungsassistentin tätig ist. „Sie ist sehr interessiert und motiviert, nimmt an vielen Fortbildungen teil und arbeitet mit großer Begeisterung mit den Kindern.“ Der stellvertretende Vorsitzende Michael Müller-Vorbrüggen spricht von einer Win-win-Situation. „Der Kinderschutzbund Eschweiler ist mehr als unterfinanziert. Die zusätzliche Arbeitskraft, die wir jetzt beschäftigen können, kommt in vollem Umfang den Kindern zugute.“

Der Kinderschutzbund will sich deshalb auch intensiv darum bemühen, die weitere Finanzierung der Stelle von Claudia Henschel nach Ablauf der staatlichen Förderung aus eigener Kraft stemmen zu können. Das wiederum ist ganz im Sinne des Gesetzes, betont Kurt Rieder: „Es geht nicht darum, kurzfristig personelle Engpässe in Unternehmen zu überbrücken, sondern dafür zu sorgen, dass die über das Teilhabechancengesetz vermittelten Menschen nie mehr auf Hartz IV angewiesen sein werden.“

Die Chancen, dass dieses Ziel erreicht werden kann, stuft Rieder als ziemlich hoch ein. Nicht nur bei Claudia Henschel, sondern in den meisten der rund 130 Fälle in der Städteregion, in denen das neue Teilhabechancengesetz bei Langzeitarbeitslosen nach Angaben des Jobcenters derzeit zum Tragen kommt.