Aachen: Interview: Für die Schulleitung ist das bunte Klientel eine Chance

Aachen: Interview: Für die Schulleitung ist das bunte Klientel eine Chance

Dass das Geschwister-Scholl-Gymnasium (GSG) am Samstag ab 10 Uhr an der Stolberger Straße seinen 50. Geburtstag feiert, hätte vor einigen Jahre keiner gedacht. Die Schule im Aachener Osten stand schon vor dem Aus.

Schulleiter Jan-Dirk Zimmermann und seine Stellvertreterin Ilma Sturms erklären im Gespräch mit AZ-Redakteurin Annika Kasties, warum sie die bunte Vielfalt der Schule als Chance sehen.

Frau Sturms, Sie waren selbst einst Schülerin am GSG. Wie haben Sie den ersten Schultag erlebt?

Sturms: Ich war 1972 der erste Jahrgang, der in das neue Gebäude gezogen ist. Die Schule ist ja vier Jahre vorher gegründet worden und war damals noch in den Räumen der Hugo-Junkers-Schule untergebracht. Für uns als Sextaner war das total aufregend — von der beschaulichen Grundschule zu dieser großen, brandneuen Schule. Wir waren 160 Fünftklässler, hatten Klassen mit 40 Schülern. Es war die Zeit der Babyboomer. Meine Mutter hatte sich damals ganz bewusst für dieses Gymnasium entschieden. Damals gab es in Aachen noch eine ganze Menge Jungengymnasien, und das Geschwister-Scholl-Gymnasium nahm zu dem Zeitpunkt nur Mädchen auf.

Warum wollten Sie Jahre später als Lehrerin ans GSG zurück?

Sturms: Ich habe gesehen, welchen Wandel diese Schule gemacht hat und fand das total spannend. Vor 50 Jahren war die Schule noch eine Mädchenschule, das Einzugsgebiet war weitgehend Eilendorf und Brand. Ich war eine der Außenseiterinnen, weil ich aus dem Aachener Westen kam. Ab Mitte der 1970er Jahre wurden hier auch Jungen beschult. Dann veränderte sich auch das Viertel. Als wir in der Oberstufe waren, kam die erste türkische Schülerin zu uns. Darüber hinaus blieben die deutschen Schüler meist unter sich. Auch nach der Schulzeit fühlte ich mich mit der Schule verbunden, habe beim Schulchor bei Auftritten weitergesungen. Die erste Chance, die ich hatte, ans GSG zurückzukommen, habe ich dann auch ergriffen.

Herr Zimmermann, dieser Standort ist besonders. Das Ostviertel gilt als Problemviertel.

Zimmermann: Anders als Frau Sturms bin ich in einem sehr internationalen Viertel aufgewachsen. Schon zu Grundschulzeiten bin ich mit mindestens acht unterschiedlichen Nationen groß geworden. Deshalb hat mich diese Form von bunt, wie ich sie hier angetroffen habe, überhaupt nicht erschreckt. Mit diesem bunten Publikum sind wir eine Profilschule. Wir werden natürlich nie die Chance haben, „Jugend forscht“ oder einen vergleichbaren Wettbewerb zu gewinnen. Aber der Status als sehr internationale Schule, als Mischpunkt der Kulturen, bietet auch Chancen. Wir können zum Beispiel im Bereich Demokratie viel bewegen.

Wie zeigt sich das im Alltag?

Zimmermann: Dass man bestimmten Jungs erklärt, dass Mädchen die gleichen Rechte haben. Dass man dem Russen erklären, dass der Ukrainer mitmachen darf, und natürlich dass man dem Ukrainer erklärt, dass der Russe hier nur ein ganz normaler Schüler ist. Beliebig welche Kombination — das ist bei uns Kern- und Alltagsgeschäft und unglaublich spannend.

Sturms: Und es ist ein Mut machendes Alltagsgeschäft. Ich würde gerne eine Erfolgsgeschichte erzählen. Wir hatten einen Konflikt in der Jahrgangsstufe 7 zwischen einem türkischen Schüler und einer russischen Schülerin, der einen politischen Hintergrund hatte. Zwei Jahre später wichteln sie vor Weihnachten, jetzt in Klasse 9. Sie ziehen sich beim Wichteln, schenken sich gegenseitig etwas, und das Geschenk wird mit einem kleinen Küsschen überreicht. Das heißt in diesen zwei Jahren haben sie gelernt, dass die politischen Konflikte, die von außen an sie herangetragen werden, hier ein fröhliches Zusammenleben in der 9. Klasse eben nicht prägen müssen. Das sind Geschichten, bei denen ganz deutlich wird, was wir hier machen.

Ein besonders hoher Ausländeranteil wird an Schulen allerdings auch als problematisch angesehen.

Sturms: Das ist natürlich etwas, das viele Eltern abschreckt. 80 bis 90 Prozent unserer Schüler haben Migrationshintergrund. Wir haben eine fünfte Klasse, in der kein Kind ohne Migrationshintergrund ist.

Sie sehen das aber als Vorteil?

Zimmermann: Alles ist Fluch und Segen zugleich. Für uns wäre es natürlich nicht schlecht, wenn wir mehr deutsche Muttersprachler hätten. Das bedeutet, dass wir jetzt überlegen, wie wir den Sprachqualitätsrahmen für unsere Schüler durch Zusatzangebote erhöhen können, weil wir sehen, dass es in diesem Bereich tatsächlich ein Defizit gibt. Allgemein denke ich aber, dass wir unterschätzt werden.

Inwiefern?

Zimmermann: Als ich als Lehrer in Rostock in Mecklenburg-Vorpommern war, wurde erhoben, welche Schulen den besten und den schlechtesten Abiturschnitt haben. In so einer Statistik würden wir mit Sicherheit ganz unten gehandelt werden. Wenn wir aber umgekehrt auf Bildungsaufsteiger gucken, erheben, wie viele Menschen, die ursprünglich nicht aus Deutschland stammen, hier ins System hineinkommen und den Sprung in die Gesellschaft geschafft haben, glaube ich, dass diese Schule einen herausragenden Sonderposten in NRW hat. Sie glaubt nur teilweise selbst nicht dran, und öffentlich wird es nicht wahrgenommen.

Als Teil des Schulverbandes Aachen-Ost arbeiten Sie eng mit der Hauptschule Aretzstraße und der Hugo-Junkers-Realschule zusammen.

Zimmermann: Richtig. Ich bedauere es sehr, dass die anderen Schulformen teilweise schlecht geredet werden. Das führt dazu, dass die Kollegen, gerade an der Hauptschule, im schlimmsten Sinne des Wortes eine Resteverwaltung machen müssen. Damit werden die Schüler und Kollegen massiv abgewertet. Das finde ich furchtbar, denn gerade hier im Viertel gibt es viele Schüler, die nicht nur bildungsfern, sondern insgesamt in extrem schwierigen Umständen aufwachsen. Wir versuchen mit diesen Schülern so weit wie möglich zu kommen. Das heißt, dass Schüler, die analphabetisch aufgewachsen sind, zunächst an der Hauptschule bis zur Berufsreife gebracht werden.

Schüler, die traumatisch belastet und nicht in der Lage sind bei uns die zweite Fremdsprache so schnell mitzunehmen, werden sehr sanft an die Realschule herübergegeben. Was ärgerlicherweise über diese öffentliche Abwertung immer weniger gelingt, ist der umgekehrte Sprung nach oben, weil den Eltern immer stärker suggeriert wird, dass sie es — wenn es irgendwie nur geht — von vornherein am Gymnasium versuchen sollen. Das System tötet sich gerade so ein bisschen selbst. Das macht die enge Zusammenarbeit mit den anderen beiden Schulformen auch schwierig.

Trotz aller Schwierigkeiten, wie sieht diese Kooperation konkret aus?

Zimmermann: Der Übergang zur Oberstufe wirkt sicherlich am zentralsten. So legen zum Beispiel die drei Schulen Lehrerstunden zusammen, um Defizite bei Schülern im Vorfeld auszugleichen und den Übergang von einer Schulform auf die andere zu erleichtern. Darüber hinaus gibt es z. B. gemeinsame Fahrten, etwa nach England oder nach Brüssel.

Vor der Gründung des Schulverbands wurde über die auslaufende Schließung der drei Ost-Schulen und die Errichtung einer neuen Gesamtschule diskutiert. Nun bringt der Schulausschuss eine fünfte Gesamtschule auf den Weg. Was halten Sie davon?

Zimmermann: Ich glaube, dass es ein vielfältiges voneinander abgegrenztes Schulangebot geben muss. Deshalb würde ich auch für ein weiteres Angebot von Haupt- und Realschule plädieren. Was unsere Schule angeht, denke ich, dass mittlerweile in der Politik angekommen ist, was für ein exklusives Bildungsangebot wir bieten. Trotzdem müssen wir uns weiterentwickeln. Die Themen Sozialbetreuung und Eingliederungshilfen machen wir zurzeit quasi als Hobby. Wir brauchen einen deutlich stärkeren sozialpädagogischen und vielleicht sogar psychologischen Rahmen, um diese Aufgaben professioneller leisten zu können.

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