Aachen: Islamischer „Jugendaufruf“ in Briefkästen

Aachen: Islamischer „Jugendaufruf“ in Briefkästen

Aus ungezählten Briefkästen haben Aachener in den vergangenen Tagen den — zumindest irritierenden — „Brief Imam Chamene‘is an die Jugend in Europa und Nordamerika“ gefischt. Vor allem in Brand hatten verschleierte Frauen und Kinder das zweiseitige Schreiben quasi als „Hauswurfsendung“ zugestellt. Der Staatsschutz wurde informiert.

In der deutschen Übersetzung eines Briefes des iranischen Staatsoberhauptes wird ausdrücklich die westliche Jugend aufgefordert, sich selbst über den Islam zu informieren. Chamene‘ i wirft dem Westen in scharfen Formulierungen vor, seine Bürger gezielt mit Hetzpropaganda zu belügen. „Mit diesen Zeilen wende ich mich auch nicht an Eure Politiker und Regierungsverantwortlichen, denn ich bin mir sicher, dass sie bewusst den Weg der Politik von dem Weg der Aufrichtigkeit und Rechtschaffenheit getrennt haben“, schreibt er.

Der „oberste Religionsführer“ beschwört die Jugend wenige Tage nach verschiedenen Terrorakten in Europa: „Gestattet nicht, dass sie Euch heuchlerisch die Terroristen, die sie selber angeheuert haben, als Repräsentanten des Islams vorstellen. Lernt den Islam über die echten Quellen und die Quellen aus erster Hand kennen.“

Der Brief wird in Deutschland über den Bremer Verlag Eslamica und ein islamisches Internetportal verbreitet — verbunden mit dem Aufruf, besagtes Schreiben herunterzuladen, zu kopieren und zu verbreiten, wie ein Sprecher des Verlags am Dienstag auf AZ-Anfrage einräumte. Hingegen lehnen Aachener Religionsführer diese Vorgehensweise und teilweise auch den Inhalt des islamischen „Jugendbriefes Chamene‘is“ ab.

„Wir halten gar nichts von solchen Aktionen“, erklärte Amin Daneshmand für den Vorstand des Islamischen Vereins Aachen. „Wir wissen noch nicht, wer da womöglich in gutem Glauben und vielleicht auch etwas naiv gehandelt und verteilt hat. Das ist jedenfalls keine Aktion von uns. Der Effekt ist wohl eher das Gegenteil von dem, was wir im interreligiösen Dialog gerade hier in Aachen friedlich erreichen möchten. So irritiert man die Leute nur“, sagte er. Zum Inhalt wollte er sich nicht äußern.

Etwas präziser wird Abdurrahman Kol, der Vorsitzende der Türkisch-Islamischen Gemeinde (Ditib), die gerade die Yunus-Emre-Moschee im Ostviertel baut: „Natürlich ist es falsch, alle Schuld allein dem Westen zuschreiben zu wollen“, sagte er. „Ich weiß nicht, warum man so etwas macht — das schürt nur unnötig weitere Vorurteile“, erklärte Kol. „Natürlich will man wohl ausdrücken, dass Terroristen keine Moslems sind.“ Doch die Art und Weise, wie dies in dem Brief geschehe, sei zu bemängeln. „Solche Schmähbriefe braucht man nicht. Dieser Aufruf gefällt mir überhaupt nicht“, stellte der Ditib-Vorsitzende am Dienstag fest.

Das Schreiben des religiösen sowie politischen Führers des Irans ist seit Ende Januar 2015 im Umlauf. Die deutsche Übersetzung hat bereits in mehreren Großstädten der Bundesrepublik für negative Schlagzeilen gesorgt.

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