Aachen: Jeder Stuhl erzählt eine spannende Lebensgeschichte

Aachen : Jeder Stuhl erzählt eine spannende Lebensgeschichte

„Jeder Stuhl hat eine eigene Geschichte, eine Lebensgeschichte”, sagt Gabi Laumen, Pastoralreferentin für Behindertenseelsorge, bei der Eröffnung der Ausstellung „Stuhl frei. Nehmen Sie bitte Platz!”. Im gesamten Bistum Aachen hatten Menschen mit verschiedenen Behinderungen 270 Holzstühle, noch in ihren Einzelteilen, kreativ gestaltet.

„Mit den Stühlen drücken die Künstler aus, welchen Platz sie als Menschen mit Behinderungen in der Gesellschaft oder in der Kirche haben möchten”, erklärte Generalvikar Manfred von Holtum die Idee hinter der Aktion. Einer der Künstler, Uwe Ortmanns, hat sich durch die kreative Arbeit ein neues Ziel gesetzt: „Ich möchte demnächst einen Marathon laufen.”

Denn durch die Auseinandersetzung mit der Frage, wo sein Platz in der Gesellschaft sei, habe er direkt ans Laufen gedacht. Denn in seinem Sportverein werde er mit seiner Lernbehinderung voll akzeptiert. Das spiegelt auch sein Kunstwerk wieder: Knallrot und gelb leuchtet es, behangen mit gewonnen Medaillen, die Stuhlbeine stecken in angesprayten Joggingschuhen. Und über der Rückenlehne lächelt Uwe Ortmanns Gesicht breit auf einem lebensgroßen Foto.

Durch die Aktion sollten die Beteiligten, ob behindert oder nicht behindert, ihre Kreativität mit Freude ausleben, aber auch neue Impulse bekommen. „Beim Gestalten der Stühle kamen schnell Begabungen und Fähigkeiten ans Licht. Und die Behinderten konnten untereinander Kontakte knüpfen”, berichtete Franz-Josef Breuer, Abteilungsleiter der Behindertenseelsorge. Gabi Laumen war auch die Vernetzung der verschiedenen Einrichtungen im Bistum wichtig: „Gemeinsam erreichen wir viel mehr, vor allem in der Öffentlichkeit.”

Wer sich die Ausstellung aufmerksam anschaut, erfährt nämlich eine Menge über die Künstler und ihre Behinderungen, ihre Träume und ihr Leben. Ein Teilnehmer, der durch einen Schlaganfall die Sehkraft verloren hat und seitdem im Rollstuhl sitzt, hat seine Verzweiflung ausgedrückt: Auf dem unbehandelten Holzstuhl liegt ein Holzkäfig, in dem eine Puppe mit Augenbinde im Rollstuhl sitzt. „Gefangen im eigenen Körper” fühlt sich der Künstler.

Ein anderer Stuhl erzählt von dem Hobby seines Bastlers: der Schüler Stephan Wiech ist großer Alemannia-Fan und hat auf der schwarz-gelben Sitzfläche sogar Autogramme gesammelt. Jan Keysers und Hans-Josef Heckers haben bei der Stuhlgestaltung ihren baldigen Umzug in ein „betreutes Wohnen” thematisiert: Auf der Sitzfläche ihres Stuhles steht ein Pappmodell von ihrem zukünftigen Wohnhaus.

Demnächst soll auch eine Dokumentation über die Kunstaktion erscheinen. Die Ausstellung ist in der Sparkasse Aachen, Friedrich-Wilhelm-Platz 1-4, in der Citykirche St. Nikolaus sowie im August-Pieper-Haus noch bis zum 9. April zu sehen.